Carolin Emcke
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"Zur Lage des Journalismus"- Rede auf der Jahrestagung von Netzwerk Recherche

Um gleich mit einer Enttäuschung zu beginnen:

Über die „gegenwärtige Lage des Journalismus" werde ich nicht oder nicht vornehmlich sprechen. Davon verstehen andere mehr.

Deswegen gebe ich auch gleich zu Anfang zu: die ewig selben Konferenzen auf der Suche nach der ganz neuen Art, Geschichten zu erzählen, haben mich meist gelangweilt, das narzistisch gekränkte Klagen über die Entwicklung des Journalismus durch Blogger und Vjs im Netz ebenso.

Mehr als das Internet schreckt mich die zunehmende Neigung unserer Zunft, sich angstvoll mit sich selbst zu beschäftigen, und darüber die Auseinandersetzung mit der Welt zu vernachlässigen. Diese Tendenz, die Wirklichkeit nur noch als Material für Texte oder Filme zu verstehen, also letztlich „Armut" bloß für eine Rubrik zu halten, gehört zu den beunruhigendsten Deformationen des gegenwärtigen Journalismus und scheint mir schädlicher als jeder Konkurrenzdruck der Netzgemeinde.

Weil mich aber die soziale Welt mit ihren politischen, ethischen und existentiellen Fragen interessiert und der Journalismus nur in seiner kritischen Funktion im Bezug auf diese Welt, möchte ich stattdessen etwas anderes versuchen heute....