Carolin Emcke
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Blog: Was ich nicht verstanden habe, ....

  • Phantasmen eines sexuellen Hypochonders

    27. Juli 2009, 09:00 Uhr

    Was ich nicht verstanden habe, ist, was die Sexualität der Eltern mit dem Wohl des Kindes zu tun haben soll?

    Auf den Vorschlag von Bundes-Justizministerin Brigitte Zypries (SPD), homosexuellen Paaren das volle Adoptionsrecht zu geben, entgegnete Volker Kauder (CDU): "Es geht bei dem Vorschlag allein um die Selbstverwirklichung von Lesben und Schwulen und nicht um das Wohl der Kinder."

    Aha. Zunächst also ist für Herrn Kauder der Kinderwunsch bei homosexuellen Paaren bloßer Ausdruck von Selbstverwirklichung.

    Na, was bitte ist denn der Kinderwunsch bei heterosexuellen Paaren? Zwangsbeglückung? Christliche Reproduktions Pflicht, der sich die Paare aus Vernunftgründen opfern? Hat denn der Kinderwunsch bei heterosexuellen Paaren so wenig mit der Freude und der Lust auf ein Leben mit Kind zu tun?

    Wenn das so wäre, dann sollte dringend darüber nachgedacht werden, ob heterosexuelle Paare wirklich dem Wohl des Kindes dienen können. Denn wie fühlte sich das wohl für ein Kind an, das dauernd mit dem Wissen aufwächst, seine Eltern empfänden es als ein Hinderniss für ihre eigene Selbstverwirklichung?

    Zum anderen ist für Herrn Kauder das Wohl des Kindes gefährdet, wenn es bei homosexuellen Eltern aufwächst. Warum eigentlich? Was hat denn die Sexualität der Eltern mit dem Wohl des Kindes zu tun? Warum sollte das Wohl des Kindes gefährdet sein, wenn die Eltern homosexuell sind?

    Herr Kauder fürchtet anscheinend, dem Kind würde dadurch geschadet, dass es mit ansehen muss, dass seine Eltern schwul sind. Warum? Weil es dann selbst schwul würde? Weil das ansteckend ist? Weil Eltern ihre Sexualität an ihre Kinder vererben? Weil Homosexualität sich dann plötzlich epidemisch ausbreiten würde?

    Hübsche Theorie. Nur leider lässt sich damit nicht erklären, wie jemals homosexuelle Kinder von heterosexuellen Eltern stammen können.

    Wissenschaftliche Studien zu der Frage, ob die Kinder von homosexuellen Eltern eine größere Neigung zur Homosexualität hätten, widersprechen dieser Annahme. Aber für einen sexuellen Hypochonder wie Herrn Kauder sind empirische Untersuchungen keine Hemmnisse für seine Phantasmen.

    Was treibt Herrn Kauder bloß so um bei dieser Vorstellung? Selbst wenn es so wäre, und auf einmal aus lauter homoexuellen Eltern lauter homosexuelle Kinder "rauskämen" - was wäre daran das Problem?

    In Wahrheit sind doch nicht die homosexuellen Eltern ein Problem des Kindes, sondern diejenigen, die die Homosexualtität der Eltern für ein Problem halten. Dem Wohl des Kindes schadet nicht die Homosexualität der Eltern, sondern die Homophobie von Leuten wie Herrn Kauder.

    Der bayrische CSU-Fraktionschef Georg Schmid ergänzte, für die Entwicklung von Kindern sei es das Beste, wenn sie mit Vater und Mutter aufwüchsen.

    Ah. Brillant. Und was macht dann die CSU in den Fällen von alleinerziehenden Müttern oder Vätern? Wird denen dann das Sorgerecht entzogen, weil es auch nicht zum Wohl des Kindes ist?

    Und was ist mit all den heterosexuellen Väter und Müttern, die ihre Kinder missbrauchen und misshandeln, vernachlässigen und vergewaltigen, oder einfach nur lieblos und gleichgültig behandeln? Das sind doch Väter und Mütter, und es ist doch für Kinder immer das Beste, wenn sie bei Vater und Mutter aufwachsen, nicht?

    Das Beste für Kinder sind Eltern, die ihr Kind lieben, die es fördern und fordern, und die ihm vermitteln, dass Gleichwertigkeit nicht Gleichartigkeit bedeutet.

    Eine Erkenntnis, die Herrn Kauder anscheinend abgeht.

  • Eine Chance für die "Schock-Strategie"

    15. Dezember 2008, 10:00 Uhr

    Was-ich-nicht-verstanden habe

    Ist, wieso die Finanzkrise nicht als Geschenk begriffen werden kann, wieso die Politiker nicht dankbar sind und über die Gelegenheit, endlich einmal Gestaltungsfreiheit, ja, einen Gestaltungs-Auftrag zu haben, jubilieren.

    Da rufen alle nach einem starken Staat, da gelten auf einmal Politiker als die besseren Wirtschafter, da vertrauen nicht einmal mehr liberale Ökonomen der unsichtbaren Hand des Marktes, die allein doch alles schon zum Besten regeln könnte, und die Politiker reagieren wie ein Fussballer auf einen Steilpass, der ihn in den freien Raum schickt, und anstatt mit Zug aufs Tor zu starten, steht er auf der Stelle und tändelt mit dem Ball herum, vor lauter Angst, allein vorm Tor vielleicht verwandeln zu können.

    Dabei wäre dies die beste Zeit für das, was die kanadische Autorin Naomi Klein vor einem Jahr eine „Schock-Strategie" nannte. Naomi Klein stellte in ihrem gleichnamigen Buch die These auf, Gesellschaften, die durch eine Naturkatastrophe oder einen Krieg wehrlos danieder lagen, wären in einem solchen „Schock-Zustand", dass sie besonders empfänglich für radikalen Reformen gewesen seien. Während Naomi Kleins Buch sich mit politisch-ökonomischen Umwälzungsprozessen in so unterschiedlichen historischen Kontexten wie Chile nach Allende, New Orleans nach Katrina und dem Irak Krieg befasste (und sie dabei argumentierte, diese Umwälzungen seien kein Zufall, sondern Manipulation neoliberaler Strategen), frage ich mich diese Tage, ob es nicht etwas an dieser Vorstellung gibt, das sich politisch umgekehrt gewendet auf die jetzige Situation anwenden lässt:
    die Welt befindet sich unter dem Eindruck der Finanzkrise in einem Schock-Zustand. Das Vertrauen in die Selbstheilungskräfte des Marktes ist zerstoben, die globalisierte Wirtschaft hat sich weniger als unendlich progressiv und wachsend, sondern vielmehr als fragil und verwundbar erwiesen, die Angst vor der Krise der Real-Wirtschaft und der Rezession unterwandert all die Instrumente, die gegen die Krise der Real-Wirtschaft und der Rezession eingesetzt werden könnten – und in dieser Not blicken alle zu dem Staat als einzig stabilem Faktor.

    Man sollte annehmen, dass visionäre Politiker eben davon geträumt haben: dass sie nicht den Vorgaben der Wirtschaft hinterherlaufen müssen, dass sie sich nicht zurückziehen müssen aus Unternehmen und Betrieben im Zuge von Privatisierungen, dass sie ihren Einfluss und ihre Macht nicht einschränken müssen, sondern eingreifen dürfen.

    Die Chance ist nun da. Die Chance für eine Schock-Therapie: anstatt eine Auto-Industrie zu retten, die sich einer ökologisch sinnvollen Weiterentwicklung ihrer Produkt-Palette verweigert, anstatt in Pozen finanzielle Unterstützung all denen zuzusichern, die klimapolitisch rückständige Energiepolitik betreiben, wäre es doch die Gelegenheit, die allseits in Lippenbekenntnissen bekräftigte Sehnsucht nach Wandel durchzusetzen. Es wäre die Chance für eine Schock-Therapie, die aufräumt mit dem Mythos vom Gegensatz zwischen Ökonomie und Ökologie, der Lüge, dass Respekt für die Umwelt immer Respektlosigkeit für Arbeitsplätze bedeutete.

    Es wäre eine Chance für eine Schock-Therapie, in dieser Krise nicht grundsätzlich jedes Unternehmen, jede Bank, jeden Betrieb zu retten, koste es, was es wolle, ganz gleich, wie rückwärtsgewandt die Industrie oder wie ökologisch fahrlässig das Produkt. Es wäre eine Chance, das Thema der Erderwärmung nicht nur interessant und relevant zu finden, wenn Knut schwitzt, sondern wenn es Gelegenheit gibt, Regeln und Normen aufzustellen, die daran wirklich etwas ändern könnten, wenn es Gelegenheit gibt, diejenigen Unternehmen mit ökologisch nachhaltigen und innovativen Produkten zu fördern und von den anderen eine Umstellung auf solche Produkte oder Produktionsweisen zu fordern.

    Das wäre das vertikale Spiel, von dem im Fussball immer die Rede ist. Und das wäre eine sinnvolle Wendung der Schock-Therapie.

  • Der Preis der Angst

    14. November 2008, 16:00 Uhr

    Was ich nicht verstanden habe an der amerikanischen Sicherheitspolitik, ist, wieso sie andere bezahlen müssen.

    Ich meine nicht, wie vielleicht manch kritische Leser jetzt annehmen könnten, wieso andere dafür mit ihrem Leben bezahlen müssen.

    Nein, ich meine das ganz wörtlich: wieso andere dafür bezahlen müssen.

    Irgendwie scheint es ein kleines Missverhältnis zwischen dem Preis eines legitimen Sicherheitsbedürfnisses und den dreisten Bürden der Angst zu geben.

    Vor einigen Tagen bekam mein Bruder folgende email:

    From: (Name habe ich gelöscht)

    Date: November 12, 2008 1:09:18 PM PST

    To: 'Matthias Emcke' <memcke@mac.com>

    Subject: RE: Your shipment- exam

    Dear Mr. Emcke,

    As mentioned before your shipment has been selected by Homeland Security for an exam and according to your origin agent the charges related to this exam are for your account.

    Attached to this email please find the invoice indicating the amount due ($35.45).

    As the personal checks are not accepted, please send as soon as possible a money order or cashiers check payable to CAROTRANS INTL to the address indicated on the attached invoice (Rancho Dominguez, CA)

    Please note that it is important that the steam ship line receives this payment within next 2-3 days.

    Please print this attachment and send it together with the check as a reference for your shipment.

    Please keep the tracking number that will be provided to you by the courier you have chosen (FedEx, UPS, etc).

    If you have any questions, please do not hesitate to contact me.

    Nun, mein Bruder lebt in den USA, er ist Besitzer der Green Card und alle seine Kinder sind amerikanische Staatsbürger. Er ist also genuin an einem Schutz der Grenzen der Vereinigten Staaten durch die Homeland Security interessiert.

    Er ist auch keineswegs berunruhigt darüber, dass seine Koffer persönlich durchsucht oder maschinell durchleuchtet werden sollen. Aber warum er dafür die Kosten übernehmen soll, ist doch etwas eigenwillig.

    Unklar bleibt auch, wie die Summe von 35,45 US Dollar entsteht.

    Vor allem die 45 cents.

    Die Logik dieser Rechnung ist so als wenn jemand, der in eine zufällige Razzia gerät, ohne Zutun oder Vergehen, die Kosten für den Polizeieinsatz (anteilig) zu übernehmen hätte.

    Man fragt sich ja: wieviel Geld kommt da wohl zusammen, jedes Jahr, durch diese per Zufallsgenerator bestimmten Durchleuchtungen?

    Was macht die Homeland Security damit?

    Vielleicht sollte die neu gewählte amerikanische Regierung sich überlegen, ob sie dieses Geld zur Refinanzierung der Familien einsetzt, die durch die Subprime Kreditkrise ihre Häuser verloren haben.

    Das wäre dann eine echte Form der Homeland Security.

  • Blog aus GAZA

    Zwischen Überleben und Leben

    6. November 2008, 08:00 Uhr

    Die Hoffnungslosigkeit ist ockerfarben. Sie bleibt haften. Sie klebt an den Innenseiten der Finger, unter den Fingernägeln, sie bildet dort kleine ausgetrocknete Rinnsale, gelbliche Spuren, mit denen der feuchte Sand einsickert in die Haut, lehmiges Pulver, das in winzigen Klumpen die Wimpern zusammenklebt. Die Hoffnungslosigkeit tragen die Männer, die hinabsteigen, am Körper, in ihren Haaren und ihrer Kleidung. Jeden Tag, vierzehn Mann, immer sieben zusammen, in wechselnden 12 Stunden Schichten, arbeiten sie an dem Tunnel, der das abgeschlossene Gaza mit dem offenen Ägypten verbinden soll.

    Wieviele Hoffnungen haben sie schon verloren? Sie sind des Wartens müde, sie wollen nicht mehr glauben an eine Veränderung, die von anderen abhängt, und die dann nur enttäuscht wird. Wie oft hatten sie das schon? Sie haben gehofft auf den Abzug der israelischen Siedler aus dem Gazastreifen, den Rückzug der Truppen, sie haben sich diesen Moment herbeigesehnt, und als er dann kam, da erfüllt sich nichts davon: der Gazastreifen war frei, aber geschlossen, sie hatten ihr Land zurück, aber keine Arbeit mehr. Sie hatten gehofft auf ein friedliches Leben in Gaza, aber am Ende der Besatzung hörte die Gewalt nicht auf, die der eigenen Radikalen nicht, die weiter Qassam Raketen auf die israelischen Dörfer nördlich des Gazastreifens abfeuerten, und die der israelischen Armee nicht, dieser Zirkel der Gewalt, bei der kein Anfang und kein Ende mehr zu erkennen ist.

    Sie haben keine Hoffnung mehr, dass sich eine Seite ihrer erbarmt: die palästinensichen Milizen nicht, die sie erfolglos anflehen, nicht in ihrer Nachbarschaft die Raketen mit den Zeitzündern aufzustellen, sie bitte nicht aus ihrem Vorgarten in Richtung Israel abzufeuern, die israelischen Militärs nicht, die mit ihrem Gegenschlag in ihr Haus, ihren Innenhof, in ihre Mitte treffen, kurze Zeit später. Sie hoffen nicht mehr darauf, dass die Gewalt jene trifft, die sie auch verursachen.

    Und sie glauben nicht mehr an eine Versöhnung der zerstrittenen palästinensischen Parteien, wen immer man spricht, in den neuen Internetcafes in Gaza City, in denen die letzten verbliebenen Mitglieder der urbanen Mittelschicht sich treffen, die die noch nicht ins Ausland geflohen sind, oder in den verrauchten, düsteren Teeküchen in den Flüchtlingslagern von el Burej oder in den Wellblechhütten und Zelten über den illegalen Tunneln von Rafah an der Grenzen zu Ägypten, sie scheinen die Hoffnung auf Repräsentation durch ihre Repräsentanten aufgegeben zu haben. Ob Hamas oder Fatah nun die Verantwortung trägt, die einen verhaften und misshandeln ihre Gegner so wie die anderen, sie boykottieren sich gegenseitig, die Parteien der ehemaligen „Einheitsregierung", und neben den internationalen Sanktionen seit der gewaltsamen Machtübernahme der Hamas im Juni 2006, belegen sie sich nun auch noch gegenseitig mit Streiks und Behinderungen: alle Lehrer, Ärzte und Krankenschwestern, die ihr Gehalt von der Autonomie Behörde aus Ramallah beziehen, sind gezwungenermaßen im Streik: die Regierung im Westjordanland hat den Ausstand angeordnet, um die Hamas in Gaza unter Druck zu setzen. So sitzen nun zahllose gut ausgebildete Erzieher und Mediziner untätig Zuhause, beziehen ihr Gehalt, Monat für Monat, unfreiwillig. Wer sich weigert, die Arbeit zu verweigern, dem entzieht Ramallah alle Pensionsansprüche. Hamas hat daraufhin die Stellen neu besetzen müssen. Besonders wählerisch konnten sie bei der Auswahl der Kandidaten für Schulen und Krankenhäuser da nicht sein. Wem soll damit gedient sein?

    Die Hoffnungslosigkeit lässt sich zählen. In Schächten, zwölf bis fünfzehn Meter tief, die in den harten Boden von Rafah gegraben werden, in elektronischen Winden, mit denen leichtgewichtigen Arbeiter herabgelassen werden, an einem Drahtseil und auf einer kleinen hölzernen Schaukel, in die Finsterniss, die Hoffnungslosigkeit lässt sich erkennen in dem dunklen Schlauch, der sich durch die Erde unter der Grenze zu Ägypten windet, ohne Absicherung an den sandigen Wänden, ein Stollen ohne Stützen, sie lässt sich erkennen an den beiden Kabeln, die durch den Tunnel laufen, an der Wand entlang, eines leitet Strom zum vordersten Mann, der mit der Bohrmaschine den Weg in die Freiheit bahnt, eines leitet Sauerstoff, damit er nicht erstickt dabei. Vorne im Eingang, unter dem Schein des einfallenden Lichts des Schachts, auf einem kleinen, zerdrückten Kissen, sitzt der schmächtigste Junge, an einem Babyphone, weil Handys in dieser Tiefe keine Verbindung bekommen, und hält Kontakt zu den gelb verklebten Männern am Endes des Tunnels, dort, wo es die eine andere Glühbirne gibt und den Empfänger der Fernsprechanlage.

    Einmal in dem erdigen Schlauch legt sich eine feuchte Schwere auf die Lunge, auf allen Vieren nur, langsam, krabbelt es sich Meter um Meter vorwärts. Drehen und wenden können sich nur schmächtige Kinder und Jugendliche. Der Sand, der den Weg zur Grenze noch versperrt, wird in aufgeschnittenen, blauen Plastik-Tonnen abgefüllt, und dann an Seilen herausgezogen, wie Perlen an einer Kette sind die Bottiche aneinander geknüpft.

    Die Hoffnungslosigkeit macht erfinderisch. Sie wollen nicht mehr warten darauf, wie sie enttäuscht werden. Sie wollen nicht mehr warten darauf, wie die dürre Menge an Waren über die Grenze kommt, genug, um nicht zu verhungern, aber zu wenig, um selbstständig das wirtschaftliche Leben in Gaza zu sichern. Wegen der spärlich zugelassenen Rohmaterialien und Waren, die für die Fabriken nutzbar wären, liegt die Arbeitslosigkeit im Gazastreifen laut Weltbank bei 45 Prozent, mehr als 95 Prozent aller Betriebe mussten wegen der Blockade schließen, nach Schätzung der UN leben mehr als 80 Prozent der Bevölkerung in Gaza unterhalb der Armutsgrenze. Und deswegen graben sie sich ihren eigenen Weg zum Überleben in Gaza: die Tunnel unter der Grenze sind illegal, (und so wollen die Arbeiter ihre Namen nicht nennen), sie sind lebensgefährlich, aber sie sind die kreativste Form des Widerstands gegen die Ausweglosigkeit falscher Hoffnungen.

    Etwa 700 solche Tunnel gibt es inzwischen, sie ziehen sich entlang der Grenze, für jeden sichtbar, ein Wildwuchs an Einstiegen, mit Leitern, Stahlseilen, Winden, tauchen sie hinab in die Schächte, und graben, jeden Tag neu, unkontrolliert, über- und untereinander laufen die Tunnel inzwischen, sie hören einander graben, ein eigenes Regelwerk ist entstanden in dem unregulierten Labyrinth aus Gräbern: wer auf einen bereits bestehenden Tunnel stößt, muss ausweichen und oberhalb oder unterhalb weiter graben. Jeder Fehler, das wissen sie hier, wird bestraft. Jede Woche stürzen die unsicheren Bauwerke ein, jede Woche begraben sie junge Männer unter sich, die ihr Glück dort suchen. Für sich oder für andere. Sie bringen alles, woran es fehlt in Gaza, das, was Überleben und das, was Leben ausmacht: Schmerzmittel und „Galaxy-Schokolade", Waschmaschinen-Motoren und Saiten für die „Oud", die arabische Laute. Sie spezialisieren sich, die Schmuggler und Tunnelbesitzer, manche transportieren nur Benzin, manche bringen Kälber und Ziegen. Der Benzin- und Dieselpreis in Gaza ist gesunken seit die Tunnel ihren Betrieb aufgenommen haben, in großen Container wird das flüssige Gold gepumpt, und dann mit durch eine Zapfsäule literweise verkauft. Am Markt vom Rafah, zwischen den durch jahrelange Gefechte mit der israelischen Armee, zerschossenen Häuserzeilen, stehen blankgeputzte Vespa-Roller, die in Einzelteilen zerlegt, durch die Tunnel geschleppt wurden.

    Es nicht gerade das blühende Leben, aber aus der Hoffnungslosigkeit ist Form der Selbsthilfe entstanden, die in ihrer Absurdität ein Stückchen Normalität errungen hat.

  • Blog aus GAZA

    Die Krise aus (in) der Ferne betrachtet

    26. Oktober 2008, 08:00 Uhr

    Die Krise aus (in) der Ferne -

    Seit zwei Tagen nun im Gazastreifen. Das ist keine große Entfernung von Berlin. Selbst die Uhrzeit ist dieselbe. Von unserem Hotelzimmer blicken wir auf das grün-blaue Mittelmeer. Nachts dringt das Geräusch der brechenden Wellen herein, sie schlagen im ewigen Rythmus. Morgens schmecken wir das salzige Wasser, es läuft aus dem Hahn im Bad, und beim Zähneputzen meint man, es kauen zu können. „Poesie hart wie Brot", hat Ingeborg Bachmann einmal geschrieben, Poesie, die wie Sand zwischen den Zähnen knirscht, so fällt es mir wieder ein, wenn ich am Morgen die milchige Farbe im Glas am Waschbecken betrachte. Das braucht es an einem Ort wie diesem, so nah von Berlin, und doch auf einmal so weit entfernt von all den Gesprächen und Debatten über die Finanzkrise, den Absturz von Dow und Dax, die Verunsicherung der ewig sicheren Schweiz, die Versicherungen von all den Wirtschaftsfachleuten, die mit dem ideologischen Zeitgeist schwimmen, eben noch der Deregulierung und der endlosen Expansionskraft des Marktes das Wort redeten und jetzt der Gier der Finanzwelt, weit entfernt die ersten Entlassungen in der Industrie, Proteste bei der Bayern LB, die Angst vor der Angst.

    Das ist auf einmal weit entrückt.

    Gestern haben wir eine Freundin besucht. M. ist eine jugendliche Mit-Vierzigerin mit kurzen grauen Haaren und einem breiten Lachen, sie kann zwei Neffen auf ihren Knien balancieren, sie mit Datteln versorgen und gleichzeitig die Konflikte der palästinensischen Gesellschaft bschreiben. Sie schont niemanden dabei. Ihr Blick ist nicht einfach nur nach Aussen gerichtet, auf die Gegner jenseits der Grenzen, die sie hier eingeschlossen halten, in einer Gegend, in der unabhängige Köpfe wie sie nicht gern gesehen werden, sondern ihr Blick richtet sich auf die selbstgeschaffenen Grenzen. Zu Fatah-Zeiten rebellierte sie gegen deren Korruption, zu Zeiten von Hamas rebelliert sie gegen deren Repression. Das alles erzählt sie heiter. Sie schenkt Pfefferminztee aus und scherzt über die Dollar, die sie von den reichen Gästen dafür einkassieren wolle. Das mitgebrachte Buch von Michael Ondaatje kennt sie und überlegt sofort, wem sie es weiterverschenken könnte. Wir sitzen, unter Obstbäumen im Garten ihrer Familie in dem Ort, in dem M. seit vielen Jahren eine Ngo betreibt, die Kinder der Gegend betreut. Die Mauer, die ihr Grundstück von der Straße trennt, hat unebene Stellen und die helleren Steine verraten, dass sie erst jüngst ausgebessert wurde. Mit einem Lastwagen hatte Hamas die Mauer eingerissen. Einfach so. „Dabei hatte ich ihnen vorher gesagt, dass es islamische Sitte ist, zu klopfen und um Einlass zu bitten. Aber wenn ich sie nicht einlade, dann haben sie auch keinen Zutritt zu meinem Haus," sagt M. und lacht, „man muss sie an ihre eigenen Quellen erinnern." Und dann beginnt sie zu erzählen wie es ihr ergangen ist, seit wir das letzte Mal hier waren: im Juli habe ein Trupp von bewaffneten Männern der Hamas ihr Büro gestürmt, erzählt M. Eine ihrer Mitarbeiterinnen hatte sie Zuhause angerufen, um sie zu warnen. Sie solle sich verstecken. Nach einer Explosion am Strand von Gaza, bei der fünf Menschen umgekommen waren, hatte Hamas einen als Ermittlung getarnten Raubzug durch zahllose Nachbarschaften begonnen. Ganze Familien, Institutionen und eben NGOs wurden bezichtigt, beteiligt zu sein, Waffen zu lagern, die Kriminellen zu unterstützen. Gegen alle Warnung ging M. zu ihrem Büro. So wie immer. Unverschleiert. In Jeans und Turnschuhen. „Warum sollte ich nun anders aussehen?", sagt M. und schüttelt den Kopf als müsse sie sich selbst diese Frage beantworten. Ein bewaffneter Typ der Hamas machte ihr auf, erzählt M., und mit einem Blick war zu sehen, wie die Männer gewütet hatten, alle Computer, alles technische Equipment war schon zum Abräumen parat, sechs maksierte Männer bauten sich vor M. auf, und sie sagte, zu dem Anführer, er möge doch bitte seine Waffen draussen vor der Tür ablegen, in diesem Haus seien keine Gewehre gestattet…."

    Er hat mich angestarrt und gar nicht reagiert," erzählt M. „er war fassungslos. Nicht wütend. Nicht aggressiv. Nur fassungslos." M. erzählt wie der bärtige Kämpfer der Hamas da vor ihr stand,und sie, die unverschleierte Frau in Hosen, ihn anwies, seine Waffen abzulegen. „Er hat dann mit seinem Handy seinen Chef angerufen und ich hörte ihn sagen: hier ist irgendjemand, eine duchgeknallte Verrückte, und sie sagt irgendwas, was ich nicht verstehe." M. lacht laut auf und gestikuliert vergnügt mit den Händen als sei dies der schönste Witz des Jahres: „Dabei sprachen wir beide arabisch. Er hat mich wirklich nicht verstanden. Die Vorstellung, Waffen abzulegen, weil eine unverschleierte Frau ihn dazu auffordert, war so als hätte ich eine fremde Sprache mit ihm gesprochen."

    Nach Wittgenstein hängt die Bedeutung eines Wortes auch von seiner Verwendung ab. Erst der Gebrauch gibt dem Wort einen Sinn. Ms Geschichte macht deutlich, dass auch moralische Normen und Konventionen, Symbole und Gesten von ihrem Gebrauch abhängen. Für den Anführer der Hamas Truppen war es buchstäblich nicht verständlich, was ihm da geschah. Eine Frau, die den Regeln der Hamas, wie eine Frau sich zu kleiden hatte, widersprach, war keine Frau. Er konnte sie kaum als solche erkennen. Eine Frau nun, die angstfrei war, die ihm widersprach, die sich vor seinen Waffen nicht fürchtete, das war undenkbar. Sie musste verrückt sein. Jemand, die Waffen nicht als Machtmittel anerkannte, musste aus einer anderen Welt, nicht aus der hiesigen stammen. So allgegenwärtig durchzieht die Ideologie der Hamas mittlerweile die Welt im Gazastreifen, dass jede Geste, jedes Zeichen, das von einer anderen Ordnung, einer anderen Moral, einem anderen Selbstverständnis zeugt, aus der Welt und ohne Verstand ist.

    Als in den 80er Jahren die Mafia in Sizilien die ganze Lebenswelt und Kultur beherrschte, lange bevor furchtlose Staatsanwälte und Polizisten gegen die Kartelle vorgingen, wurde bei der lokalen Polizei in Palermo ein Mafia-Mitglied vorstellig: er wolle aussagen. Er wolle sich stellen und über alle Verbrechen, von denen er Kenntnis hatte, sprechen und kooperieren mit den Behörden. Die Kommissare lieferten den ehrlichen Mafioso in eine psychiatrische Anstalt – wer behauptete, gegen die Mafia aussagen zu wollen, musste schlicht verrückt sein. Es war kein Akt der Repression, dieses Handeln, sie glaubten wirklich, er sei nicht ganz bei Trost.

    So funktionieren Ideologien, sie etablieren Regeln und Ideen, sie schaffen Praktiken und Überzeugungen, die jedem als natürliche, gegebene, nicht gemachte erscheinen, sie konstruieren Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen: Grenzen der Vernunft, Grenzen der Scham, Grenzen der Moral, die jedem als selbstverständlich und einzig mögliche erscheinen. Ideologien lassen sich auch daran erkennen, ob sie Kritik als Möglichkeit denken können.

    Und da, an dieser Stelle, ist Gaza gar nicht so weit entfernt von Zuhause: irgendwie wurden all diejenigen, die schon vor einigen Jahren auf die Verwundbarkeit des internationalen Finanzwesens hinwiesen, die Formen der Kontrolle und Regeln für Transparenz forderten, ein wenig wie unsere Freundin M. behandelt: als ob sie verrückt seien und eine andere Sprache sprächen. Als gäbe es kein Ausserhalb der Überzeugung eines unendlich sich erweiterenden globalen Gewinnspiels, als müsse, wer sich daran nicht beteiligen wollte, ein Irrer sein, jemand, der die grenzenlose Freiheit nicht wollte, gehörte nicht in die globalisierte Welt.

    Übrigens, M. hat nach diesem Vorfall sämtliche Freunde im Ausland gebeten, alle englisch sprachigen Hamas Vertreter in der Verwaltung anzurufen und den Einbruch (und den Diebstahl aller ihrer Geräte aus der Ngo) anzuklagen: sie wurde zum Tee eingeladen, alles sei ein Missverständnis, und sie konnte sich in einem riesigen Lager, wieder zurückholen, was noch übrig war von ihrem Besitz.

    Wie weit ist das wohl von uns entfernt.

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