Was ich nicht verstanden habe, ist die Aufregung um Sarah Palin, die Gouverneurin von Alaska, die John McCain zu seiner Kandidatin für das Amt der Vizepräsidentin ernannt hat und die sich gerade auf dem Parteitag der Republikaner präsentierte.
Zunächst einmal ihr Vater: "Holy Cow" ..."Heilige Kuh", was soviel heißen kann wie "Ach, Du liebe Scheiße", das waren, laut Newsweek, die ersten Worte von Chuck Heath, dem Vater von Sarah Palin, als er die Nachricht von der Nominierung seiner Tochter erfuhr.
Was sollte das nun heißen?
War "Ach, du liebe Scheiße" Ausdruck seiner Überraschung oder seines Entsetzens?
Was mag wohl George Bush senior gedacht haben als sein Sohn George W. zum Präsidenten der Vereinigten Staaten vereidigt wurde. "Holy Shit", wäre nicht minder angemessen gewesen. Niemand schaute damals so sorgenvoll drein wie Bush senior, vermutlich nicht nur, weil der die Aufgaben des Amtes, sondern vor allem, weil er die Fähigkeiten seines Sohnes kannte. Vermutlich hatte er sich sein ganzes Leben lang angstvoll gefragt, was aus diesem Jungen wohl werden könnte, wie er ihn wohl unterbringen könnte, irgendwo, wo er nicht zu sehr gefordert würde und froh vor sich hin leben könnte..
"Holy Cow"...sagte nun also auch Chuck Heath, und die Heilige Kuh seiner Tochter war schon ein wenig weniger heilig gerade 24 Stunden nach seinem Ausspruch, als bekannt wurde, dass die Traumkandidatin der religiösen Rechten demnächst Großmutter wird, weil ihre 17jährige, unverheiratete Tochter schwanger ist.
Was ich nicht verstanden habe, ist, wen das aufregt.
Sarah Palin, die unerfahrene, international ahnungslose Gouverneurin des Zwergenstaates Alaska, die von sich selbst behauptet, sie sei eine „normale Hockey-Mutter" soll Vizepräsidentin der Vereinigten Staaten werden, und alles, worüber die Medien sich echauffieren ist die Tatsache, dass ihre Tochter ein Kind erwartet? Sarah Palin ist nicht nur gegen die Abtreibung, und damit gegen das Urteil des amerikanischen Verfassungsgerichts „Roe v. Wade" von 1973, das diese unter den Schutz der Privatsphäre stellt und damit legalisiert. Sarah Palin ist auch gegen sexuelle Aufklärung in Schulen , weswegen es in beiderlei Hinsicht absolut nahe liegend scheint, dass ihre Tochter im Teenager-Alter ein Kind zur Welt bringen will/soll.
Da Sarah Palin zusätzlich gegen Sex vor der Ehe ist, scheint es ebenso naheliegend, dass ihre plötzlich allseits bekannte Tochter Bristol nun zur Heirat genötigt werden muss, damit deren Kind zwar in Sünde gezeugt, aber nicht geboren würde.
Soviel zur Logik der religiös-pragmatischen Vernunft.
„Was für eine schöne Familie", sagte nun John McCain bei seinem überraschenden Auftritt nach der Rede von Sarah Palin. „Was für eine schöne Familie", sollte heißen: die „Heilige Kuh" ist vom Eis, die Familie lebe hoch, denn Sarah Palin hatte es geschafft, die Republikaner davon zu überzeugen, dass jeder religiöse Wert, der unterwandert wird, sogleich in die Bestätigung eines anderen Werts umgedeutet werden kann. In ihrer Familie gab es zwar Sex, wo eigentlich keiner sein durfte, aber dieser gleichsam ungewollte Sex führte immerhin zu einer gewollten Schwangerschaft, und das ist ja, in der Überzeugung der religiösen Rechten, ohnehin der einzige Grund für Erotik.
„Was für eine schöne Familie", die Aufregung um Sarah Palin wird nun vermutlich abebben, sie hat die Kritik an ihrer Person als mediale Propaganda gegen eine Außenseiterin abgestempelt. Die mediale Inszenierung der Familie der Kandidaten als Teil der Werbung um Wählerstimmen wird vermutlich weitergehen.
Und das habe ich noch nie verstanden: warum sollen mich die Ehemänner oder –Frauen, ihre Mütter oder ihre Kinder überhaupt interessieren? Was für eine Rolle spielt es, ob Sarah Palins Ehemann trunken am Steuer Auto fuhr, ob ihre Teenager-Tochter guten oder schlechten Sex hat, ob Barack Obamas Stiefvater ihm in Indonesien Boxen beigebracht hat? Warum muss ich mir anschauen, wie die beiden kleinen Töchter von Obama im Scheinwerferlicht einer überdimensional inszenierten Massenveranstaltung in Denver auf der Bühne bereits winken wie Püppchen, deren Batterie dem Ende zuneigt? Warum sollte es relevant sein, ob John McCains mit seiner Frau Cindy glücklich liiert ist?
Von mir aus könnten Sarah Palins Kinder keinen Sex haben, John McCain könnte unverheiratet sein und Obamas Kinder könnten zuhause mit einer Carrera Bahn spielen, sie alle könnten schlechte Ehemänner und Ehefrauen sein, sie könnten ins Bordell gehen (übrigens interessanterweise eine der Fragen, die die Wahlkampfstrategen Sarah Palin vorab gefragt hatten, um ihre Tauglichkeit als Kandidatin zu testen: „Haben Sie jemals für Sex Geld bezahlt?"…bravo. Immerhin trauen sie das einer weiblichen Vizepräsidentin zu…"Holy Cow!) und anschließend darüber ihre Familien belügen.
Was mich interessiert, ist nur die Frage, ob sie als Politiker in der Lage sind zwischen privaten und öffentlichen Belangen zu unterscheiden, ob sie ein politisches Programm vertreten, dass zwischen privaten Werten und öffentlichen, politischen Gütern zu differenzieren weiß, dass bestimmte Fragen wie die der Ehe, der Familie, der Sexualität als Fragen des individuellen Glücks und guten Lebens zu erkennen vermag, und andere wie die der Sozialversicherung, des Zugangs zu Bildung, des Schutzes vor Diskriminierung und Gewalt, der Möglichkeit der Krankenversicherung als Fragen der Gerechtigkeit zu erkennen vermag. Was mich interessiert, ist, ob sie in der Lage sind zwischen individuellen und kollektiven Werten, subjektiven Neigungen und verallgemeinerbaren Normen zu unterscheiden. Weder begeistert noch stört mich, wann Sarah Palins Tochter Sex hat, weder begeistert noch stört mich, ob sie selbst aus religiösen Gründen eine Abtreibung ablehnt oder selbst ein Leben mit einem gleichgeschlechtlichen Partner für sich selbst für unvorstellbar hält. Politisch relevant ist lediglich, ob sie aus ihren eigenen privaten Glaubensvorstellungen ein Dogma für andere ableitet, ob sie eben diese religiöse oder kulturelle Vorstellung vom gelungenen Leben nur für sich selbst inkonsequent lebt, oder ob sie dieselbe Heuchelei oder aber eine konsequentere Umsetzung von anderen verlangt.
Der Traum der amerikanischen Gesellschaft, dieses Versprechen, von dem sie diese Tage alle sprechen, die sich selbst bewerben um das Amt des Präsidenten, dieser Traum versprach jedem in den Vereinigten Staaten religiöse Freiheit und die Möglichkeit, die eigene Vorstellung von Glück verfolgen zu dürfen.
Dazu gehört auch das Scheitern dieses Traums, das Versagen an den eigenen Ansprüchen, das irrationale, inkonsequente Verhalten im privaten, dazu gehört das Ringen mit den eigenen Normen und Werten ebenso wie der Respekt vor der Andersartigkeit der Träume, Neigungen und Vorstellungen vom guten Leben oder der glücklichen Familie der Anderen.
In diesem Sinne ist mir die „schönste Familie" noch die von Angela Merkel – die nämlich weitgehend unsichtbar ist. „Holy Cow"