Carolin Emcke
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Blog: Was ich nicht verstanden habe, ....

  • Merkel und Opel

    10. November 2009, 11:00 Uhr

    Was ich nicht verstanden habe, ist, wieso uns nicht schon im September aufgefallen ist, wie kurios diese Bilder aussehen. Kurios und rührend: dieses Video von Angela Merkels Besuch am Opel Stand auf der IAA am 17. September 2009.

    Rührend, weil sich die Opelaner für das Vertrauen bedanken, das Angela Merkel in sie gesetzt habe. Während man sich aus heutiger Perspektive ja fragt, ob das umgekehrte Vertrauen der Opelaner in Angela Merkel auch berechtigt war? Oder Angela Merkels Vertrauen in GM? Oder ob Vertrauen eigentlich eine völlig falsche Kategorie ist, wenn Kredite, die Ausdruck von Vertrauen in den Wert eines Objekts oder einer Idee oder eines Geschäftsmodells sein sollten, inzwischen zunehmend unabhängig von berechenbaren Werten oder langfristigen Geschäftsplänen vergeben oder entzogen werden.

    Und wie Angela Merkel sich da so in den Opel setzt und danach sagt: "Sieht schick aus. Sitzt sich auch gut"...Nun gut, was soll sie auch sagen? "Sieht schick aus, aber es gibt nun mal zu viele Autohersteller und Fabriken weltweit"? "Siehst schick aus, aber angesichts der Klimaveränderung wäre es sinnvoller, es gäbe mehr Elektro-Autos und die Gelder für die Kredite stellen wir dem Ausbau des Bahnnetzes zur Verfügung"? "Sieht schick aus, aber ich habe gar keinen Führerschein"?

    Andererseits, aus heutiger Sicht, fragt man sich, ob sie das in den Verhandlungen mit GM gesagt hat? "Sieht schick aus der Vertrag," und mit Hinblick auf die Wahlen: "sitzt sich auch gut...hier im Kanzleramt."

    Bemerkenswert ist der Moment, in dem Angela Merkel die Angst vor russischen Partnern dadurch nehmen will, dass sie darauf hinweist, sie sei in der DDR groß geworden. Als ob das besonders viel Vertrauen in Russland vermittelt hätte.

    Visionär wirkt lediglich der letzte Satz von Merkel: Das Problem (der Furcht vor den russischen Investoren) werde "sich auflösen". In der Tat: das hat sich aufgelöst.

  • Gay Education

    30. Oktober 2009, 10:00 Uhr
    Was ich nicht verstanden habe, ist, warum die Frage: "Is it a choice?" eigentlich so wichtig sein soll. Das Video ist natürlich witzig und vergnüglich, aber dabei täuscht die eigene Heiterkeit beim Betrachten (meine Lieblingsstelle ist die, in der Freud mit diesem grandiosen Akzent auftritt...) darüber hinweg, dass die Grundfrage völlig irritierend ist. "Gay education" erklärt, in allerlei Volten, dass Homosexualität "natürlich" und genetisch bedingt sei - also keine Wahl.

    Das ist ja fein. Und auch ganz großartig, dass sich allerlei wissenschaftliche Institute und Organisiationen gegen Umerziehungs-Programme aussprechen. Ich will selbstverständlich nicht diese wissenschaftlichen Erklärungen in Frage stellen. Aber ich will die Frage stellen: warum ist das so entscheidend, dass Homosexualität keine Wahl ist?

    Warum ist die Natur überhaupt so eine entscheidende Kategorie? Und warum sollte es christliche Fundamentalisten davon abbringen, diese "natürliche Krankheit heilen" zu wollen? Natürlichkeit ist per se keine soziale oder moralische Norm. Weil etwas ist, heisst es noch nicht, dass es gut ist.

    Die Frage ist doch eher:

    Was wäre denn, wenn es nicht natürlich wäre, nicht biologisch determiniert, sondern freiwillig? Was wäre denn, wenn es die Wahl gäbe, wenn es gleichermaßen natürlich erschiene, heterosexuell oder homosexuell zu sein, und sich Menschen individuell entschieden dafür, homosexuell zu sein? Warum wäre das eine so bedrohliche Vorstellung?

    Wenn Homosexualität nicht nur eine bedauernswerte Determinante der willkürlichen Natur wäre, sondern auch eine freudige Entscheidung von selbstbestimmten Menschen?

    Der Wert einer Sache entsteht ja nicht dadurch, dass sie schon immer da war, der Wert einer Handlung bestimmt sich ja nicht dadurch, dass es nicht anders möglich war, als so zu handeln, sondern dadurch, dass es eine Wahl gab, dass es eine Entscheidung gab, etwas zu wollen.

    Wenn ich die Wahl hätte, würde ich auf jeden Fall wollen, dass meine Sexualität auch gewählt, von mir gewählt, und nicht nur bestimmt wäre. Wenn ich die Wahl hätte, würde ich den Vertretern der Umerziehungsprogramme lieber erklären, warum mir dieses Begehren gefällt, warum ich es möchte, anstatt zu erklären, warum es keine Wahl gibt und gleichsam ungewollt ist. Nicht weil die eine oder die andere Form der Sexualität moralisch oder politisch oder sozial besser oder schlechter oder auch nur hipper wäre, sondern nur, weil ich eine selbstbestimmte Wahl der individuellen Vorstellung vom eigenen Leben für wichtig halte.

    Und wenn ich die Wahl hätte, würde ich mir wünschen, dass diese gedankliche Option: dass Homosexualität gewollt oder gewählt sein könnte, ebenfalls Teil der pädagogischen Erklärungen würde.

  • Schatten-Schulden

    22. Oktober 2009, 10:00 Uhr
    Dagobert Duck


    Was ich nicht verstanden habe, ist, was der Unterschied zwischen einem Schatten-Haushalt und einem Nebenhaushalt sein soll. Herman Otto Solms, FDP, erklärte gestern, die Schulden, die in einem Schatten-Haushalt verbucht werden sollen, seien kein "Schattenhaushalt, sondern ein Neben-Haushalt". Aha.

    Für Steuersenkungen gibt es angesichts der Schulden des Bundes kein Geld und das Gebot der Haushaltsklarheit verlangt auch, dass es keine verschleierten zweiten Haushalte, nennen wir sie nun Schatten- oder Nebenhaushalt, gebe. Trotzdem stellt sich Herr Solms in aller Ruhe vor die Kameras und sagt diesen Satz.

    Hört der sich eigentlich noch zu?

    Ein Jahr zuvor hatte Solms noch in einem Interview erklärt, Steuerhinterziehung sei kein Kavaliersdelikt, und ich frage mich, was eigentlich eine Haushalts-Hinterziehung ist? Ist das ein Kavaliersdelikt, wenn Haushalte erklärt und andere nebenbei erklärt werden? Der Haushalt wird natürlich nicht weggenommen, sondern einer hinzu genommen: nämlich der, in dem die Wahrheit der Schulden steckt. Aber damit werden Schulden erst hinterzogen, um sie anschließend, der nächsten Generation, der nächsten Regierung wieder aufzutischen.

    Die Respektlosigkeit, mit der da Scheinheiligkeit rhetorisch weg erklärt wird, ist atemberaubend. Es sind genau diese Sorte von irrealen Haushalten, von Krediten, die nicht gedeckt sind, von Schulden, die nicht zu begleichen sind, die das eigene Wunschdenken (in diesem Fall Steuersenken) weiter aufrecht erhalten, die zu der Finanzkrise geführt haben.
    "Jedem sein Eigenheim", hatte George W. Bush ausgegeben, so wie die FDP die Steuererleichterungen, das wäre doch so schön - und jede Wirklichkeit, die diesem Wunsch widerspricht, wird geleugnet.

    Bei der Immobilien Krise in den USA habe ich mich gefragt: hat denn eigentlich niemand mehr auf die Papiere geschaut und den Wert des Hauses mit dem Wert der Kredite verglichen, hat denn niemand den Wert der zerstückelten und weiterverkauften Teile der Kredite mit dem Ursprungswert der Immobilie verglichen?

    So frage ich mich jetzt: hören die sich eigentlich noch zu? Glauben die an das, was sie sagen? Oder hat sich das Sprechen längst vom Denken entkoppelt? Steht da eine Kamera, und dann schalten die auf inneren Auto-Piloten? Dann wird nur noch aus Schutz-Instinkt gesprochen, nur noch geredet, an der Sache vorbei, denn die Sache könnte kontrovers sein, nur diskursiv verpanzert, unangreifbar bleiben, und das heisst dann einfach, Erklärungen für das geben, für das es keine Erklärungen gibt, Gewissheit demonstrieren, wo alles ungewiss ist, Transparenz signalisieren, wo nurmehr Verschleierung herrscht, und eben einen Schattenhaushalt zu einem Nebenhaushalt umdefinieren.
    Es gibt keine Geldberge mehr, die zu verteilen, nur noch Schulden, die aber nicht erklärt, sondern nur versteckt werden in rhetorischen Verrenkungen, die früher einmal Lügen hießen. Da sitzen nun einige, auf dem Sack mit Sätzen, wie Dagobert auf seinem Geldberg, und sie verteidigen diese Behauptungen und Versprechen, die sie einmal abgegeben haben, ob sie sie einhalten können oder nicht.
  • Der unerkannte Star, oder: die doppelte Unsichtbarkeit

    15. August 2009, 14:00 Uhr

    Wie die Huffington Post berichtet, wurde Bob Dylan in New Jersey von zwei Polizisten gestoppt, die nicht wussten, wer Bob Dylan ist.

    Nun hat es natürlich eine gewisse Komik, sich Bob Dylan vorzustellen, der auf die Frage, wer er sei, mit "Bob Dylan" antwortet, und die Anfang 20jährigen Polizisten daraufhin nicht um ein Autogramm bitten, sondern ihn abführen. Auch fragt man sich, wie derselbe Vorgang wohl mit anderen Prominenten ausgegangen wäre: wie der Papst wohl reagiert hätte. Oder Madonna. Wer den wortkargen Bob Dylan kennt, der wundert sich, dass er überhaupt auf die Frage der Beamten mit mehr als zwei Silben geantwortet haben soll.

    Aber das wirklich Bemerkenswerte an der Geschichte ist nicht das Unwissen der jungen Cops in New Jersey, sondern: warum sie ihn überhaupt gestoppt haben.

    Der Musiker hatte nämlich Ungeheuerliches getan: einige Stunden vor seinem Konzert im nahegelegenen Baseball-Stadion (sic!) war Bob Dylan einfach ein bisschen spazierengegangen.

    Allein die Vorstellung, sich freiwillig und ohne Auto zu bewegen, muss schon Misstrauen erregt haben, angesichts der Krise der Autobranche in den USA gilt das allein vermutlich schon als unpatriotisch.

    Besonders verdächtig aber war, dass Dylan in einer armen, vornehmllich von "Minderheiten" bewohnten Gegen herum spazierte. Zunächst einmal ließe sich ja fragen, ob nicht letztlich jede Gegend von einer Minderheit bewohnt wird. Aber jedenfalls war es wohl ein einzigartiger Vorgang, dass jemand ohne Autopanne, ohne Not in dieser Nachbarschaft spazierengeht. Ein Mann, der einfach so in einem armen Viertel herum wandert, ohne Angst ausgeraubt zu werden, ohne Angst vor "den Minderheiten" der Gegend - das schien so unwahrscheinlich, dass ein Nachbar die Polizei verständigte.

    Dass die Polizisten nicht wussten, wen sie da nach seinem Ausweis fragen, ist lustig, tröstet aber nicht über die Trostlosigkeit der Geschichte hinweg. Hier verteidigten sch nicht hysterische Anwohner einer gated community, sondern hier konnten sich die armen Bewohner eines Migranten-Stadtteils nicht vorstellen, dass ein Weißer sich für ihre Nachbarschaft interessieren könnte. Wie eingeschlossen und ausgeschlossen zugleich muss das Leben in dieser Gegend sein, dass ein unbekannter Besucher so ein ungewöhnliches und beunruhigendes Erlebnis ist. Das Bemerkenswerte an dieser Geschichte ist nicht die Anonymität des Stars, sondern die Anonymität und soziale Unsichtbarkeit einer ganzen Gegend.

  • Phantasmen eines sexuellen Hypochonders

    27. Juli 2009, 09:00 Uhr

    Was ich nicht verstanden habe, ist, was die Sexualität der Eltern mit dem Wohl des Kindes zu tun haben soll?

    Auf den Vorschlag von Bundes-Justizministerin Brigitte Zypries (SPD), homosexuellen Paaren das volle Adoptionsrecht zu geben, entgegnete Volker Kauder (CDU): "Es geht bei dem Vorschlag allein um die Selbstverwirklichung von Lesben und Schwulen und nicht um das Wohl der Kinder."

    Aha. Zunächst also ist für Herrn Kauder der Kinderwunsch bei homosexuellen Paaren bloßer Ausdruck von Selbstverwirklichung.

    Na, was bitte ist denn der Kinderwunsch bei heterosexuellen Paaren? Zwangsbeglückung? Christliche Reproduktions Pflicht, der sich die Paare aus Vernunftgründen opfern? Hat denn der Kinderwunsch bei heterosexuellen Paaren so wenig mit der Freude und der Lust auf ein Leben mit Kind zu tun?

    Wenn das so wäre, dann sollte dringend darüber nachgedacht werden, ob heterosexuelle Paare wirklich dem Wohl des Kindes dienen können. Denn wie fühlte sich das wohl für ein Kind an, das dauernd mit dem Wissen aufwächst, seine Eltern empfänden es als ein Hinderniss für ihre eigene Selbstverwirklichung?

    Zum anderen ist für Herrn Kauder das Wohl des Kindes gefährdet, wenn es bei homosexuellen Eltern aufwächst. Warum eigentlich? Was hat denn die Sexualität der Eltern mit dem Wohl des Kindes zu tun? Warum sollte das Wohl des Kindes gefährdet sein, wenn die Eltern homosexuell sind?

    Herr Kauder fürchtet anscheinend, dem Kind würde dadurch geschadet, dass es mit ansehen muss, dass seine Eltern schwul sind. Warum? Weil es dann selbst schwul würde? Weil das ansteckend ist? Weil Eltern ihre Sexualität an ihre Kinder vererben? Weil Homosexualität sich dann plötzlich epidemisch ausbreiten würde?

    Hübsche Theorie. Nur leider lässt sich damit nicht erklären, wie jemals homosexuelle Kinder von heterosexuellen Eltern stammen können.

    Wissenschaftliche Studien zu der Frage, ob die Kinder von homosexuellen Eltern eine größere Neigung zur Homosexualität hätten, widersprechen dieser Annahme. Aber für einen sexuellen Hypochonder wie Herrn Kauder sind empirische Untersuchungen keine Hemmnisse für seine Phantasmen.

    Was treibt Herrn Kauder bloß so um bei dieser Vorstellung? Selbst wenn es so wäre, und auf einmal aus lauter homoexuellen Eltern lauter homosexuelle Kinder "rauskämen" - was wäre daran das Problem?

    In Wahrheit sind doch nicht die homosexuellen Eltern ein Problem des Kindes, sondern diejenigen, die die Homosexualtität der Eltern für ein Problem halten. Dem Wohl des Kindes schadet nicht die Homosexualität der Eltern, sondern die Homophobie von Leuten wie Herrn Kauder.

    Der bayrische CSU-Fraktionschef Georg Schmid ergänzte, für die Entwicklung von Kindern sei es das Beste, wenn sie mit Vater und Mutter aufwüchsen.

    Ah. Brillant. Und was macht dann die CSU in den Fällen von alleinerziehenden Müttern oder Vätern? Wird denen dann das Sorgerecht entzogen, weil es auch nicht zum Wohl des Kindes ist?

    Und was ist mit all den heterosexuellen Väter und Müttern, die ihre Kinder missbrauchen und misshandeln, vernachlässigen und vergewaltigen, oder einfach nur lieblos und gleichgültig behandeln? Das sind doch Väter und Mütter, und es ist doch für Kinder immer das Beste, wenn sie bei Vater und Mutter aufwachsen, nicht?

    Das Beste für Kinder sind Eltern, die ihr Kind lieben, die es fördern und fordern, und die ihm vermitteln, dass Gleichwertigkeit nicht Gleichartigkeit bedeutet.

    Eine Erkenntnis, die Herrn Kauder anscheinend abgeht.

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