Carolin Emcke
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Fallstudien - Aufstieg und Fall der Mächtigen

Vortrag zur Eröffnung der "Zeitfenster" Biennale für Alte Musik

Fall-Studien ist der Titel der diesjährigen „Zeitfenster"Biennale.

Und Studien vom Fallen, vom Sturz, vom Niedergang der Mächtigen sind es, die uns, jeden Abend des Zeitfenster-Programms, internationale Ensembles und Solisten musikalisch erzählen werden. Es sind antike Stoffe, tragische, erschütternde Schicksale, die uns hier präsentiert werden mit dem ausdrücklichen Wunsch der Veranstalter, dass sie uns einen Blick auf unsere Gegenwart gestatten.

Was aber ist es an den Figuren von Chrösus und Nebukadnezar, von Dido und Germanicus, was ist es an ihren so fernen Leben, ihrem Ringen um Macht und ihrem Scheitern, dass wir uns heute darin noch sollen spiegeln können?

Was haben die Figuren der Finanzkrise, auf die Folkert Uhde in seinem Geleitwort hinweist, mit den aktiken Gestalten zu tun? Was gibt es für Parallelen zwischen dem Herrscher der Lyder, Chrösus, 590 vor Christus und den Investbankern oder Hedgefondsmanagern der Wallstreet im Jahr 2009?

Was ist es, das uns den Fall von Mächtigen so fasziniert betrachten lässt?

Warum behalten die folgenden Zeilen des Magnificats noch ihre Wirkungskraft?

Er zerstreuet, die hoffährig sind,

In Ihres Herzens Sinn.

Er stößet die Gewaltigen vom Stuhl

Und erhöhet die Elenden.

Die Hungrigen füllet er mit Gütern

Und lässt die Reichen leer."

Warum rühren diese Verse uns noch?

Warum, schließlich, sind Sie gekommen zu einem Vortrag über den „ Fall der Mächtigen",

anstatt einfach nur direkt ins Konzert zu gehen?

Vielleicht ist es lediglich das schlichte Gefühl der Genugtuung, der Schadenfreude, das die befällt, die es genießen, wenn Mächtige, jene distanziert und unerreichbar erscheinenen Figuren, auf einmal menschlich werden in ihrer Ohnmacht. Als deutete sich in deren Scheitern eine Aussicht auf eine gleichere, gerechtere Ordnung an, als sei der Niedergang von einem, der niemals Misserfolg erleiden musste, eine Entschädigung für den eigenen ausbleibenden Erfolg oder erlittenes Unrecht.

Aber das wäre zu wenig.

Nein, ich glaube, uns faszinieren die Geschichten vom Fall der Mächtigen, weil wir im Grunde beides mit Unglauben betrachten: Aufstieg und Fall der Mächtigen erscheinen uns oftmals unwirklich, sowohl die Leistungen, die einzelne Menschen hervortreten lassen aus einer Gemeinschaft, die sie auszeichnen vor anderen und sie mit Macht ausstatten lässt, als auch der Verlust dieser Gaben, der sie niedergehen lässt. Auch das begreifen wir, so scheint es, nie wirklich: weder wie sie sich zunächst über Naturgesetze hinwegsetzen, wie ihnen alles leicht von der Hand geht, wie der Erfolg so anstrengungslos ihnen zufliegt, wie sie sich alles zutrauen, noch begreifen wir wann genau die Schwelle überschritten wird, an der jene Kraft, die eben noch anziehend und respekteinflössend wirkte, schwach und unheimlich zu werden beginnt.

Es ist, Sie merken es vielleicht, mein Interesse beides zu betrachten: nicht nur den Fall der Mächtigen, sondern auch ihren Aufstieg, und ich vermute, das beides: Aufstieg und Fall - sich aus derselben Quelle oder Gabe speisen.

Aber es gibt noch einen anderen Grund, warum wir uns für diese „Fall-Studien" aus so unterschiedlichen Epochen und Zeiten interessieren:

Weil es etwas an diesen Geschichten gibt, das bleibt, weil die Erschütterungen, die hochmütige Herrscher auslösen, weitreichend sind, weil ihre individuelle Hybris über ganze Gemeinschaften Tod und Zerstörung zu bringen vermag, weil die Werte, die verkörpert oder versehrt werden, ahistorisch sind, weil sie immer noch zerbrechlich sind, und wir auch heute genauso aufmerksam bleiben müssen, dass die Hybris uns nicht befällt, uns individuell in unseren Leben und kollektiv in unseren Kulturen und Gesellschaften.

Deswegen müssen wir uns für ihren Aufstieg und Fall interessieren, müssen nach strukturellen oder phänomenologischen Ähnlichkeiten zwischen den Figuren der Opern und Mythen, von denen wir hören, und uns suchen, müssen nach den Motiven suchen, auch den Guten und hehren Motiven suchen, die sie antreiben, damit wir in uns dieselben Spuren entdecken, müssen nach Zeichen suchen, die uns verraten, wann diese Eigenschaften auftreten, die wir alle mit dem Fall von Mächtigen verbinden: Hochmut und Hybris, Eitelkeit und Gier.

Ich möchte in drei Schritten vorgehen: ich möchte zunächst die Geschichten des Aufstiegs mir anschauen: was diese Mächtigen auszeichnet und was sie darin gar anziehend und sympathisch wirken lässt. Dann möchte ich die Zeichen des Niedergangs anschauen, und zuletzt, was uns das über die conditio humana erzählt, was über uns.

1.

Was also ist es, dass diese verschiedenen Figuren, von denen wir hören bei diesem Festival eint? Was macht sie zunächst zu Mächtigen und dann zu tragischen Gestalten? Was markiert ihren Aufstieg?

Fast alle diese Gestalten, die in ihrem Ende von uns nur noch als Gescheiterte gesehen werden, für die wir zumeist Spott oder gar Verachtung empfinden, waren in ihrem Anfang mit besonderen Gaben oder Visionen ausgestattet: Chrösus, der König der Lyder, der für uns sprichtwörtlich für Macht und Reichtum steht, musste sich zunächst widriger Anfeindungen erwehren, ohne das geliehene Geld seines ionischen Freunds Pamphaes wäre er nie in der Lage gewesen, ein Söldnerheer anzuheuern und in den Krieg gegen Karien zu ziehen. Nebukadnezar und sein Sohn Belsazar galten als heldenhafte Kriegsherrn bevor sie zugrunde gingen.

„Hybris" ist die oft zitierte Ursache des Niedergangs der Mächtigen, und über die Hybris sprechen wir im retroaktiven Blick bei den antiken Herrschern Chrösus oder Belsazar wie bei den gegenwärtigen Regierungschefs ob George W. Bush oder Nicolae Ceaucescu.

Über ihre Hybris empören wir uns, wenn es zu spät ist, die Hybris klagen wir an, wenn Mächtige ihre Grenzen nicht mehr erkennen, wenn sie sich hinwegsetzen über Regeln und Normen, wenn sie keinen Einhalt kennen, keine Widerworte mehr dulden, wenn sie die Wirklichkeit nicht sehen wollen. Was ist diese Hybris?

Hybris heisst im griechischen „Über-Mut" und das ist ein schönes Wort, um zu beschreiben, welche ambivalente Gabe es sein könnte, die sich so wandlungsfähig zeigt, dass sie Aufstieg und Fall gleichermaßen initiieren könnte.

Wenn wir ehrlich sind und genau hinschauen, liegt im Über-Mut nicht nur der Quell für Hochmut und Zerstörung, sondern auch für das, was wir lieben und bewundern, was uns beglückt und berührt.

Im Über-Mut steckt der Über-Schwang eines Anfangs, der Mut, über das hinauszugehen, was ist. Es ist Über-Mut, der diese Figuren (neben all dem Schrecken und der Grausamkeit) auch auszeichnet: es ist ein utopisches Moment, das Ikarus antreibt, immer höher hinaufsteigen zu wollen, es ist die Sehnsucht, die Gegenwart zu überschreiten, der Mut, sich von einer trostlosen oder beschwerlichen Wirklichkeit nicht abbringen zu lassen, der diesen Figuren auch ihre Strahlkraft gibt.

Es ist der Glaube an etwas, das es noch nicht gibt, der Menschen kreativ, aber auch widerständig sein lässt, es ist die Kraft der Imagination, die Menschen erfindungsreich sein lässt, der sie an etwas wirken lässt, das es noch nicht gibt, daraus entsteht die Kunst und Literatur, daraus entsteht Metaphysik und Musik – und daraus speist sich der letzte und tiefste Mut, den wir kennen: unser Mut zu lieben. „In der Liebe muss man wagen" heisst einer der Verse, die gesungen werden in diesem Zeitfenster-Festival.

In der Liebe braucht es auch jenen Über-Mut, den wir spöttisch und abschätzig betrachten, wenn er zu groß wurde, aber den wir brauchen, wenn wir mehr wollen als uns nur einfach abfinden mit einer Wirklichkeit, die ohne Trost ist.

2.

Und eben diese Gabe, die den Aufstieg dieser Figuren erklärt, diese Fähigkeit, die Realität zu überschreiten, ist es, und damit komme ich zum zweiten Schritt, die auch ihren Fall einleutet, wenn sie sich für allumfassend zu halten beginnt, dann wird aus dem utopischen Moment bloßer Realitätsverlust, dann erkennt Ikarus nicht mehr die Hitze der Sonne, dann glauben die Fondsmanager oder Banker „Sub-Prime-Credits" seien nicht mehr das, was sie sind: nämlich „Sub-Prime", dann sieht Chrösus nicht mehr die übermächtige Stärke von Kyros' persischem Heer.

Eben dies ist die entscheidende Schwelle zwischen Mut und Übermut, zwischen der notwendigen Sehnsucht, die Widrigkeiten der Wirklichkeit zu überschreiten und der Unfähigkeit, sie überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, und es ist das vielleicht beeindruckendste Moment am Fall großer Herrscher: diese Begegnung mit einer Wirklichkeit, die sie glaubten, gar nicht mehr wahrnehmen zu müssen.

Kaum ein ikongraphisches Bild symbolisiert diesen Scheidepunkt der Erkenntis eines Mächtigen in seine Ohnmacht besser als die historische Aufnahme von dem rumänischen Diktator Nikolae Ceaucescu auf dem Balkon seines Amtssitzes, mit dem Blick auf die Menschenmassen auf dem Platz vor ihm. Wie er ungläubig auf die Demonstranten schaute, sie für jubelnde Anhänger halten wollte, weil er das so gewohnt war, weil er das sonst so organisieren ließ, weil er immer die Wirklichkeit nach seinen Wünschen befehligen konnte, und wie er auf einmal hörte, was sie riefen, und er erstmals erkennen musste, dass dies Proteste waren. Gegen ihn. Dieser starre Ausdruck im fahlen Gesicht des Dikators, der begreift, dass es nicht mehr seine Realität ist, dass seine Macht verloren ist, weil die Menschen ihre Angst vor ihm verloren hatten.

Es gibt übrigens einen ganz anderen und doch ähnlichen Moment. Nicht, weil die Personen sich ähnelten, sondern weil die Erkenntnis der eigenen Hilflosigkeit ähnlich ist: und zwar jene drei live aufgezeichneten Minuten, in denen George W. Bush, inmitten einer Lesestunde mit Schulkindern, nachdenkt, wie er auf die eben erhaltene Nachricht vom Anschlag auf die Türme des World Trade Centre reagieren soll - dieser Gesichtsausdruck der völligen Überforderung. Und ich sage das nicht herablassend. Wie hätten wir denn geschaut oder reagiert?

Aber dieser Moment, in dem einem Mächtigen bewusst wird: alle Macht ist nur verliehen, alle Macht löst sich auf, wenn sie einem genommen wird.

Macht, hat die Philosophin Hannah Arendt gesagt, bedeutet gemeinsam zu handeln.

Übrigens, wo wir doch gerade im Konzerthaus sind, spricht das Original von „acting in concert".

Macht ist demnach niemals die Macht eines Einzelnen, sondern die Macht eines Einzelnen scheint nur dort auf, wo Menschen gemeinsam handeln. Macht unterscheidet sich nach Hannah Arendt insofern von Gewalt als sie andere zum gemeinsamen Handeln überzeugen muss. Erst in der Überzeugung der Anderen, in ihrem Willen, freiwillig, gemeinsam zu handeln, verwirklicht sich Macht.

Wenn diese Überzeugung verloren geht, wenn die Mächtigen andere nicht mehr überzeugen können, dann verlieren sie die Macht.

Was bei Hannah Arendt bedeutsam ist, ist die Abhängigkeit der Macht von sprachlicher Verständigung, von der Bereitschaft zum Dialog, von der Not, die eigenen Vorstellungen anderen zu erklären, zu begründen, sie zu überzeugen. Darin, in dieser erzählenden Identität einer Person oder einer Gemeinschaft, liegt auch die Verwundbarkeit aller Macht.

3.

Und darin komme ich zu meinem dritten und letzten Punkt, etwas, das mich an allen diesen Figuren, der fallenden Mächtigen rührt, und das auf etwas verweist, das wir mit ihnen gemeinsam haben und dessen sollten wir uns immer, im Aufstieg oder im Fall bewusst bleiben: unsere wechselseitige Verletzbarkeit als conditio humana.

Worin sie sich zeigt?

Eingewoben in die Geschichten vom Aufstieg und Fall der Mächtigen, ob bei Chrösus oder Belsazar, sind Hinweise auf ihre wunden Stellen, Zeichen von Verletzbarkeit, die gern übersehen werden, solange die Helden als glückliche beschrieben werden. Interessanterweise, und damit ganz im Sinne von Hannah Arendt, sind diese Symptome der Schwäche der Mächtigen oft Zeichen der Sprachlosigkeit.

Belsazar kann die Schrift an der Wand, das „mene mene tekel u-pharsin", nicht entziffern, seine Gelehrten am Hof können die Worte nicht deuten, seine Unwilligkeit, die Realität zu erkennen, die Grenzen seiner Macht anzuerkennen, wird im übertragenen Sinne beschrieben als sprachliche Unfähigkeit. Es braucht Daniel, der die Schrift an der Wand und damit die Zeichen des Untergangs deutet: „Gott hat Dein Königtum gezählt und für zu leicht befunden."

Bei Chrösus deutet sich die Verwundbarkeit nicht nur in der Unsicherheit an, mit der der König der Lyder die Orakel nach Aussicht auf siegreiche Schlachten befragt. Auch bei Chrösus kündigt sich die eigene Ohnmacht, die Verwundbarkeit in der Sprachlosigkeit an. Chrösus Sohn war stumm, und das delphische Orakel prophezeite, dass dieser Sohn erst an Chrösus traurigstem Tag, seinem Todestag, sprechen werde.

So geben uns diese Geschichten einen Hinweis auf das, was uns vor dem gefährlichen Über-Mut, vor dem Schrecken der Macht, zu bewahren weiß: das Wissen um die eigene Verletzlichkeit, das Wissen um unsere Abhängigkeit von anderen, unsere Not und unser Begehren, uns sprechend mit anderen und durch andere zu verstehen, weil auch in dieser verletzbaren Verständigung nur die einzige Macht liegt, die wir uns selbst geben und selbst wieder nehmen können.

Wenn uns das „Zeitfenster" Festival dieses Jahr musikalisch Geschichten vom Aufstieg und Fall der Mächtigen erzählt, dann sollten wir zuhören und nicht glauben, es seien Geschichten von anderen. Sondern es sind Geschichten von uns selbst, von unserer Gabe und unserer Freude, die Wirklichkeit zu überschreiten, unserem Mut, uns aufzumachen nach unbekannten Horizonten, und von der Not, uns unserer eigenen Verletzbarkeit bewusst zu bleiben, uns nur im Gespräch mit anderen der Wirklichkeit zu versichern und die Macht nur denen zu erteilen, die mit uns gemeinsam, in concert, handeln wollen.

Vielen Dank



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