Carolin Emcke
Foto: Carolin Emcke
english
> Publikationen > Essays
10.03.2010

Über das Reisen

Essay für das Nachtstudio des Bayrischen Rundfunks

Was das Reisen bedeutet? Wie das ist, wenn das Reisen zur Lebensform geworden ist? Wenn eine Reise nicht den normalen Alltag durchbricht, sondern selbst zur Normalität geworden ist? Wie jemand reist, die als Reporterin nicht an idyllische Urlaubsorte aufbricht, sondern zu versehrten und verarmten Gegenden: nach Gaza oder Pakistan, in den Irak oder nach Haiti?

Es beginnt damit, dass nicht eindeutig ist, wann eine solche Reise eigentlich beginnt.

Ist das der Anfang des Reisens: wenn ich morgens den Wecker ausschalte, meist, wenn es draussen noch dunkel ist, und ich schlaftrunken in die Küche wanke, um einen heissen Tee zu brühen? Wenn ich dann mit der ersten Tasse in der Hand noch ein letztes Mal die Ausrüstung für die Reise überprüfe? Alle Reißverschlüsse der großen schwarzen Tasche im Wohnzimmer öffne und die Liste der Gegenstände und Objekte durchgehe, die niemals fehlen dürfen, weil bei diesen Reisen in Krisengebiete später nichts mehr zu ersetzen oder zu besorgen ist? Ich gehören zu den Menschen, denen es ein Rätsel ist, wie andere stolz darauf sein können, mit wenig Gepäck zu reisen. Ich reise immer mit viel Gepäck. Da gibt es zunächst das Überlebenswichtige: der kleine Wasserkocher aus Edelstahl, die Dose mit dem losen Assam-Tee, der kleine Lederbeutel mit den Adaptern und Steckern für alle Varianten an Steckdosen, das Taschenmesser, das japanische Heilpflanzenöl, das als Allheilmittel wirkt, die extralangen Fingerstrip-Pflaster, das Ersatzpaar Schnürsenkel für die Stiefel, die Musik, die existentiell ist, weil sie die einzige Möglichkeit ist, später, in der Fremde, sich in eine andere Welt hinwegzudenken, sich auf eine musikalische Reise zu begeben, eine, die ruhiger ist, vertrauter, als die, die einen gerade umgibt, und den Talisman, meinen persönlichen Glücksbringer, eine gläserne Murmel, die ich seit dem Tag meines Abiturs bei wichtigen Ereignissen oder eben Reisen in der Hosentasche trage ...

und dann gibt es all die anderen Reiseutensilien und Kleidungsstücke, vielleicht nebensächlicher, aber dennoch gehören auch sie zur Tradition und zum Ritual des Reisens: die langärmligen T-Shirts, weil in islamischen Ländern das die Höflichkeit gebietet, das die Arme bedeckt sind, der Schal, der auch als Schleier dienen könnte, die linierten Notizbücher, die feinen Filzschreiber und die Literatur.

Und wenn dann das Motorengeräusch von dem Taxi zu hören ist, das draußen auf der Straße vor meinem Haus stoppt und mich zum Flughafen bringt, wo Sebastian Bolesch, mein Photograph und Reisebegleiter, meistens schon auf mich wartet, draussen vor dem Flughafengebäude, wo er die letzte Zigarette raucht– ist das der Anfang des Reisens?

Oder beginnt das Reisen Wochen vorher, wenn ich zu dem Kartenladen in meiner Nachbarschaft gehe, und mir Landkarten für mein Reiseziel suche? Es sind Karten von Ländern, in die niemand sonst freiwillig reisen möchte. Ich schaue stets neidisch und bewundernd auf die prallen, eng gepackten Karteikästen mit den vielen Angeboten für Karten von den USA, der Provence oder der Toskana. Und betrachte dann wehmütig die Karteikästen für meine Länder, die nur spärlich bestückt sind, in denen meist nur einzelne, leicht angestaubte Karten herumliegen, weil schon seit Jahren niemand eine Landkarte von Afghanistan oder Kolumbien verlangt hat.

Und dann schnappe ich mir die Karten, wenn es überhaupt mehrere gibt, und breite sie aus auf dem großen Tisch in der Mitte des Raums und vergleiche die Vorzüge der geographischen gegenüber der politischen Darstellung, und am Ende kaufe ich meist alle.

Ich bin ein Landkartenfetischist. Ich liebe Landkarten.

In meinem Bücherregal Zuhause habe ich eine ganze Abteilung nur für

Landkarten: es gibt kleine, dünne oder weiche, dicke Landkarten,

Karten mit Beschriftungen in fremden Sprachen wie Farsi oder Urdu, deren Schrift ich nicht entziffern kann, die mir den Wohlklang der Berge oder Flüsse nicht verraten, aber die mir trotzdem gefallen, weil sie das Geheimnis des Unbekannten, das ich immer mit Landkarten verbinde, noch vergrößern.

Es gibt geknickte, dünngepresste Landkarten, die ich wochenlang in der Hosentasche getragen habe, Landkarten, die in Klarsichtfolien stecken, damit sie nicht auseinanderfallen, es gibt historische Atlanten, riesige Bücher, die nur mit Kraft aus dem Regal zu heben sind, und kleine, in Leder gebundene Taschenatlanten, die leicht zu verstauen sind.

Alle gebrauchten Landkarten sind mit Kringeln übersäht, reiht man sie aneinander lässt sich die Route nachvollziehen, auf der wir durch das Land gereist sind, mit schwarzem Filzstift sind Orte markiert, Kirchen oder Grenzübergänge. Manche dieser Kreise erzählen Geschichten von Hochzeiten oder Abendessen im Freien, manche erinneren an Beerdigungen oder Gefechte, manche Kreise umranden trostlose Enklaven, manche berückende Oasen.

Die neuen Karten dagegen, die ich aus dem Laden mit nach Hause nehme, sind noch unberührt und glatt. Sie tragen keine Spuren, keine Flecken, keine Knicke und keine markierten Orte. Sie laden noch ein, alles zu erkunden, sie erlauben noch immer Reisen der Phantasie, so kann ich mir Routen ausdenken, mit den Karten kann ich mich auf imaginäre Reisen begeben: ich kann mit dem Finger Flüsse entlangfahren, ohne mich um Grenzen oder Checkpoints zu scheren, ich kann Berge erklimmen, die später unpassierbar sein werden. Manchmal stoppe ich dann bei dem Namen eines Ortes, und schlage ihn nach, und dabei stoße ich dann auf eine Geschichte, die an anderer Stelle nachzuschlagen und weiterzulesen ist, und so, kreisend und vertiefend, gerät man in die Fänge eines Ortes, wird man nach und nach in den Bann der Fremde gezogen.

Vielleicht ist das der eigentliche Anfang einer Reise: dieses Suchen und Sammeln vorab. Vor jedem Aufbruch, vor jeder Abreise, liegt immer eine Frage, etwas, das mich umtreibt, etwas, das mich unruhig stimmt. Es kann eine Meldung sein über Olivenbauern im Westjordanland, die ihre Bäume nicht ernten können, weil der Sperrwall sie von ihrem eigenen Land fernhält, es kann der Klang der „Oud" sein, der arabischen Laute, und ein Lautenspieler, ein Meister des Instruments, der über die Geschichte irakischer Musik spricht, sodass er die Gegenwart des Krieges für einen Augenblick vergessen lässt, es kann der Blick einer Frau sein, auf einem Photo, die aus Angst vor Vergewaltigung über die afghanisch-pakistanische Grenze fliehen musste, es kann ein Vers sein, in einem Band persischer Dichtkunst, oder ein Gespräch mit einem Fremden, der mir etwas erzählt, was ihm widerfahren ist, etwas, das ihm keiner glaubt, weil es so furchtbar ist, dass es jedem Menschen aus einer unversehrten Gegend unwahrscheinlich erscheinen muss.

Das Schreckliche erscheint uns, die wir verschont geblieben sind, allzuoft unwahrscheinlich, wohingegen es für diejenigen, die Leid erfahren, leider allzu wahrscheinlich ist.

Es braucht nur eine solche Berührung, etwas, das einen nicht wieder loslässt. Das kann etwas Verstörendes sein, etwas, das nicht recht ist, etwas, das niemanden interessiert, aber interessieren müsste.

Das kann etwas Bewegendes sein, etwas, das überraschend schön oder beglückend ist, von dem niemand weiß, aber von dem alle wissen sollten.

Es sind solche Stachel, winzige Momente, kurze Augenblicke und Szenen, die der Auslöser für Reisen in Krisengebiete sind.

Manches daran ist wie ein Impuls: da sind Menschen in Not, die brauchen Hilfe, und so wie man nach einem Glas Wasser greift, wenn es vom Tisch zu fallen droht, unbewusst, reflexhaft, so unbewusst und reflexhaft reagiere ich auf Bilder von Flüchtlingen oder Eingeschlossenen. Das ist eine Intuition. Nicht mehr. Das ist nichts Besonderes.

Aber natürlich gibt es mehr Not als Möglichkeiten des Reisens, es gibt mehr Orte, an denen es Geschichten über Ungerechtigkeit und Leid zu beschreiben gäbe, als irgendein Budget irgendeiner Redaktion es finanzieren könnte. In der gegenwärtigen Bilderflut werden wir alle, ununterbrochen überwältigt und überfordert von unserem Mit-Wissen von bedrängenden Notlagen weltweit. Es ist für jeden eine moralische Überforderung, auf alle diese Ereignisse und Nöte reagieren zu wollen.

Und deswegen reicht der politische oder moralische Impuls allein nicht aus. Es braucht noch etwas anderes. Etwas Persönlicheres. Es gibt immer noch ganz private Neigungen, idiosynkratische Bezüge, die einen zu einem Land hinziehen oder von einem anderen abhalten. Es gibt assoziative Anregungen, die die eigene Neugierde und das Fernweh steuern. Manche davon sind einem bewusst, manche nicht. Vielleicht glauben wir, wir reisten aus politischem Interesse, vielleicht stimmt das auch. Aber oft liegt dem noch eine andere, ältere Schicht einer früheren Sehnsucht zugrunde.

Ein Beispiel? Immer schon wollte ich in den Irak reisen. Nicht erst seit der Irak zu trauriger Prominenz gekommen ist, nicht erst seit verschiedene Kriege das Land erschüttern. Ich bin aufgewachsen mit den Geschichten von Abraham, der aufbrach zu seiner Reise in der Stadt Ur. Das Zweistromland von Euphrat und Tigris war das phantastische Land der Erzählungen meiner Kindheit. Ich habe mir ausgemalt, lange bevor ich die erste Landkarte des modernen Irak in den Händen hielt, wie die Farbe des Flusses wohl sei, wie das Tor von Ninive wohl aussah, wie das Licht und die Gerüche dort waren. Diese inneren Bilder haben eine eigene Kraft, eine eigene Sinnlichkeit, und sie sind nicht weniger real als die äußeren, die später, erst über die Medien, und dann durch das eigene Reisen hinzukommen.

Lange bevor die Reisen beginnen, sind wir also schon aufgebrochen, in uns, in den Geschichten, die wir schon mit uns herumtragen, die, die wir uns anlesen, in historischen Büchern, in der Literatur, der Musik, all das, was wir vorher anfüllen als Reservoir aus Wissen und Erfahrung, aus Einbildung und Kenntnis – und aus dem wir dann schöpfen.

Das ist es, was es braucht, um eine Sehnsucht zu erzeugen: ein Bruchstück von Wissen, ein Fetzen einer alten Melodie, irgendetwas, an das sich anschließen lässt, etwas, das einen auf die Fährte setzt, etwas, das eine frühere Spur aufnimmt. Das ist nicht nur im Vorfeld einer Reise wichtig, sondern auch später in der Fremde selbst. Wenn es nur einen Bezug gibt, der an etwas Eigenes anknüpft: eine Vogelstimme, die auch in der Kindheit erklang, ein Versmaß, dessen Rhythmus einem vertraut ist, ein Kartenspiel, das sich auch wortlos mit alten Männern spielen lässt, was auch immer es ist, das einen selbst hineingleiten lässt in eine andere Kultur, eine andere Zeit, eine andere Gemeinschaft, ob es angelesenes Wissen über dieses fremde Land ist oder die Liebe zu einer Melodie, jede noch so obskure Fertigkeit oder Passion kann in der Fremde auf einmal integrativ und einladend wirken.

Natürlich gibt es auch eine professionelle Methodik des Reisens, natürlich gibt es auch rationale Pläne, wozu eine Reise dient, welche politischen oder sozialen Fragen untersucht werden sollen, welche Perspektiven für welche Probleme relevant sind, welche Personen oder Institutionen repräsentativ und wichtig sein könnten. Natürlich gibt es eine Grammatik der Recherche für solche Reisen.

Aber die Kunst des Reisens ist neben dem mitgebrachten Material, neben den inneren Landkarten, den individuellen Sehnsüchten und dem angelesenen Wissen, neben all dem, was im eigenen analytischen oder emotionalen Gepäck mitreist, neben all dem ist es vor allem die Kunst, all das Mitgebrachte im entscheidenden Moment wieder zu vergessen, bereit zu sein, sich überraschen, sich verunsichern, sich überwältigen zu lassen.

Die Kunst des Reisens besteht nicht darin etwas zu wissen über den Ort, an den man fährt, sondern es zu vergessen, wenn man sich dort verliert.

Vielleicht beginnt dort erst das Reisen: wo die Karte aufhört, die Straße endet, das Haus nicht zu finden ist, zu dem man eigentlich wollte, der Übersetzer niemanden mehr kennt, und das offene Reisen beginnt, das nur aus Vertrauen besteht, das sich leiten lässt von einem Bauern am Wegrand, einer Großmutter, die einem stumm den Weg zeigt, das ist das eigentliche Reisen, bei dem man nicht mehr weiß, wo man übernachten wird, bei wem, und welche der Überzeugungen, die man noch am Morgen hatte, am Abend Gültigkeit behalten werden.

Am meisten gelernt habe ich eigentlich immer so: wenn wir festsaßen irgendwo, in Kolumbien, wo uns eine Familie in ihr Haus zog, weil draussen der Guerillakampf tobte und wir auf der Straße nicht überlebt hätten, in den Stunden, auf dem Fußboden in der Küche dieses kleinen Hauses, haben wir uns Geschichten erzählt, wir aus unserer und sie aus ihrer, wir waren gleichermaßen verloren in diesem Krieg, für diesen Moment zumindest waren wir einander gleich, keiner näher oder ferner dieser Welt, die uns gleichermaßen bedrohte, und so haben wir etwas verstanden von dem Leben in Kolumbien, etwas mehr, als wenn wir auf den vertrauten Wegen geblieben wären.

Es muss gar keine bedrohliche Situation sein, manchmal ist es nur ein Gespräch, das anders verläuft als geplant, ein radikaler Sheikh, der auf einmal wirklich spricht und auch den Widerspruch verstehen will, ein traditioneller Vater, der trauert und jemanden braucht, bei dem er sich das zugesteht, eine verschleierte Frau, aus der ihre Vorstellungen von Sexualität herausbrechen, aber auch Gespräche, in denen wir selbst Uneingestandenes entblößen, Zweifel an bisher Unhinterfragtem äußern, weil das Gegenüber das einfordert oder ermöglicht....

Die wirklichen Reisen entstehen im Gespräch mit Fremden, in diesen Momenten, in denen die Welt um einen herum auf einmal verschwindet, in denen das Eigene unsichtbar wird und das Fremde auch, und auf einmal etwas Gemeinsames aufscheint, Menschlichkeit.

Das ist das eigentliche Ziel das Reisens, dieser Moment, der alles transzendiert, den Ort, die Sprache, alles, was einen unterscheidet, macht dieses Gespräch erst möglich, und doch spielen die Unterschiede dann keine Rolle mehr. Natürlich gibt es Dissens, natürlich gibt es Uneinigkeit.

Aber wenn sie gelingt, die Reise des Gesprächs, dann entstehen Begegnungen, die alle verändert zurücklassen.

Und so beginnen Reisen nicht nur immer wieder neu, sondern kommen nie zu einem Ende. Einmal zurück, in Berlin, ist die Reise nicht vorbei, sondern die Bilder und Begegnungen, die Gerüche und Gewürze haben sich eingeprägt, sie machen nicht mehr nur einen Ort und ein anderes Land aus, sondern von nun an auch mich und mein Leben.

All das trage ich in mir, morgens früh, wenn das Taxi mich zum Flughafen bringt, und mein Photograph Sebastian Bolesch draußen steht und seine letzte Zigarette raucht und ich mich freue, jedes Mal wieder, wenn ich ihn da stehen sehe, und weiß, wir begeben uns einmal wieder ins Ungewisse. Am schönsten ist der Moment, wenn wir dann nebeneinander im Flugzeug sitzen, das Gepäck verstaut ist, alle Sicherheitskontrollen hinter uns liegen, und nun nichts mehr dazwischen kommen kann zwischen uns ...und das Glück des Reisens.



Share this