Carolin Emcke
Foto: Carolin Emcke
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23.12.2009

"Steinbruch Gottes" - Israel

erschienen: DIE ZEIT vom 22. Dezember 2009

Der feinkörnige Sand hat so gar
nichts Göttliches. Das weiße Pulver
legt sich auf Haare und Wimpern,
es beschwert den Atem und macht
die trockene Haut rissig. Es weht
ein böiger Wind und verwandelt den
Steinbruch von Beit Fajjar in eine
milchfarbene Landschaft, der Staub
verhüllt die Szenerie wie ein
Schleier, aus dem nur die
aufrechten Quader herausragen.
Kilometer über Kilometer ziehen
sich Etagen aus Kalkstein, die
gestapelten Blöcke aus grobem
Fels, manche weiß, manche
gelblich.

Melekeh nennen sie diesen
Stein, der seit der Zeit von König
Herodes die Architektur des alten
und des modernen Jerusalem
geprägt hat. Wer nach Jerusalem
kommt, spricht meist vom Licht und
ebendiesem Stein, dem hellen,
leuchtenden Stein, der eine
besondere Aura erzeugt, die
Gläubige wie Nichtgläubige anrührt.

Melekeh, das stammt vom Begriff
für »königlich«, doch für Tujan
Janazreh ist der Stein nicht
königlich: »Was dort die heilige
Aura schafft, das ist hier harte
Arbeit.«

Der Palästinenser legt seine Hand
an einen der steinernen Riesen,
ganz sanft streicht er über die
Rillen, die den Stein wie Adern
durchziehen, spürt jede Unebenheit
mit der Erfahrung eines ganzen
Lebens im Steinbruch südlich von
Jerusalem: Welcher Stein muss
aussortiert werden, welcher ist rein
genug. »Das Besondere an diesem
Kalkstein sind die hohe Qualität und
seine Farbe«, sagt Janazreh und
betrachtet seine Arbeiter, die 20
Meter tiefer auf einem Felsblock
stehen und die Maße (2,80 mal 1,60
mal 1,80 Meter), die ein richtiger
Melekeh-Quader braucht,
freischneiden, die Farbe
»schmeichelt dem Auge«.

Und dann
erklärt Janazreh, was den echten
Jerusalemer Stein ausmacht, den,
der die Feuchtigkeit nicht absorbiert,
der nicht zu porös ist, der
widerständig bleibt. Und als ob er
von der Stadt selbst spräche, sagt
der Palästinenser, der seit sechs
Jahren nicht mehr in Jerusalem war,
weil er dort als illegal angesehen
wird: »Ein guter Stein ist der, der
nicht altert.«

»Die Geschichte ist ein riesiger
Steinbruch«, hat der israelische
Autor und frühere
Vizebürgermeister von Jerusalem,
Meron Benvenisti, einmal gesagt,
aus dessen Steinen alle das
Gebäude ihrer eigenen Geschichte,
ihres eigenen Jerusalem
konstruierten. Für viele Gelehrte
und Politiker, die um die umstrittene
Stadt ringen, vermengt sich, was
Tujan Janazreh genau zu
unterscheiden weiß: das Sakrale
und das Profane, das Zeitlose und
das historisch Gewachsene - das ist
der Grund, warum eine
Momentaufnahme aus Jerusalem
so schwerfällt, von einem einzelnen
Augenblick nur, der die Gegenwart
betrachtet, nicht die Vergangenheit,
und das vorübergehende Jerusalem
beschreibt, flüchtig und
überraschend, in einer Woche im
Dezember.

»Gelobt seist Du, Ewiger unser
Gott, König der Welt, der Wunder
getan hat an unseren Vätern, an
jenen Tagen, zu dieser Zeit« , so
beginnt Hannah (Name von der
Redaktion geändert), und ihre fünf
Kinder stimmen ein, etwas zögerlich
anfangs, weil diese Fremden mit
den unbedeckten Haaren mit im
Raum sind.

Es ist der Segen zum
Chanukka-Fest, dem jüdischen
Lichterfest, an dem Tag für Tag die
Kerzen eines achtarmigen
Leuchters angezündet werden. Die
Kinder stehen vor dem Leuchter,
und der vierjährige Eliyahu darf die
heutige Kerze anzünden, sie steht
am Fenster, damit das Zeichen des
Wunders nach draußen leuchtet -
daran glaubt die ultraorthodoxe
Hannah, auch wenn sie vom
Fenster nur auf leere Hügel schaut
und die Nachbarn Araber sind. Sie
wohnt in der Atzag, der letzten
Straße am äußersten
nordwestlichen Rand von
Jerusalem, man könnte auch sagen
auf »umstrittenem Territorium«,
aber für Hannah ist das Land nicht
umstritten, sondern eindeutig von
Gott versprochen, an Abraham, an
Isaak... - sie zählt die Ahnen auf, die
ihr eine eigene Geschichte, eine
eigene Zeitlichkeit bedeuten.

Hannah hat nichts Aggressives,
nichts Fanatisches an sich, sie
entspricht so gar nicht dem
verzerrenden Bild, das gern von
orthodoxen Juden gezeichnet wird,
sie schaut immer wieder mit ihren
grünen Augen auf, fragend, sich
entschuldigend, ob ihre Ansichten
über die geistig arme Lebensweise
von säkularen Juden (von Christen
oder Muslimen spricht sie nicht)
verletzend klingen könnten. Hannah
möchte niemanden verletzen, aber
sie scheint erst in diesem Gespräch
zu merken, wie selten sie
Gespräche mit Menschen führt,
denen ihre Überzeugungen nicht
selbstverständlich sind.

Wer verstehen will, warum auch die
jüngsten Versuche der Regierung
Obama, im Nahen Osten Frieden zu
stiften - eine Zweistaatenlösung
oder eine Einstaatenlösung, ein
geteiltes oder vereintes Jerusalem -,
zu scheitern drohen, der muss gar
nicht die Extremisten oder die
Hasserfüllten aufsuchen, nicht die
Anhänger von Hamas in Gaza oder
die Siedler in den besetzten
Gebieten, er sollte zu den
Wohlmeinenden gehen, den
Liebenden, den Suchenden, den
Jerusalemern mit den Brüchen und
den Widersprüchen, die dennoch oft
nur in ihrer eigenen Welt leben und
eine andere nicht sehen.

»Jerusalem ist wie ein Film«,
beginnt Hannah, »die ganze, ewige
Geschichte ist ein Film, und wir, wir
leben nur in einem Einzelbild, das
kurz einfriert, aber niemals den
ganzen Film abbildet.« Für Hannah
unterscheiden sich die Menschen
danach, ob sie ein Bewusstsein für
den ganzen Film haben. Gläubige
wie sie, die an Jerusalem als Stadt
der Ewigkeit glauben, leben immer
mit dem Bezug nach oben, vertikal
gewissermaßen; durch die
Geschichte, die religiöse
Geschichte hindurch kann Hannah
wandern, »es ist wie ein Fluidum«,
erklärt sie beseelt und ganz und gar
nicht bösartig. Für sie gibt es das
horizontale Jerusalem, die soziale
Welt neben ihr, einfach nicht, als ob
das ein anderer Film wäre oder eine
andere Stadt.

Eine andere Stadt: Als der Star des
Abends im Club Moadon Hakazeh
(übersetzt: »Rand-Club«) mit dem
»Gelobt seist Du« beginnt, stockt
den Gästen kurz der Atem. Damit
hatte nun wirklich keiner gerechnet,
mit dem Chanukka-Segen von der
kleinen Bühne im roten, dämmrigen
Licht. In der Transvestitenshow im
Stadtzentrum von Jerusalem, in
einer düsteren Seitenstraße neben
dem Stadtparlament, vollzieht die
Sängerin dasselbe Ritual wie vor ihr
Hannah, so wie vor ihr
Generationen von jüdischen Frauen
- nur hätten die sie nicht als Frau
anerkannt. Doch für die
zusammengepresste Menge aus
jungen heterosexuellen und
homosexuellen Jerusalemern, die
alle zwischen der Theke mit den
Frauenporträts von Klimt und der
Bühne unter der glitzernden Kugel
stehen, ist das egal, auf einmal
inspiriert sie alle diese
Transsexuelle mit den leuchtend
geschminkten Lippen und dem
kurzen Schwarzen, und, etwas
überrascht von sich selbst und ihrer
Verbundenheit mit dem alten Ritual,
sprechen und singen sie mit ,
während vorne die nächste
Chanukka-Kerze angezündet wird.

Als der Tradition genüge getan ist,
lachen alle, ein bisschen erleichtert,
dass sie entlassen sind aus diesem
ernsten Moment, die Show geht
weiter. Ein junger Mann aus dem
Publikum wird auf die Bühne geholt,
er steht, müde und leicht verwirrt,
zwischen zwei Transen, die ihn
befragen und in Verlegenheit
bringen: »Bist du schwul?« Mike, so
heißt der Gast, verneint. »Und?«,
sagt daraufhin vergnügt eine der
vollbusigen Dragqueens, »wie fühlt
es sich an, anders zu sein?«

Das ist sie: die Kern-Erfahrung in
dieser wunderbaren Stadt, jeder ist
hier, zu einem bestimmten Moment,
an einem bestimmten Ort, fremd -
Christen, Juden, Muslime, sie alle,
die Jerusalem als ihre religiöse
Heimat beanspruchen, die in der
Altstadt am Tempelberg um jeden
Zentimeter des ihnen heiligen
Bodens ringen, Gläubige wie
Säkulare, Israelis wie Palästinenser,
die in Jerusalem ihre Hauptstadt
sehen, oder eben Heterosexuelle
und Homosexuelle, hier um
Mitternacht in diesem kleinen Club:
Sie alle könnten sich dauernd als
anders, als Minderheit erfahren,
wenn sie nur, wie Mike, zu den
anderen hingehen würden, wenn sie
zur anderen Seite gehen könnten,
wenn sie einander sehen würden.
Der Fluch der Stadt ist das
Nichthingehen und Nichthinsehen.

Wir müssen unsichtbar sein: Anders
kann Maisa Randa al-Kurd nicht
verstehen, was ihr geschieht. Sie
sitzt unter einem zugigen Zeltdach,
das auf vier Eisenstangen
aufgezogen ist, die Plane flattert im
bitterkalten Wind, sie hockt auf
einem Plastikstuhl und zeigt hinüber
zu dem Haus, das ihr einmal
gehörte, bis ein Gerichtsbeschluss
ihr Eigentum für illegal erklärte und
ein ganzer Trupp von Siedlern sie
Anfang November mitsamt ihren
Sachen aus dem Haus warf. Für
das Haus hatte sie tatsächlich keine
Baugenehmigung, das gibt Maisa
zu. Sie habe jahrelang einen Antrag
gestellt, ihr Zuhause um einen
weiteren Bau zu erweitern, weil ihre
Familie gewachsen war und ihr
Bruder mit seiner Frau und den
Kindern Platz brauchte. Das hintere
Gebäude steht noch, vor dem
vorderen sitzt ein bewaffneter
Sicherheitsbediensteter und
bewacht das Haus, in das Maisa
und ihr Bruder nicht mehr gehen
dürfen.

»Wie können sie das tun?«, fragt
Maisa und schaut auf die zwei
jüdischen Teenager-Mädchen, die
Hand in Hand durch den Garten,
der einmal Maisa gehörte,
spazieren, an dem Zelt mit den
frierenden Menschen vorbei, als ob
sie sie nicht sähen, als ob ihnen das
zerbrochene Plastikspielzeug nicht
auffiele, das seit der
Zwangsräumung auf dem Rasen
verstreut liegt, als ob sie nicht
existierten. Sie gehen an dem
Wachtposten vorbei in das Haus.
Eine Viertelstunde später kommen
sie wieder zurück. »Sie wohnen ja
gar nicht darin«, sagt Maisa, »das
Haus steht leer, niemand braucht
es, niemand hat ein Eigentum
zurückverlangt, denn das Haus gab
es ja vorher gar nicht.«

Um das Viertel Sheikh Jarrah in
Ostjerusalem tobt seit mehr als 35
Jahren ein erbitterter Rechtsstreit
zwischen jüdischen Vereinen, die
das Gebiet für sich beanspruchen,
und 28 palästinensischen Familien,
die 1948 hier angesiedelt wurden. In
den vergangenen Monaten wurden
vier Häuser schon zwangsgeräumt.
Maisa ist immer noch ein Haus auf
dem Grundstück geblieben. In dem
winzigen Wohnzimmer stehen zwei
Koffer, fertig gepackt, »für den
Moment, in dem sie uns auch
hieraus vertreiben«. Sie öffnet ihr
Notfallgepäck und zeigt, was sie
mitnehmen will: den Koran, einen
kleinen Plastikquader mit einer
Imitation der Kaaba in Mekka, die
Bilder ihrer Hochzeit. »Es ist«, sagt
sie zum Abschied, »nicht logisch.
Wenn das Vorderhaus illegal gebaut
wurde, dann müsste es abgerissen
werden. Das ist, was das Gesetz
sagt. Nun gut, das würden wir dann
auch tun: Wir würden es mit
eigenen Händen wieder abreißen,
aber wenn es illegal ist, dann ist es
jetzt, wo es Juden gehört, immer
noch illegal.«

Dass es vielfach auch Juden sind,
die mit ihr hier ausharren, im Zelt,
aus Solidarität mit ihnen, jüdische
Menschenrechtler von der
Organisation der Rabbis for Human
Rights, oder dass es Juden im
Stadtparlament gibt wie Meir
Margalit, der sich für sie einsetzt,
das erwähnt sie nicht. Vielleicht
kann sie das nicht mehr: die
Unterschiede innerhalb der
Gruppen erkennen; vielleicht
spielen die Wohlmeinenden, die
Suchenden, die Widersprüchlichen
für sie keine Rolle mehr, vielleicht
sind diese Juden ihr mittlerweile so
unsichtbar wie sie den jüdischen
Siedlern, die in ihrem früheren Haus
ein- und ausgehen.

In Gegenden wie Sheikh Jarrah
wirkt alles aussichtslos, alle
physische Nähe, die in dieser
kleinen Stadt unumgänglich ist,
scheint zu nichts geführt zu haben.
Während Benjamin Netanjahu und
Barack Obama noch um den
Siedlungsstopp im Westjordanland
verhandeln, wird Jerusalem immer
mehr zerrüttet. »Wir haben schon
die zweite Intifada vorausgesehen,
und ich fürchte, die dritte Intifada
deutet sich an«, sagt Arik
Aschermann von den Rabbis for
Human Rights, »was wir im Moment
erleben, an Verhärtung der Fronten,
mitten in Jerusalem, das lässt uns
befürchten, dass wieder dieselbe
trostlose Mischung aus Wut und
Hoffnungslosigkeit sich
zusammenbraut.« Sie haben ihn,
den Rabbi, einen »Nazi« genannt -
nicht die Palästinenser, die
jüdischen Siedler.

»Was von dort gesehen werden
kann, kann von hier nicht gesehen
werden«, diese Zeile des
israelischen Liedermachers Ya'akov
Rothblitt hat Ariel Sharon zitiert,
kurz bevor er als Ministerpräsident
den Rückzug aus dem Gaza-
Streifen befahl. Die Welt der
anderen, die man sich schwer
vorstellen kann - für viele Juden
sind das nicht mehr nur die
Palästinenser, sondern
Andersdenkende innerhalb der
jüdisch-israelischen Gesellschaft.

»Natürlich schäme ich mich, als
Israeli und als Rabbiner für die
Lebensbedingungen der
Palästinenser in Ostjerusalem«,
sagt Rabbi Benny Lau von der
Ramban-Synagoge in Katamon,
aber seine eigene Arbeit richtet er
auf die anderen Konflikte. Er sitzt
am Tisch in seinem Wohnzimmer,
vor einer riesigen Bücherwand mit
theologischen Schriften, und spricht
langsam und leise.

Für Lau sind es die Gräben
innerhalb der jüdischen Gemeinde,
die überbrückt werden müssen,
wenn es zu einem inneren Frieden
kommen soll. Die Zerwürfnisse
zwischen den gläubigen und den
nichtgläubigen Juden treiben ihn
um. Dafür veranstaltet Rabbi Lau in
seiner Synagoge Debatten über
einen liberalen jüdischen Staat,
über Frauenrechte und Gleichheit.
»Wenn ich von Mauern spreche, die
ich überwinden möchte«, sagt Lau,
»meine ich die Mauern zwischen
jüdischen Nachbarn.«

Von diesen Mauern weiß Wajedi
Salah al-Amour nichts. Er weiß
nichts von den Konflikten innerhalb
der Gesellschaft auf der anderen
Seite. Aber von der echten Mauer,
der aus Beton und Stahl, mit der
Israel sich von den
Palästinensergebieten abgrenzt,
davon versteht der 15-Jährige
etwas. »Wollen Sie das Loch in der
Mauer sehen?«, er sieht nicht aus,
als wollte er einen Scherz machen,
wie er da so steht, auf der Straße in
Abu Dis vor der Grabstätte von
Lazarus, zwischen den Bussen, die
hektische Touristen ein- und
ausladen, gleich neben dem
flauschigen Kamel, das auf den
Namen Masoud hört, und gemütlich
auf einem Kopfsalat herumkaut.
»Ich zeige Ihnen das Loch in der
Mauer«, sagt Wajedi noch mal und
streicht über sein etwas zu kurz
geratenes Sweatshirt mit den
weißen Totenköpfen darauf.

Und tatsächlich, in der Mauer, wenige
Meter neben einem Wachturm,
umrankt von Stacheldraht, gibt es
einen Spalt, etwas zu hoch und
etwas zu schmal, um das
Überqueren allzu leicht zu machen,
ein bisschen zu nah an dem
israelischen Posten, um wirklich
einladend zu wirken, aber Wajedi
strahlt. »Da drüben, auf der anderen
Seite«, sagt er, »da ist es einfach
schöner.« Woher er das weiß? Er
geht jeden Freitag hinüber, in die Al-
Aksa-Moschee, erklärt er ernsthaft,
noch dürfe er seinen Vater
begleiten, der habe einen Ausweis,
aber wenn er 16 werde, dann sei es
vorbei. Wann das ist? »Nächstes
Jahr.« Warum er immer
hinübergeht? »Es ist wichtig, die
anderen Seite zu kennen«, sagt
Wajedi, »ich will wissen, wie es sich
anfühlt, frei zu sein.«


Auf dem Tempelberg, Jerusalem
© Sebastian Bolesch
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