Carolin Emcke
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20.08.2009

"Im Wendekreis der Angst" - Albanien

erschienen: DIE ZEIT vom 20. August 2009


Was wirklich geschehen ist, kann keiner mehr beschreiben. Es gibt
nur noch lose Bruchstücke der Ereignisse, die sich nicht
ineinanderfügen wollen, wie lange man sie auch hin und her wendet.
Was genau den Streit ausgelöst, wer zuerst wen verwundet hat und
vor allem warum, das hat sich über die Jahre in Unschärfe verloren.
Scham und Furcht der Erzähler haben die Konturen des
Verbrechens aus der Geschichte gewaschen.

Es habe mit einem Fußballspiel begonnen, das in Gerangel
überging, »eine Kinderei«, erinnert sich Mojo Moriqi, 21, aber wie die
ausarten konnte, das weiß er nicht zu erklären. Vielleicht erinnert er
sich heute nicht mehr an Details. Vielleicht sind Details immer die
ersten Opfer des Affekts. Am Ende war der Cousin Samet Moriqi
verletzt und musste ins Krankenhaus.
»Wir haben reagiert«, behauptet Mojo, als wenn darin eine
Rechtfertigung läge. Mit dem »Wir« sind alle Männer der Familie
gemeint, der Vater, die Onkel und Cousins von Samet: Sieben Männer
der Moriqis machten sich auf die Suche nach dem Täter, einem
Angehörigen der Mirashi-Familie aus dem wenige Kilometer
entfernten Dorf. Doch sie fanden nur Taulant Mirashi, den 14-jährigen
Sohn, der gerade die Ziegen hütete. Taulant war unbewaffnet, und er
hatte auch Samet nicht verwundet, das gibt Mojo zu. Trotzdem wurde
er erschossen von Mojos Onkel.

Das ist jetzt fünf Jahre her.

Seitdem leben die Männer der Moriqis im Wendekreis der Angst,
seit fünf Jahren »stehen sie im Blut« mit der Familie Mirashi, bestimmt
die Furcht vor Rache das Leben der Brüder Mojo, Eduard und Mirsad.
Ihre Welt besteht aus den beiden Sofas im dunklen Flur, der ihr
karges Haus in dem kleinen Dorf Melgush im Nordwesten Albaniens
in zwei Hälften schneidet und von dem aus sie die Tür im Auge
behalten können. Da sitzen sie dann und schauen auf diesen
sonnigen Spalt. Das ist das Einzige, was geblieben ist von der
Außenwelt. »Ich wollte einfach ein normales Leben«, sagt Eduard
Moriqi, 27, der älteste der Söhne, »aber das ist unmöglich geworden.«

Seit fünf Jahren leben die Brüder Eduard, Mojo und Mirsad Moriqi
zurückgezogen in diesem Haus, sie können nicht studieren, nicht
arbeiten, nicht über die Straße gehen, ohne zu fürchten, ermordet
zu werden. Mirsad war ein exzellenter Schüler, doch aus Angst
vor der Vergeltung hat er die Schule aufgegeben. Sie leben in Albanien,
mitten in Europa, in einem säkularisierten Land, das religiöse
Freiheit nicht nur toleriert, sondern religiöse Unterschiede kaum
wahrnimmt, und sie können aus Furcht ihr Haus nicht verlassen. Sie
leben in einer jungen, aber stabilen Demokratie, und doch bieten deren
Gesetze ihnen keinen Schutz, weil sie nicht wissen, wer an sie glaubt.

Sechzig weitere Jungen und Männer des Clans halten sich
versteckt, der jüngste verborgene Moriqi ist 19 Monate alt. Sie leben
im Stillstand, eingeschlossen und ausgeschlossen zugleich, und
warten auf den Tod, denn nur der Tod, so glauben sie, könnte
befreien von dem Fluch einer Tat, die sie gar nicht begangen haben.
»Das ist das Gesetz«, erklärt Mojo die Logik der Gewalt, »Auge um
Auge, Blut um Blut.«

Im Namen des »Kanun« wurden 9500 Menschen ermordet
Sie mögen seit fünf Jahren leblos am Leben sein, aber das ändert
nichts an ihren Vorstellungen von Schuld und Sühne, die den Norden
Albaniens geprägt haben und die sie Kanun (griech. Kanon: Regel,
Maß) nennen. »Blut bleibt niemals ungerächt«, so heißt es da. »Wir
glauben an den Kanun«, sagt Mojo,»wir haben ihn gelernt von unseren
Vätern.« Das Nationale Versöhnungskomitee, eine albanische Nichtregierungsorganisation, hat
ermittelt, dass seit dem Ende der kommunistischen Diktatur von Enver Hodscha 1991 schätzungsweise 20000 Menschen in Blutfehden verwickelt wurden, 9500 wurden demnach seither im Namen des Kanun getötet. Rund 1200 Kinder wachsen ohne
Schulausbildung auf, weil sie zu Hause eingeschlossen leben aus
Angst vor dem Kanun.

»Den echten Kanun kennt niemand mehr«, sagt Ismat Elezi, Professor für Strafrecht
an der Universität in Tirana, und holt aus seiner Aktentasche die
Originalausgabe des ersten verschriftlichten Kanun des Lek
Dukajin aus dem Jahr 1933 hervor. Der Lek Dukajin handelt
keineswegs nur von der Blutrache. In 24 Kapiteln werden über 1200
Paragrafen entwickelt, dazu gehören Fragen wie die der Strafe
bei Diebstahl des Leithammels einer Herde (Paragraf 154), oder die der
Gleichwertigkeit von hässlichen und hübschen Männern (Paragraf 594).
Vor allem aber kreist der Lek Dukajin um zwei zentrale Werte, die
alle anderen bedingen: den besa, das Versprechen, und die mikpritje,
die Gastfreundschaft. Die Vorstellung von Ehre beruht auf
diesen beiden ethischen Verhaltensformen: Individuelle Ehre
ist abhängig davon, ob eine Person ihre Versprechen hält, die soziale
Ehre wiederum davon, ob Gäste zuvorkommend behandelt werden.

Über fünf Jahrhunderte wurde dieser soziale Code mündlich
überliefert, von Vater zu Sohn, ob katholisch oder muslimisch, und
bildete die moralische Grammatik einer Gesellschaft aus, die sich in
der Regelung von Konflikten auf sich selbst gestellt sah. In der
wechselvollen albanischen Geschichte des Widerstands gegen
Eroberer und Besatzer formulierten sich im Kanun all jene Werte, die
das Zusammenleben stabilisieren sollten. Der Kanun sollte die Fugen
des gesellschaftlichen Alltags ausfüllen, wo keine staatliche oder
religiöse Autorität Stabilität herstellen konnte.

Das moderne, demokratische Albanien hat längst eine eigene
Verfassung und seit 1995 auch ein Strafgesetzbuch, das vorsätzlichen
Mord mit einer Freiheitsstrafe von mindestens 20 Jahren ahndet, 2001
wurde das Gesetz um einen Paragrafen ergänzt, in dem »Mord
aus Rache« ausdrücklich erwähnt und mit 20 Jahren bis
lebenslänglich belegt wird. Albanien hat eine neue moderne
Gestalt angenommen, die Diktatur von Enver Hodscha ist überwunden.
Vierzig Jahre lang lag das Land im toten Winkel Europas, erst mit dem
Tod Hodschas und der demokratischen Wende von 1991
entkam es der Isolation. Alle Krisen, die die junge Demokratie zu
zerreißen drohten, hat Albanien überlebt: den Zusammenbruch des
Finanzsektors 1997 nach den Pyramiden-Spekulationen und auch
die Kosovo-Krise, als hunderttausend kosovarische
Flüchtlinge in den verarmten Norden strömten. Albanien ist
gerade in die Nato aufgenommen
worden und sehnt sich in die EU -doch trägt das Land noch immer die
Narben der Vergangenheit.

So stehen im neuen Albanien die steinernen Ruinen ehemaliger
Kupferminen und Gießereien wie Gerippe herum, an den
Stadträndern verrotten leere Fabriken früherer
Chemiekombinate. Die 700000 pilzähnlichen Ein-Mann-Bunker, die
der paranoide Hodscha überall in Albanien hatte aufstellen lassen -
für den Partisanenkampf gegen eingebildete Feinde -, wirken hilflos.
Bauern stellen ihr Vieh darin unter, Jugendliche lieben sich darin,
Badende trocknen am Strand auf ihren Dächern ihre Handtücher.
Auch der Kanun ist eine Narbe der Vergangenheit, ein Relikt inmitten
der ungleichzeitigen Modernisierung Albaniens.

Das Gewohnheitsrecht ist keineswegs ein altes, sondern
ein neues Phänomen, das vorseinem endgültigen Aussterben
noch einmal auflebt. »Der Kanun war unter Hodscha schon verschwunden«,
erklärt Ismat Elezi die dialektische Ironie, »erst in der
rechtlichen Unsicherheit der Wende zur Demokratie haben sich die
Menschen wieder dem vordemokratischen Lek Dukajin
zugewandt.« Die Eingeschlossenen, die sich vor dem Lek Dukajin
fürchten, sind keine archaische Erscheinung, sondern
paradoxerweise ein Ausdruck der Modernisierung.
Das Gewohnheitsrecht wird verschwinden, da ist sich Elezi
sicher, die Flucht der jungen Generation aus dem bitterarmen
Norden in den Süden Albaniens wird die Praxis verwässern. »Nicht
die Sühnemorde selbst sind das Problem«, sagt Elezi, »sondern ihre
Folgen für die Familien, die nicht mehr sicher sind, ob sie noch mit
einer Vergeltung rechnen müssen oder nicht.«

Mojo und Eduard Moriqi haben den Lek Dukajin nie gelesen. Der Kanun
sah vor, dass der Mörder sich bei der Familie des Opfers zu erkennen
gebe solle. Damit es eindeutig sei, wer die Blutrache auf sich gezogen
hat. Aber das wissen sie nicht. Sie wissen auch nicht, dass es
eigentlich einen gemeinschaftlichen Rat geben sollte, der über die Strafe
befindet. Der Kanun, an den sie hier glauben, ist eine Erfindung, ist das,
was Jahrhunderte später übrig geblieben ist - so wie die sinnfreien
Wortfetzen bei dem alten Kinderspiel der Stillen Post.
»Wir wissen nicht viel«, sagt Eduard Moriqi, »aber wir wissen, dass wir
jungen Männer zur Unwissenheit verdammt sind.« Er pausiert und
sagt: »Glücklicherweise haben wir unsere Frauen. Ohne sie wären wir
verloren.«
Das archaische Gesetz trägt unarchaische Früchte:
Während die Männer aus Angst vor der Blutrache vom sozialen Leben
ausgeschlossen sind, haben die Frauen deren Rollen übernommen.
Die Mädchen gehen zur Schule, die Frauen erledigen die Männerarbeit
auf dem Hof.

»Die Zeiten haben sich geändert«, sagt Avdi Cena und faltet die Hände
vor seiner eleganten, beigefarbenen Weste. »Viele Regeln des Kanun
sind verschwunden, nur noch einige wenige haben sich gehalten.« Cena
ist »Mittler« in Kukës, der 82- Jährige ist aufgewachsen mit der
Tradition des Kanun, er kennt die Normen und Rituale. Die Rolle des
»Schlichters« ist im Lek Dukajin selbst vorgesehen, er soll im
Namen des Täters bei der Familie des Opfers um Vergebung bitten. Er
holt einen kleinen Zettel aus der Innentasche seines Jacketts: In
kleinen Tabellen hat Cena darin verzeichnet, in welchem Ort der
Provinz wie viele Familien als Eingeschlossene leben, aus Furcht
vor Vergeltung für eine Tat, die oft Jahre, manchmal Jahrzehnte
zurückliegt. 64 Familien in der Gegend von Tropoje hat er notiert,
13 Familien in der Region von Has, 16 Familien hier in Kukes, an der
Grenze zum Kosovo - sie alle hoffen, dass es Cena gelingt, einen
Vertrag abzuschließen mit der gegnerischen Familie. »Es ist
einfacher, eine Autobahn zu bauen«, sagt Cena ernst, »als
Frieden zwischen zwei Familien zu stiften, die im Blut stehen.«

Die Staatsanwaltschaft hat im Fall des Mordes an Taulant Mirashi ermittelt,
der Täter wurde verurteilt, aber das ändert nichts an der Gefahr für die
Moriqis. »Der Kanun ist stärker als die Polizei«, sagt Mojo. Das Haus der Eltern von Taulant
Mirashi ist abgedunkelt.Sonnengebleichte Tücher hängen vor den Fenstern des flachen Hofs,
nur wenige Kilometer von den Moriqis entfernt. Ein Wachhund reißt kläffend an der Kette und bellt die Familie aus dem Innern hervor. Sie sehen müde aus, Vater und
Mutter Mirashi, und abweisend. Zu oft schon sind Besucher
gekommen, die um Vergebung bitten wollten im Namen der
Moriqis. Sie sind katholisch, aber vergeben, den Mord an ihrem
geliebten Sohn, das wollen sie nicht. Sie zeigen ein Fotoalbum mit
Bildern von Taulant als Messdiener, beim Schulausflug, mit Freunden.
Etwas abseits steht Taulants älterer Bruder Emiliano und verfolgt
misstrauisch, was seine Eltern erzählen. Er sei geflohen damals,
vor fünf Jahren, in die USA, gibt Emiliano preis, in die Bronx. »Das
ist hart, aber da werde ich bleiben.« Er ist scheu und wortkarg, als
müsse er sich schämen. Als sei er schuld am Tod seines Bruders und
nicht einer der Onkel aus dem Moriqi-Clan. Vielleicht hatten sie
eigentlich ihn gesucht oder seinen Vater - und nur den kleinsten
Jungen, Taulant, gefunden. Vielleicht ist er schuld an der
Gewalt, mit der alles begann. Vielleicht. Was wirklich geschehen
ist, kann keiner mehr erzählen.


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