Kunst der Schutzlosigkeit
Rede anlässlich des Erscheinens von Jürgen Leinemanns Buch "Das Leben ist ein Ernstfall"
„Kommt, reden wir zusammen", heisst es in einer Vers-Zeile des Dichters Gottfried Benn.
Das fiel mir ein beim Lesen von Jürgen Leinemanns Buch „Das Leben ist ein Ernstfall", immer wieder: „Kommt, reden wir zusammen,/ wer redet ist nicht tot."
Nach 35 Arbeitsjahren als Redakteur, Reporter und Büroleiter des SPIEGEL erkrankt Jürgen Leinemann, kurz nach seinem 70. Geburtstag, im Frühjahr 2007 an Krebs.
Wir meinen zu wissen, was das heisst: „Krebs". Wir kennen es bei Freunden und Verwandten, Geliebten und Fremden, bei Anderen oder bei uns selbst.
Krebs, so meinen wir insgeheim, das ist das kurze Wort für den langen Weg des Sterbens. Krebs und Tod, so denken wir, und sprechen doch nie darüber, was das heisst, so zu denken.
Jürgen Leinemanns Diagnose lautete nicht einfach „Krebs". Sie lautete „Zungengrundkrebs".
Für einen Reporter, einen Menschen, der spricht und schreibt, zuhört und erzählt, der dialogisch denkt, der im Spiegel anderer sich versteht und entdeckt, für den bedeutet ein Krebs, der stumm machen könnte, was für einen Gourmet wohl Magenkrebs oder einen Dirigenten Taubheit bedeuten würde.
Als Jürgen Leinemann die Diagnose erhält, sind die Einladungen für sein Geburtstagsfest schon längst verschickt. Er hätte absagen können. Er hätte es nicht einmal selber machen müssen. Rosemarie, seine Frau, oder Susanne, seine Tochter, hätten das sicher für ihn übernommen.
Er hätte feiern können, und seine Krankheit beschweigen.
Er hätte das Fest genießen können als ob nichts gewesen wäre, mit dem Geheimnis der Krankheit allein für sich.
„Schon lange hatte ich mir vorgenommen, an diesem Tag Wegbegleiter aus allen Lebensphasen einzuladen", schreibt Jürgen Leinemann dazu, „jetzt war die Krankheit dazwischengekommen."
Dazwischen gekommen?
Wer weiter liest, wer sich durch die Kreise der Krankheiten und Operationen, durch Bestrahlungen und Behandlungen, wer sich durch Entzündungen und Verwucherungen, durch Wünsche und Flüche, wer sich durch Hoffnungen und Illusionen, Demütigungen und Depressionen gelesen hat, wer den Kampf mit Rückschlägen und Tränen mit durchlitten hat beim Lesen, wer die Not und Nötigungen, die Bitten und Begehren nachvollzogen hat, von denen dieses Buch erzählt. der muss schmunzeln über dieses „jetzt war die Krankheit dazwischen gekommen", der muss schmunzeln über diese Mischung aus unbewusster Ahnungslosigkeit und bewusster Widerständigkeit, mit der Jürgen Leinemann seiner Krankheit anfangs begegnet.
Jürgen Leinemann entscheidet sich anders. Jeder seiner Freunde, jeder Gast seines Fests zum 70ten Geburtstag wird angerufen und informiert, keiner soll sich etwas vormachen können, keiner soll ihn einfach abschreiben, keiner wird geschont. „Sollte ich so tun als wäre nichts?", fragt Jürgen Leinemann in seinem Buch, „das würde ich nicht durchhalten.
„Kommt, reden wir zusammen," schien er uns allen, die wir eingeladen waren, sagen zu wollen. „wer redet, ist nicht tot. "
Ich erzähle von dieser einen Episode aus dem Buch nur deshalb so lang, weil sie besonders symptomatisch ist für das, was Jürgen Leinemann von sich und allen, die er braucht, verlangt.
Sich selbst nicht zu schonen, das scheint die einzige Form zu sein, in der Jürgen Leinemann sich schützen kann vor der Angst vor der eigenen Schwäche.
Wenn er nicht so tun muss, als wäre nichts, kann er nicht scheitern.
So mutet er sich lieber die Wahrheit zu,
sich und uns,
damit er die Lüge nicht durchhalten muss.
Das scheint ihm leichter, das macht ihm weniger Angst – und so zwingt er auch uns hinein, in seinen Umgang mit dem Schmerzlichen, mit der Furcht, mit dem Schwachen, an ihm, aber auch an uns selbst.
Wer Jürgen Leinemann liebt, wie ich, für den ist diese Schutzlosigkeit manchmal eine Zumutung, aber sie ist immer auch ein Geschenk.
Denn Jürgen Leinemann spart das Konkrete nicht aus, das Hilflose, Würdelose, Schmerzliche, all das Konkrete, das jeder, der einmal schwer erkrankt war oder einen Kranken gepflegt hat, kennt, und das doch jeder verschweigt – Jürgen Leinemann spricht es aus.
„Kommt, reden wir zusammen./ Wer redet ist nicht tot/. Es züngeln doch die Flammen,/ schon sehr um unsere Not."
Vom „würdevollen" Sterben oder Kranksein spricht nur, wer nicht die absolut unwürdigen Umstände kennt, in die einen Krankheiten oder manche Ärzte zwingen.
Von der „Hoffnung" inmitten der Krankheit und dem „Mut" spricht eigentlich auch nur, wer sich nicht selbst einmal als erbärmlichen, elenden Wurm erlebt hat.
Jürgen Leinemann durchschreitet all diese Untiefen, er lotet sie aus, er schämt sich nicht, die Schamlosigkeit zu beschreiben, die alle zeigen, die wirklich bedürftig sind.
Dafür allein, für die Kunst der Schutzlosigkeit, mit der Jürgen Leinemann sich hier zeigt und damit allen anderen, die krank sind, einen Horizont aufzeigt, allen anderen, die krank sind, eine Möglichkeit gibt, sich von der Last zu befreien, auch noch „tapfer" sein zu sollen oder „umgänglich" oder „gelassen" oder „liebevoll", dafür allein gebührt ihm schon Dank und unendlicher Respekt.
Aber dieses Buch leistet mehr.
Denn nicht die tödliche Krankheit oder Angst vor dem Sterben ist das Thema des Buches, auch wenn das auf der ersten Blick so scheint, und zu fürchten ist, dass manche Rezensenten das glauben werden, sondern das Thema des Buches ist die Angst, nicht richtig gelebt zu haben und die Kunst, sich das eigene Leben anzueignen.
Dass das ein Unterschied ist, erkennt, wer dieses Buch liest.
Da furchtforstet jemand sein Leben, seine Geschichte, seine Haltung zu den historischen Fragen seiner Zeit, da prüft sich jemand und befindet sich für zu leicht, da geht einer durch die Welt und klopft sich ab auf Konventionen und Rituale, Männlichkeitsbilder einer Zeit, die schon vergangen war, Ideologien, die noch nicht zerfallen waren, betrachtet die Gesellschaft um sich herum: die eigene Familie, die deutsche Nachkriegsgesellschaft, die schlagende Studenten-Verbindung, die USA zu Zeiten der Nixon Ära, die Studenten-Revolte in Deutschland,
und wir schauen zu,
und beginnen zu verstehen, wie eine Krankheit das Gefühl für Zeit verändert.
Mit dem Ausblick des Sterbens schrumpft nicht nur die Zukunft, mit dem Ausblick des Sterbens werden nicht nur die noch zu lebenden Jahre, Monate, Wochen in immer kleinere Einheiten heruntergebrochen, mit dem Ausblick des Lebensendes wird das Leben noch einmal neu ausgeleuchtet.
Angesichts von Krankheit verändert sich die Zeit, wird länger und kürzer zugleich. Länger, weil auf einmal jeder Tag sinnvoll wie ein ganzes Leben sein soll, kürzer, weil das ganze Leben in den nächsten Tag, die nächste Stunde, die nächsten Meter passen muss.
In dem Moment, in dem Jürgen Leinemann ringt mit der Angst vor Verlust des eigenen Körpers, dem Verlust der Anerkennung der Anderen, dem Verlust der Bedeutung als öffentliche Stimme, in diesem Moment erschreibt sich Jürgen Leinemann nach und nach, mit jedem Wort, das er mühsam der Kraftlosigkeit abringt, ein neues, bewussteres Leben.
Das Schreiben selbst ist dabei das Instrument des Widerstands, schreibend begibt sich Jürgen Leinemann auf die Suche nach den Perforierungen, an denen entlang sich abtrennen lässt das eigene von dem entfremdeten Leben, das Individuelle von dem übergestülptem Kollektiven der Ideologien, schreibend sucht er nach den Brüchen, den Schwachstellen, an denen entlang sich brechen und befreien ließe von all dem Überflüssigen, dem Eitlen, den Süchten, den Ängsten, den Rollen, die einen nur einengen und einzwängen.
So nähert sich Jürgen Leinemann schreibend eben nicht dem Tod an, sondern dem Leben,
und so tauchen wir,
lesend,
nicht herab in die Tiefen aus Angst und Verlust, sondern tauchen aus ihnen hervor und auf und gewinnen einen neuen, klareren, freieren Blick auf das, was Leben heisst und auf das, was es zum Leben braucht.
Dazu gehört, übrigens nicht zuletzt, das Lieben.
Jürgen Leinemanns Buch erzählt, auf jeder Seite, auch von Geliebten, von Rosemarie, von Susanne, von den Enkelkindern, von dem dauernden Gespräch, wirklich mitunter lebenserhaltenden Gespräch mit Menschen, Familie und Freunden, die den Faden weben, jenen Faden, der niemals reißt, wie oft man ihn auch selbst, in verzweifelten Momenten, zerreissen möchte.
Dieses Buch ist nicht für Kranke geschrieben, sondern für alle, die ein Leben haben, das sie wirklich leben wollen.
Dafür sage ich jetzt schon, im Namen all der Leser, die in diesem Buch etwas vom Leben, nicht vom Tod, entdecken werden, Dank.
Und so kann ich als Überleitung zu der öffentlichen Diskussion, die dieses Buch auslösen wird, sagen:
„Kommt, reden wir zusammen."