"Heimat - Das Heimatland der Phantasie"
Nie hätte ich gedacht, dass ich einmal schreiben würde zum Thema „Heimat".
Seit meiner Kindheit schaudert mir bei dem Begriff - nicht nur bei dem Wort, sondern auch bei den Leuten, die es verwandten und deren Vorstellung, ich sollte das empfinden: ein Gefühl für „Heimat".
Ich habe nie die deutsche Nationalhymne gesungen und ich werde das auch nie tun, habe nie die deutsche Fahne geschwenkt und werde das auch nie tun. Ich weiß um die Unbelastetheit der Strophe und ihrer Aussage wie um die der Fahne und ihrer Farbe – und dennoch bereitet es mir Unwohlsein. Ebenso wie all die Begriffe wie „Heimat", „Vaterland", „Patriotismus", „Stolz auf Deutschland", all das, woran ich in den letzten Jahren vermehrt gemahnt werde, dass ich es empfinden sollte, dass es krank wäre, es nicht zu empfinden, dass es nurmehr normal sei, es zu empfinden.
Lassen Sie mich ein paar Worte zu diesem gebrochenen Verhältnis zur „Heimat" vorwegschicken, und Sie mögen mir verzeihen, wenn dies sehr persönliche Erklärungen sind.
Vielleicht geht es dabei nicht nur um mein idiosynchratisches Unbehagen, sondern auch schon um eine These, wie über „Heimat" zu reden wäre: nämlich individuell und niemals kollektiv, persönlich und niemals ideologisch, zögernd und niemals ungebrochen.
Ich bin Kind von Eltern, die in zwei verschiedenen Ländern aufgewachsen sind, in zwei verschiedenen Kontinenten; mein Vater in Deutschland, meine Mutter in Argentinien, die eine gemeinsame Sprache beherrschten, Deutsch - und doch niemals die selbe Sprache sprachen: sie waren mit anderen Gerüchen aufgewachsen, anderen Geräuschen, anderen Gewürzen, und vor allem trennte sie der Krieg, den meine Mutter in Argentinien nicht erlebt hatte.
Für meine Mutter war ein Radio das Gerät, das Freude bereitete, weil sie so Bach, Mahler und die Tangos von Gardel hören konnte, für meinen Vater war ein Radio das Gerät, das Angst bereitete, weil mein Großvater darauf die sogenannten „Feindsender" hörte und es galt darauf zu achten, die Zeiger des Radios vorm Ausschalten zu verstellen, damit die nationalsozialistisch gesinnten Nachbarn beim späteren Besuch nicht entdecken konnten, was gehört wurde.
Die Muttersprache meiner Mutter war deutsch, es waren deutschen Emigranten, die in Argentinien ein Zuhause fanden und die erst lange nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland zurückkehrten. Die Muttersprache meiner Mutter war deutsch, in ihrem Elternhaus wurde Hausmusik gespielt, es gab Bleigießen zu Silvester und Sandkuchen zu Geburtstagen.
In den letzten Wochen vor ihrem Tod, als das Gedächtnis schon durcheinandergeriet, als sie nach und nach die Orientierung verlor, erst Uhrzeiten verwechselte, dann Namen, dann Personen, in diesen letzten Wochen plagten meine Mutter Wortfindungs-Störungen, es blieben Begriffe einfach weg, Verben, Adjektive – da wechselte sie auf einmal ins Spanische, die Sprache aus Argentinien, dem Land, in dem sie aufwuchs, aus dem sie aber nicht stammte – und dieses Spanisch war fehlerfrei. Es war nicht die erste Sprache, die sie gelernt hatte, nicht die Sprache ihrer Familie und ihrer Eltern – und doch war es dies Spanisch, in dem sie sich in ihren letzten Momenten als einziges ganz verständigen und ausdrücken konnte.
Die ganzen letzten Wochen, die ich mit meine Mutter pflegte, sprachen wir Spanisch, nur wenn ich vorlas: Geschichten aus dem Alten Testament, die Gedichte von Rilke oder die Fussballberichterstattung aus der Zeitung sprach ich Deutsch.
Was die „Heimat" meiner Mutter war?
Sagen Sie es mir.
„Heimat", so möchte ich beginnen, kann unsicherer und fragwürdiger sein als wir annehmen.
Was meine „Heimat" ist?
Sie sehen, ich bin aus dem rein persönlichen Moment meiner Antwort noch nicht heraus.
Seit meiner Kindheit – bis heute – liebe ich klassische Musik. Und schon als Kind hatte ich einen musikalischen Helden, einen Musiker, den ich verehrte, den Geiger Isaac Stern. Viele Musiker konnte ich hören, wenn sie in die Stadt meiner Kindheit kamen, und ich habe immer gehofft, eines Tages könnte ich Isaac Stern auch einmal in einem Konzertsaal hören.
Meine Eltern mussten mir jedoch erklären, dass das nie geschehen würde, dass Isaac Stern beschlossen hatte, aufgrund der Erfahrung der Shoah, niemals mehr für deutsche Hörer, niemals in einem deutschen Konzertsaal zu musizieren
Meine Eltern haben mir beigebracht, dass er Recht hatte, nicht zu spielen, dass es in Ordnung wäre. Für mich wurde das zum entscheidenden Merkmal meiner deutschen Identität, Issac Stern zu lieben und zu akzeptieren, wirklich zu akzeptieren, dass er für mich niemals spielen würde.
Mein ganzes Leben lang, das ich im Ausland gelebt und gearbeitet habe, in jeder Großstadt der Welt, in der ich eintraf, habe ich am selben Tag noch das Konzertprogramm studiert und gehofft, eines Tages würde ich ihn hören können. Es ist nicht gelungen. Er ist vor kurzem gestorben. Noch einmal ist er tatsächlich nach Deutschland gekommen, nach Köln, wenn mich nicht alles täuscht, und hat dort Studenten unterrichtet und zugehört – aber er selbst hat kein Konzert gegeben.
Es ist gut so.
Es ist wirklich gut so. Ich erzähle diese Geschichte nicht anklagend, nicht demütig, nicht verzagt. Ich fand dies auch nie besonders wichtig oder dramatisch. Aber als ich gefragt wurde, ob ich zum Thema „Heimat" sprechen wollte, fiel mir diese Geschichte ein als tiefste Metapher für mein Verhältnis zu dem Land, in dem ich aufgewachsen bin.
„Heimat", und damit komme ich zum weniger persönlichen Teil meiner Anmerkungen ist nicht das, was wir im öffentlichen Raum antworten, wenn wir gefragt werden, was unsere „Heimat" sei.
Wenn wir im politschen Rahmen von „Heimat" sprechen oder wenn wir gedankenlos antworten, dann nennen wir einen Ort: wie sagen: unsere „Heimat" ist Deutschland oder Berlin, und wir sagen vielleicht noch Merkmale, an denen wir diese „Heimat" oder dieses Heimatgefühl meinen festmachen zu können. Das sind dann stets dieselben Kandidaten. Wir nennen dann: die deutsche Sprache, Bach und Beethoven, Goethe und Schiller, den Rhein oder die Elbe, Schwarzbrot, die Fussball-Nationalmannschaft, das Brandenburger-Tor....
Aber stimmt das?
Ist das wirklich unsere „Heimat"? Warum fühlen wir uns da Zuhause?
Was darin vermittelt uns das Gefühl der Vertrautheit? Des Eigenen?
Ist es wirklich das Brandenburger Tor? Oder ist es der langanhaltende Kuss des nachts, am Fuß der rechten Säule vom Brandenburger Tor vor vielen Jahren? Oder ist es dieses immer noch anhaltende Glücksgefühl, jedes Mal, jedes einzelne Mal, wenn man hindurchgeht oder fährt mit dem Fahrrad darunter durch und sich freut, dass das geht?
Ist es wirklich das Schwarzbrot? Oder ist es das Schwarzbrot, das meine Großmutter morgens in dicken Scheiben schnitt mit dem (übrigens fürs ganze Leben tauglichen) wunderbaren Satz: „Sägen, nicht drücken!" ? Und ist es nicht dieser Satz und all die Erinnerungen an meine geliebte Großmutter, die mir einfallen, wenn ich Schwarzbrot kaufe, bei dem deutsch-jüdischen Bäcker an der Lower East Side in New York?
Und ist es wirklich der Rhein? Oder ist es das Wissen um die nächste Biegung, um das Tempo, mit dem das Wasser entlangrauscht und die Zeilen von Heine, die mir einfallen, noch bevor ich merke, dass sie mir einfallen?
„Heimat", hat der amerikanische Soziologe Russel Hardin einmal gesagt, ist der „epistemologische Trost des Zuhauses".
Das heisst: Heimat ist kein Ort, keine Sprache, kein Objekte und Ritual.
„Heimat" das sind die Geschichten, die wir kennen, die Assoziationen, die Objekte oder Orte in uns auslösen, die Erinnerungen, die wir mit etwas verbinden, es ist dieses Wissen und Kennen, das in uns Vertrauen und Trost auslöst, und dazu kann das vertraute Gefühl der Scham ebenso gehören wie das vertraute Gefühl des Glücks.
Für Palästinenser oder Serben gehört zum Heimatgefühl sicherlich das Gefühl der Niederlage, der Einsamkeit, der Trauer, so wie für mich – neben vielem anderen - zum Heimatgefühl das der Scham und der Schuld gehört.
Wenn es aber bei der Heimat um Geschichten geht, um die Phantasien, die wir erinnern oder erfinden, dann ist Heimat auch luftiger, dynamischer, lebendiger als uns das vielfach erzählt wird, sie ist weniger verwurzelt in einer Gemeinschaft oder einem Land, sondern eher erweiterbar.
Zu den Geschichten meiner Kindheit gehören die des Alten Testaments, ich bin damit aufgewachsen so wie ich mit Lion Feuchtwanger aufwuchs, Hermann Hesse und, in meinem Fall, vor allem Musik. Die Figuren und ihre Erfahrungen, ihre Schicksale und auch der Rhythmus ihrer Sprache waren mir lebendige Zeitgenossen, sie waren weder religiöse Idole, noch literarische Charaktere, sondern Familienmitglieder wie die anderen verstorbenen Urgroßtanten oder Freunde, von denen sonst erzählt wurde.
Als ich das erste Mal in den Irak reiste, stand ich irgendwann an einem fremden grün-schlammigen Fluß, an dem ich noch nie in meinem Leben gestanden hatte, und fühlte mich doch, als wäre ich endlich Zuhause angekommen: es war der Tigris. Mitten im Krieg wollte ich unbedingt nach Mossul, ganz gleich wie gefährlich das war: weil ich das alte Tor zur Stadt Ninive sehen wollte. Abraham war in Ur aufgebrochen auf seine Reise, im heutigen Irak.
War mir der Irak, das Land, das ich nie zuvor gesehen hatte, fremd?
Nein.
Letzte Woche war ich in Albanien. An der Grenze zum Kosovo habe ich einige Minensucher begleitet, die noch heute zehn Jahre nach dem Krieg mit dem Zentimetermaß Grasfläche um Grasfläche abmessen und nach dem versteckten Tod suchen. Es war im Gebirge, überall Nebel um uns herum, ein Zedernwäldchen bedeckte die Hügel einer Gegend, in der ich noch nie zuvor gewesen war, alles war mucksmäuschen still, alle hielten den Atem an bei dieser vorsichtigen Suche nach Sprengsätzen und Minen... als plötzlich ein Kuckuck in die Stille hineinrief. Ich zuckte zusammen und schaute erschrocken die Männer an und sie mich.
Ein Kuckuck kündigt in unserer Mythen- und Sagenwelt vom Tod – ich wusste nicht, wie ich mein Zucken erklären sollten ....doch zu meiner Überraschung erzählten die Männer dann wie sie diesen Vogel fürchteten, weil er vom Tod kündigt. Sie hatten die selben Assoziationen, sie kannten dieselben Geschichten, hegten denselben Aberglauben wie ich – und es entstand eine Nähe, die es vorher nicht gab.
Was „Heimat" also ist?
Es sind diese Geschichten, die wir erinnern und erfinden, in denen wir uns behaglich fühlen oder unwohl, über die wir uns freuen und fürchten, die wir weitererzählen und neu erzählen, die ergänzt werden durch Einwanderer und Reisende, die dazugehören, weil ihre Geschichten an unsere anschließen und ihre zu unseren werden. Es sind Phantasien und Assoziationen, Verse und Lieder, die mehr sind als ein Ort. Sie bilden Schnittmengen mit den Geschichten anderer, sie wandeln sich zwischen den Generationen und Gemeinschaften wie bei diesem Kinderspiel der „Stillen Post", bei der von der ursprünglichen Geschichte immer etwas verschluckt wird, so verschlucken auch wir und ergänzen etwas neu, und ernähren uns davon.
Das klingt fragiler und unsicherer als wir es uns vielleicht erhoffen. Aber es ist auch offener und zugänglicher für andere Orte und andere Menschen, die es sich auch aneignen können oder die uns auch vertrauter und zugänglicher werden können.
Wie stelle ich mir also in diesem Sinne meine eigene Gesellschaft vor, wie wird aus diesem Land, in dem ich aufgewachsen bin, und das ich doch dauernd reisend wieder verlasse, um andere und neue Geschichten mitzubringen, wie wird aus diesem Land so etwas wie „Heimat", wie müsste das aussehen?
Wenn ich mit einem Bild aus der Musik schließen darf:
Ich stelle mir Deutschland vor wie die „Kunst der Fuge" von Johann Sebastian Bach.
Es gibt eine Komposition, eine Partitur, aber sie ist unvollendet geblieben, sie wurde nie zu Ende geschrieben. Es gibt nur einen offenen musikalischen Text.
Nicht nur das, es gibt zudem keinerlei Hinweise von Bach auf das Arrangement, keine Angaben darüber, wer und mit welchen Instrumenten diese Komposition spielen sollte.
Es gibt also in dem Sinne keinen richtigen Klang, keine perfekte Interpretation, es gibt „Die Kunst der Fuge" von einem Streichquarttet und die von einem kleinen Kammerensemble gespielte, es klingt ganz anders und ist doch der Klang der „Kunst der Fuge".
So wünsche ich mir Deutschland, wie diese „Kunst der Fuge", es gibt eine Vorlage, eine Partitur, die besteht aus Bildern und Geschichten, aus Phantasien und Büchern, aus Musik und einer Verfassung.
Aber sie ist nicht zu Ende geschrieben. Wir können sie aufführen und weiterschreiben, aber es gibt keine Vorgaben durch wen, wer mitspielt und wie es klingen wird, dieses musikalische offene Werk.
Das wäre sie, meine Heimat.
Und da hab ich es ausgesprochen, das Wort: „Heimat"