Carolin Emcke
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30.04.2009

"Der amerikanische Blues" - USA

erschienen: DIE ZEIT vom 30. April 2009

Los Angeles

In den frühen Morgenstunden liegt
die Stadt noch schläfrig unter Dunst
wie unter einer Daunendecke. Von
oben, von den Hollywood Hills aus
betrachtet, rekelt und streckt sich
Los Angeles undeutlich dahin. Das
Frühlicht reißt nach und nach rosige
Löcher in die Decke, und so sind
diese Stadt und ihr Staat Kalifornien
überhaupt nur zu erkunden:
bruchstückhaft, in ungleichen
Fetzen, die nicht zusammenpassen,
in Perspektiven, die widersprüchlich
bleiben. Hier soll die Reise durch
das Land der Krise beginnen, hier,
wo die Krise nicht begonnen hat,
aber wo sie sichtbar wird, wo sie
sich ablagert wie Sediment, in
Gesten und Gewohnheiten, die sich
unter dem Druck der Angst zu
wandeln beginnen. Hier soll die
Suche nach einem gewandelten
Amerika beginnen, nach dem, was
die Krise aus diesem Land macht,
aus seinem großen Versprechen,
dem American Dream, der
Hoffnung, sich selbst immer wieder
neu erfinden zu können, selbst in
Zeiten der großen Depression.


1. Tag: Verlorene Illusionen


Schyler Moore sitzt morgens früh in
seinem klimatisierten Büro im 16.
Stock eines Hochhauses in Century
Park City und kommt direkt zur
Sache. Schyler Moore ist Partner in
der Kanzlei Stroock & Stroock &
Lavan und dort zuständig für das
Corporate Entertainment
Department. Zu seinen Klienten
gehören Firmen wie Steven
Spielbergs DreamWorks und Stars
wie Sophia Loren. Hollywood
beschäftigte bislang mehr als
200000 Menschen und schüttete
geschätzte 20 bis 30 Milliarden
Dollar in die lokale Wirtschaft.
Moore mag mit der Magie der
Illusionen handeln, aber über das
Drama der Filmindustrie in Zeiten
der Krise will er sich keine Illusionen
machen. »Es ist ein Desaster«, sagt
er und dreht sich zu seinem
Computer, um die jüngsten Artikel
zum Thema auszudrucken.
»Lasst alle Hoffnung fahren, die ihr
hier eintretet«, steht auf einem
Aufkleber am Computer, und das
scheint auch für den Eintritt in eine
Konversation mit Moore zu gelten.
Schonungslos skizziert der
Filmanwalt die Aussichten in
Hollywood. Schätzungsweise 20000
Mitarbeiter der kreativen Industrie
seien allein in den letzten sechs
Monaten entlassen worden, erzählt
Moore. Die Krise hat die großen
Studios und Produzenten im Kern
getroffen: Die Private-Equity- und
Hedgefonds, die in den
vergangenen fünf Jahren in
Hollywood investiert haben, haben
sich zurückgezogen; die DVDVerkäufe
sind massiv eingebrochen,
die Werbeeinnahmen aus der
Fernsehvermarktung der Filme
gesunken - und »die Vorstellung,
dass die Filmindustrie in einer
großen Depression der große
Gewinner sei, weil die Leute ins
Kino strömten«, hält Schyler Moore
für irregeleitet, weil der generelle
Preisverfall die
Unterhaltungsbranche trotzdem
treffen werde.Rund um Moores
Schreibtisch hängen zahllose
gerahmte Urkunden, und ein
ausgestopfter Vogel, der mal ein
Fasan gewesen sein könnte, steht
im Regal. Das tote Vieh sieht
farbiger aus als Moores
Zukunftsvision der Filmindustrie:
Das neue Geld werde in Wellen
kommen, erst aus Indien, dann aus
China, und schließlich, vermutet
Moore, könnten Werbefirmen selbst
aktiv in die Produktion von Filmen
einsteigen.
Was wird das bedeuten für die
Filmemacher, die Drehbuchautoren,
die Kreativen, die die Geschichten
und Bilder aus Hollywood für die
ganze Welt produzierten, was wird
das bedeuten für ihr
Selbstverständnis? Wenn
Hollywood immer auch Zeichen und
Symbol amerikanischer Identität
war, wie sehr wird diese Krise das
amerikanische Selbstbewusstsein
unterwandern?
Laura vom Pixie Market in der Third
Street packt gerade die letzten
Kleider in Kisten, bevor in drei
Wochen der Laden geschlossen
wird. Die Stangen mit der
Designermode aus London,
Stockholm und Tokyo sind nur noch
lückenhaft behängt. Die Zeit in der
Nachbarschaft des Pixie Market
steht still: Das Restaurant Global
Tapas ist schon lange verlassen,
die Umschläge der letzten
unbezahlten Rechnungen schauen
unter der Eingangstür ungeöffnet
hervor, »Tony, the Tailor« hat nur
noch ein Closed- Schild im
Schaufenster. Jedes zweite
Geschäft rechts und links des Pixie
Market ist zu mieten.
»Die Krise hat hier schon
begonnen, bevor die Medien auch
nur bemerkt hatten, dass es eine
Krise gab«, erklärt Laura ruhig,
»früher sind die Leute einfach von
der Straße zu uns reingekommen,
und es war lebendig in der
Gegend.« Seit die Krise auch die
Kreativen und die
Mittelschichtsfamilien erreicht, seit
1,9 Millionen Kreditnehmer in
Kalifornien ihr Haus über den
aktuellen Wert hinaus belastet
haben (wovon allein 300000 im Los
Angeles County betroffen sind) und
die Arbeitslosenquote in Los
Angeles in diesem Jahr schon auf
12,1 Prozent gestiegen ist (ein
Rekordhoch seit 26 Jahren), steht
nicht bloß Pixie Market wie ein
Saloon in einer staubigen
Westernstadt verlassen zwischen
»Zu vermieten«;-Schildern in den
Schaufenstern. In Beverly Hills,
Melrose, Santa Monica - überall
reißen inmitten der schicken
Wohngegenden und Malls diese
Furchen der Armut auf:
Geschäftsaufgaben,
Zwangsvollstreckungen, leere
Läden, abgedunkelte Fenster.
Laura zieht um nach New York. Der
Mode hinterher. Hier in Los Angeles
lässt sich kein Geld mehr verdienen.
Sie zuckt die Schultern. »Wir haben
nur noch übers Internet Umsatz
gemacht, aber das waren
internationale Anfragen.« Sie zupft
an den Ärmeln ihres schwarzen
Outfits herum, als ein Handwerker
mit Helm und Werkzeug aus den
Tiefen des Ladeninneren zur Theke
kommt; sprachlos geht er seiner
Arbeit nach, was immer das sein
mag, denn viel zu renovieren kann
er hier nicht finden: Einen
Nachmieter für das Geschäft gibt es
nicht. »An manchen Tagen frage ich
mich«, sagt Laura, »was ich hier
eigentlich mache.« Sie sagt das mit
einer Nüchternheit, die nicht
anzuklagen und nicht zu trauern
scheint - keine Wehmut um das,
was sie zurücklassen muss.
Vielleicht, weil die Leute hier
gewohnt sind, immer wieder von
vorne anzufangen, sich dauernd
neu zu erfinden, mit hohem Tempo,
bindungslos. Im Durchschnitt
verkaufen Amerikaner ihr Haus alle
drei Jahre, Deutsche dagegen alle
17 Jahre. Vielleicht ist der
Gleichmut aber auch die Kehrseite
des Versprechens auf sozialen
Aufstieg: dass jeder Einzelne seinen
Abstieg allein zu verantworten hat.
Im Spa Di Da, dem »Kinder-
Schönheitssalon« am Beverly
Boulevard, sind gerade keine
Kunden da, und so lümmeln die
Kosmetikerinnen Christina und
Jacquelynne im leeren Salon
herum. Christina hämmert mit ihren
gestylten Fingernägeln auf einen
wehrlosen Gameboy ein,
Jacquelynne tut eigentlich nichts,
wenn man's genau nimmt. Die
Lackfläschchen stehen schön
aufgereiht hinter ihnen. Nein, Angst
hätten die Kinder nicht, die hier eine
Pediküre und eine Maniküre
bekämen. Zorn auf ihre Mütter? I
wo, was das denn für eine
Vorstellung sei? Das »Chocolate
Kiss Facial«, bei dem »belgische
Schokolade« auf die Haut
aufgetragen wird, für schlappe 60
Dollar oder die »ManiBaby«, bei der
»Ihr kleines 18 Monate altes Baby«
ein »nail trim« bekommt, kann nur
einer ahnungslosen Europäerin
extravagant erscheinen. Nach einer
Weile muss sich als ästhetischer
und moralischer Kaspar Hauser
fühlen, wer an überflüssigen Luxus
denkt im Spa Di Da. »Es geht
darum, dass die Mädchen von früh
auf lernen, für sich selbst
Verantwortung zu übernehmen.«
Ach so.

2. Tag:

Die Schlange der Hungrigen

Die Mietwagenfirma hatte ein
Hybridauto im Angebot, was für eine
Reise durch Kalifornien in Zeiten
der Krise überaus angemessen
schien. Leider ist so ein ökologisch
vernünftiges Auto keineswegs
automatisch klein und handlich,
außerdem ist dieses knallrot
geraten, was unauffälliges Fahren in
den Slums von Los Angeles nicht
leichter macht. Weswegen der
Wagen im Parkhaus deponiert wird
und es mit der U-Bahn in die
Stadtmitte geht. Die wenigsten
Bekannten bewegen sich ins
Zentrum, und wirklich keiner von
ihnen ist jemals mit der Subway
dorthin gefahren. Die Stadtmitte gilt
immer noch als Gegend, in der die
meisten sich nur mit Fluchtauto
wohlfühlen. Allen Versuchen zum
Trotz, den Kern von L.A. zu
beleben, ist er ein soziales Vakuum,
das sich anfüllt mit dem, was sonst
in der Peripherie versteckt wird. In
den Straßen östlich des alten
Broadway mit seinen
heruntergekommenen Art-déco-
Kinos und den Teppich- und
Stoffhäusern des traditionellen
Garment District breitet sich
Trostlosigkeit aus.

Die Krise, von der alle nur im
Singular sprechen, als sei sie ein
einzelnes Ereignis und nicht ein
lebendiger Prozess, entwickelt sich
wie die Flammen in den Türmen
des World Trade Center: Sie frisst
sich von oben nach unten. Während
Washington so reagiert wie die
Feuerwehrleute damals, die die
Ausbreitung des Brands verhindern
wollten und in das Innere der
Hochhäuser stürzten, arbeitet sich
die Krise in entgegengesetzter
Richtung nach unten durch,
Stockwerk für Stockwerk, soziale
Schicht um soziale Schicht, von den
Hedgefonds-Managern und
Spekulanten, den Bankern und
Investoren zu den Industriellen und
Fabrikanten, den Kreativen und
Galeristen, den
Mittelschichtsfamilien und jetzt auch
zu denen, die nichts mehr besitzen,
was es zu verlieren gäbe, den
Menschen, die im Armenviertel in
South-East Central Los Angeles
leben.

Auf einmal, wie aus dem Nichts,
fügen sie sich zusammen, wortlos,
wie ein eigener Organismus
entsteht eine Schlange Mensch.
Verdreckte Gestalten sind dabei
und saubere, Junge und Alte,
Menschen in Lumpen und
Menschen in Anzügen, alte Armut
und neue Armut beisammen. Sie
schleichen langsam um die erste
Ecke und achten nicht auf die junge
Weiße, die sich ihnen anschließt,
einmal in der Reihe, zieht es einen
schon fort, bis zu dem Eingang
unter dem Schild »Herzlich
willkommen bei der
Mitternachtsmission«.
Im Hof geht
es immer noch nicht hinein nach
rechts ins Gebäude, sondern die
Schlange windet sich langsam
linksherum, im Kreis, um die, die
hier auf dem Boden im Freien
übernachtet haben, mit
Schlafsäcken oder ohne, mit
Decken oder ohne. Die Männer in
der Schlange steigen über die
Knäuel aus Menschen hinweg, dem
Essen in der Halle entgegen.

Die Regierung des Staates
Kalifornien unter dem Gouverneur
Arnold Schwarzenegger hat gerade
einen Plan vorgelegt, um das
Haushaltsdefizit von 43 Milliarden
Dollar abzubauen. Allein 15
Milliarden sollen bei den Ausgaben
für Schulen,
Gesundheitsversorgung und
Armenfürsorge eingespart werden.
Der staatlichen Lotterie sollen 5
Milliarden entnommen werden. Mit
nachgerade orwellschen
Wortschöpfungen verkleidet die
Regierung rhetorisch diese
Maßnahmen: Der Überfall auf die
Lotterie heißt bei Schwarzenegger
»Lottery Modernisation Act«, der
Vorstoß auf das Budget des
Gesundheitswesens »garantiert die
psychische Gesundheitsvorsorge
von Kindern«, die Kürzung der
Ausgaben für Kinder und
Jugendliche heißt »Children's
Services Funding«.

Die Schlange hat jetzt den Eingang
erreicht, jeder bekommt eine kleine
rosafarbene Essensmarke in die
Hand gedrückt, wer die hat, kann
nicht mehr abgewiesen werden,
erklärt Giovanne. Er hat die Regeln
auch gerade erst lernen müssen,
früher habe er ja selbst gespendet
für diese Einrichtung, aber heute...
Sätze, die die Umstände seiner Not
erläutern könnten, verschluckt die
Scham. Giovanne spricht über das
Früher - als er noch eine Wohnung
hatte und nicht von Unterkunft zu
Unterkunft wandern musste. »Aber
wenn ich hungrig bin, dann sind die
Hemmungen, hierherzukommen,
nebensächlich.« Giovanne hält ein
bisschen Abstand zu den
Vorderleuten, der Krach von der
Küche droht seine leise Stimme zu
übertönen. »Ich hasse Armut«,
bricht es plötzlich aus ihm hervor,
»ich hasse es, wenn die Menschen
aufhören, sich zu waschen. Daran
erkennt man das Ende der Hoffnung
- am Geruch.« Er streicht mit
zittriger Hand über seine saubere
Jacke, und ehe er darüber sprechen
kann, wie lange er noch glaubt,
diese Hoffnung für sich selbst
aufrechtzuerhalten, schiebt die
Schlange ihn langsam davon.

3. Tag:

Kaufrausch, nächste Runde

Wer die Werbung einer Gesellschaft
auch als Botschaft über ihren
Zustand lesen will, der kann auf
Plakaten, Schildern und in den
Spots im Fernsehen die Anatomie
einer sozialen Verunsicherung
entdecken: Ob Anzeigen für Autos,
Pizza oder Hundefutter, immer wird
die Angst vor Geldsorgen als
Antrieb zum neuerlichen
Geldausgeben eingesetzt, immer
wird die Verzweiflung als
Marketinginstrument verwandt. Der
Finanzdienstleister Charles Schwab
plakatiert die Autobahnen mit dem
Spruch: »Ich bin dann mal weg. Nun
weiß ich, wie mein Geld sich fühlt.«
Der Autohersteller Hyundai wirbt mit
dem Slogan: »Kaufen Sie jetzt - und
wenn Sie Ihren Job in den nächsten
zwölf Monaten verlieren, können Sie
das Auto zurückgeben.« Die
Bekleidungsfirma Jos. A. Bank
verspricht einen »risikofreien
Anzug«, der günstiger wird, wenn
der Käufer seinen Arbeitsplatz
einbüßt. So reagiert der
Kapitalismus auf eine Krise des
Kapitalismus: Die Ängste und
Sorgen werden integriert in die
eigenen Verkaufsstrategien, sie
werden angesprochen und
ironisiert, aus der Not, die zu
langfristigem Sparen zwingen
müsste, wird eine Strategie zum
schnellen Kaufen gemacht. Die
Krise, so scheint es, bringt keinen
Wertewandel in der amerikanischen
Gesellschaft mit sich - sondern
dieselben Werte werden nun mit
anderen Marketingstrategien
verkündet. Auch die Kritik an
materialistischer Gier wird in den
Medien kanalisiert, indem über
Einzelne und ihre Verfehlungen
berichtet und gerichtet wird - die
Auseinandersetzung ist nicht
strukturell, sodass sie niemals die
amerikanische Gesellschaft
herausfordern könnte. Gewinner
und Verlierer dieser Krise werden
individuell ausgemacht. So bleibt
Amerika selbst, sein Versprechen
und sein Traum, unberührt.

4. Tag:

Ausreise der Einwanderer

Vor den Baumärkten sind sie zu
finden, vor Eisenwarenläden oder
Gärtnereien: die, die überflüssig
geworden sind. Die Illegalen ohne
Dokumente, die mexikanischen
Pendler mit Visa, die am
Wochenende über die Grenze
fahren, die Mittelamerikaner, die
über die Western Union Bank Monat
für Monat ihr Erspartes an ihre
Familien überweisen, jene, die
früher im Straßenbau gearbeitet
haben, auf den Verladedecks im
Hafen von Los Angeles oder für
große Verbrauchermärkte - sie
stehen jetzt vor den Geschäften und
hoffen, dass jemand sie brauchen
könnte.
Tino und Javier können sich an
diese Nutzlosigkeit nicht gewöhnen,
dafür sind sie nicht den weiten Weg
durch die Wüste gekommen und
haben ihr ganzes Geld dem
Menschenhändler gegeben, der
Glückssuchende wie sie über die
Grenze schmuggelt. »Die Krise
macht rassistisch«, sagt Javier, »sie
entlassen als Erstes uns, ganz
gleich, wie gut wir arbeiten.« 15
Dollar pro Stunde konnten sie bis
vor sechs Monaten noch auf dem
Bau verdienen, fünf Tage die
Woche. 1000 Dollar konnten sie
jeden Monat nach Hause schicken.
»Wir leben wie Sardinen zu siebt in
einer Wohnung mit zwei Zimmern«,
sagt Tino, »aber nicht einmal die
können wir uns jetzt noch leisten.«
Sie sind nicht nur überflüssig,
Menschen wie Javier und Tino sind
auch ungeschützt. Keine
Gewerkschaft, die sie vertritt, keine
Institution, die sie repräsentiert, kein
Vertrag, den sie einklagen könnten.
Leise haben sie die Arbeit
übernommen, die sie bekommen
konnten, leise verlieren sie sie
wieder.

Der amerikanische Traum
der Nichtamerikaner ist zu Ende.
Von schätzungsweise zwölf
Millionen papierlosen Einwanderern
in den Vereinigten Staaten entfallen
auf Los Angeles 650000. Jetzt
kommen weniger, aber vor allem
verdienen sie weniger. Das
Umfrageinstitut Pew Hispanic hat
ermittelt, dass zentralamerikanische
Haushalte Gehaltseinbrüche im
zweistelligen Bereich zu
verzeichnen haben.
Seit neun Jahren schon arbeitet
Maria Hernandez bei LA-Mex-
Tours, dem Shuttle-Service, der die
mexikanischen Pendler aus der
kalifornischen Metropole nach
Hause, ins mexikanische Tijuana,
bringt. Von vier Uhr morgens bis
acht Uhr abends bricht alle Stunde
der Minibus im Stadtzentrum auf,
von der kleinen Halle aus, in der
Maria Hernandez sitzt, mit einer
Kerze und drei einsatzbereiten
Handys vor sich. 20 Dollar kostet
die dreistündige Fahrt, 30 Dollar
eine Rückfahrkarte. »Es ist
deprimierend«, sagt Hernandez,
»früher fuhren die Mexikaner jedes
Wochenende nach Hause. Jetzt
haben sie ihre Arbeit verloren und
können es sich nicht mehr leisten, in
den USA zu leben.« Die Busse
fahren jetzt voll nach Tijuana und
kommen leer zurück. »Sie sagen,
sie wollen zurückkehren, wenn die
Krise vorbei ist«, sie schaut auf das
große Sparschwein auf ihrem Tisch,
»aber wann soll das sein?«

5. Tag:

Die neuen Obdachlosen

Weder Neid noch Zorn ist zu
spüren. Sie, die bis vor wenigen
Monaten noch eine Wohnung
hatten, sie leben am Rand der
Stadt, auf einem Gelände zwischen
alten Bahngleisen, die aus Fresno
herausführen, dort, wo die leeren
Güterwaggons herumstehen und
sich auf dem Boden die rostigen
Nägel häufen, die früher die
Schienen auf den Holzplanken
befestigten. Sie leben unter der
Brücke der Überlandstraße 41, von
der herab ein Werbeplakat »75
Jackpot-Gewinner jeden Tag«
verspricht. Sie leben auf dem
Bürgersteig der G-Street, vor der
Tür von Andys Tanzbar, an der
früher einmal die Trucker
haltmachten, früher, als noch Geld
zum Ausgeben da war.
Sie leben in Zelten und in
Wellblechhütten, auf den
Ladeflächen ihrer Pick-up-Trucks
oder auf der Rückbank ihres
Wagens. Sie reden immer noch von
dem, was sie einmal hatten: Noch
immer berechnet David Loy seinen
Wert in Quadratmetern. 13 Dollar
pro Quadratfuß, das war der Lohn
für gedeckte Schindeln auf einem
Dach. »Wenn ich faul war, schaffte
ich vielleicht acht Quadratfuß am
Tag, wenn ich mich anstrengte,
dann zehn bis zwölf.« Er lacht. Die
faulen und fleißigen Tage sind nun
vorbei. Seit acht Monaten hat der
Dachdecker keine Arbeit mehr, seit
einem Monat kein Haus. »Die
Nachbarn hier sind wirklich
erstaunlich freundlich zu uns«, sagt
Loy mit einem Blick auf die kleinen
Familienhäuser, vor deren
Vordergärten er nun mit seinem Zelt
kampiert.
Für Obamas Konjunkturpaket haben
sie alle nur ein mildes Lächeln
übrig, für sein Versprechen, eine
Gesundheitsversorgung für
jedermann einzuführen, auch. »Es
gibt bestimmte Dinge, die kein
amerikanischer Präsident jemals
umsetzen wird«, sagt David Loy,
»eine allgemeine
Krankenversicherung für jeden zum
Beispiel.«
Sie alle hier, zwischen den
Luftmatratzen und Decken, in den
Autos und zwischen den alten
Gleisen, klingen wie Menschen, die
keine Erwartungen mehr haben.
Das Magazin Newsweek hat schon
den »Volkszorn« zum Thema
gemacht, aus Sorge, die Verlierer
der Krise könnten sich vielleicht zu
wehren beginnen, politische
Ansprüche artikulieren. Die Sorge
wirkt unbegründet. »Es ist schwer in
Amerika«, sagt Ernest, der
ehemalige Marineinfanterist, der
nun neben den ausrangierten
Frachtwaggons lebt, »der
Amerikanische Traum besagt, dass
du es alleine schaffen kannst -
wenn du es aber nicht schaffst,
dann bist du auch allein.« Ernest
hat für die Vereinigten Staaten in
Somalia und im Irak gekämpft. Er
wurde mehrfach verwundet. »Ich
habe ein Purple Heart und zwei
Silver Stars«, ehrenvolle
Tapferkeitsmedaillen, sagt Ernest,
»und was nützen die
Auszeichnungen mir nun?«
Alle Gefühle, die einen Adressaten
brauchten, jemanden, an den sie
sich richten können, scheinen hier
zu fehlen. Die Depression ist nicht
nur eine Depression der Wirtschaft,
sondern auch eine Depression der
Gesellschaft. Die Opfer isolieren
sich, sie hüllen sich ein in ihre
Verzweiflung wie in einen Kokon -
und hoffen so, unberührbar zu
werden für die eigenen Schmerzen
und die Bedürfnisse anderer
zugleich. In dieser traurigen
Schutzhülle der sozialen
Depression unterdrücken sie auch
alles Unbehagen an ihrer
Gesellschaft, allen Unmut, der
politisch oder erfinderisch werden
könnte. »Macht«, hat die
Philosophin Hannah Arendt
geschrieben, »heißt, gemeinsam zu
handeln.« Insofern sind die neuen
Armen in den Vereinigten Staaten
wirklich machtlos - sie ziehen sich
zurück in sich selbst und vereinzeln
in der großen Depression.



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