Carolin Emcke
Foto: Carolin Emcke
english
> Blog: Was ich nicht verstanden habe, ....
15.12.2008

Eine Chance für die "Schock-Strategie"

Was-ich-nicht-verstanden habe

Ist, wieso die Finanzkrise nicht als Geschenk begriffen werden kann, wieso die Politiker nicht dankbar sind und über die Gelegenheit, endlich einmal Gestaltungsfreiheit, ja, einen Gestaltungs-Auftrag zu haben, jubilieren.

Da rufen alle nach einem starken Staat, da gelten auf einmal Politiker als die besseren Wirtschafter, da vertrauen nicht einmal mehr liberale Ökonomen der unsichtbaren Hand des Marktes, die allein doch alles schon zum Besten regeln könnte, und die Politiker reagieren wie ein Fussballer auf einen Steilpass, der ihn in den freien Raum schickt, und anstatt mit Zug aufs Tor zu starten, steht er auf der Stelle und tändelt mit dem Ball herum, vor lauter Angst, allein vorm Tor vielleicht verwandeln zu können.

Dabei wäre dies die beste Zeit für das, was die kanadische Autorin Naomi Klein vor einem Jahr eine „Schock-Strategie" nannte. Naomi Klein stellte in ihrem gleichnamigen Buch die These auf, Gesellschaften, die durch eine Naturkatastrophe oder einen Krieg wehrlos danieder lagen, wären in einem solchen „Schock-Zustand", dass sie besonders empfänglich für radikalen Reformen gewesen seien. Während Naomi Kleins Buch sich mit politisch-ökonomischen Umwälzungsprozessen in so unterschiedlichen historischen Kontexten wie Chile nach Allende, New Orleans nach Katrina und dem Irak Krieg befasste (und sie dabei argumentierte, diese Umwälzungen seien kein Zufall, sondern Manipulation neoliberaler Strategen), frage ich mich diese Tage, ob es nicht etwas an dieser Vorstellung gibt, das sich politisch umgekehrt gewendet auf die jetzige Situation anwenden lässt:
die Welt befindet sich unter dem Eindruck der Finanzkrise in einem Schock-Zustand. Das Vertrauen in die Selbstheilungskräfte des Marktes ist zerstoben, die globalisierte Wirtschaft hat sich weniger als unendlich progressiv und wachsend, sondern vielmehr als fragil und verwundbar erwiesen, die Angst vor der Krise der Real-Wirtschaft und der Rezession unterwandert all die Instrumente, die gegen die Krise der Real-Wirtschaft und der Rezession eingesetzt werden könnten – und in dieser Not blicken alle zu dem Staat als einzig stabilem Faktor.

Man sollte annehmen, dass visionäre Politiker eben davon geträumt haben: dass sie nicht den Vorgaben der Wirtschaft hinterherlaufen müssen, dass sie sich nicht zurückziehen müssen aus Unternehmen und Betrieben im Zuge von Privatisierungen, dass sie ihren Einfluss und ihre Macht nicht einschränken müssen, sondern eingreifen dürfen.

Die Chance ist nun da. Die Chance für eine Schock-Therapie: anstatt eine Auto-Industrie zu retten, die sich einer ökologisch sinnvollen Weiterentwicklung ihrer Produkt-Palette verweigert, anstatt in Pozen finanzielle Unterstützung all denen zuzusichern, die klimapolitisch rückständige Energiepolitik betreiben, wäre es doch die Gelegenheit, die allseits in Lippenbekenntnissen bekräftigte Sehnsucht nach Wandel durchzusetzen. Es wäre die Chance für eine Schock-Therapie, die aufräumt mit dem Mythos vom Gegensatz zwischen Ökonomie und Ökologie, der Lüge, dass Respekt für die Umwelt immer Respektlosigkeit für Arbeitsplätze bedeutete.

Es wäre eine Chance für eine Schock-Therapie, in dieser Krise nicht grundsätzlich jedes Unternehmen, jede Bank, jeden Betrieb zu retten, koste es, was es wolle, ganz gleich, wie rückwärtsgewandt die Industrie oder wie ökologisch fahrlässig das Produkt. Es wäre eine Chance, das Thema der Erderwärmung nicht nur interessant und relevant zu finden, wenn Knut schwitzt, sondern wenn es Gelegenheit gibt, Regeln und Normen aufzustellen, die daran wirklich etwas ändern könnten, wenn es Gelegenheit gibt, diejenigen Unternehmen mit ökologisch nachhaltigen und innovativen Produkten zu fördern und von den anderen eine Umstellung auf solche Produkte oder Produktionsweisen zu fordern.

Das wäre das vertikale Spiel, von dem im Fussball immer die Rede ist. Und das wäre eine sinnvolle Wendung der Schock-Therapie.



Share this