Carolin Emcke
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06.11.2008

Blog aus GAZA

Zwischen Überleben und Leben

Die Hoffnungslosigkeit ist ockerfarben. Sie bleibt haften. Sie klebt an den Innenseiten der Finger, unter den Fingernägeln, sie bildet dort kleine ausgetrocknete Rinnsale, gelbliche Spuren, mit denen der feuchte Sand einsickert in die Haut, lehmiges Pulver, das in winzigen Klumpen die Wimpern zusammenklebt. Die Hoffnungslosigkeit tragen die Männer, die hinabsteigen, am Körper, in ihren Haaren und ihrer Kleidung. Jeden Tag, vierzehn Mann, immer sieben zusammen, in wechselnden 12 Stunden Schichten, arbeiten sie an dem Tunnel, der das abgeschlossene Gaza mit dem offenen Ägypten verbinden soll.

Wieviele Hoffnungen haben sie schon verloren? Sie sind des Wartens müde, sie wollen nicht mehr glauben an eine Veränderung, die von anderen abhängt, und die dann nur enttäuscht wird. Wie oft hatten sie das schon? Sie haben gehofft auf den Abzug der israelischen Siedler aus dem Gazastreifen, den Rückzug der Truppen, sie haben sich diesen Moment herbeigesehnt, und als er dann kam, da erfüllt sich nichts davon: der Gazastreifen war frei, aber geschlossen, sie hatten ihr Land zurück, aber keine Arbeit mehr. Sie hatten gehofft auf ein friedliches Leben in Gaza, aber am Ende der Besatzung hörte die Gewalt nicht auf, die der eigenen Radikalen nicht, die weiter Qassam Raketen auf die israelischen Dörfer nördlich des Gazastreifens abfeuerten, und die der israelischen Armee nicht, dieser Zirkel der Gewalt, bei der kein Anfang und kein Ende mehr zu erkennen ist.

Sie haben keine Hoffnung mehr, dass sich eine Seite ihrer erbarmt: die palästinensichen Milizen nicht, die sie erfolglos anflehen, nicht in ihrer Nachbarschaft die Raketen mit den Zeitzündern aufzustellen, sie bitte nicht aus ihrem Vorgarten in Richtung Israel abzufeuern, die israelischen Militärs nicht, die mit ihrem Gegenschlag in ihr Haus, ihren Innenhof, in ihre Mitte treffen, kurze Zeit später. Sie hoffen nicht mehr darauf, dass die Gewalt jene trifft, die sie auch verursachen.

Und sie glauben nicht mehr an eine Versöhnung der zerstrittenen palästinensischen Parteien, wen immer man spricht, in den neuen Internetcafes in Gaza City, in denen die letzten verbliebenen Mitglieder der urbanen Mittelschicht sich treffen, die die noch nicht ins Ausland geflohen sind, oder in den verrauchten, düsteren Teeküchen in den Flüchtlingslagern von el Burej oder in den Wellblechhütten und Zelten über den illegalen Tunneln von Rafah an der Grenzen zu Ägypten, sie scheinen die Hoffnung auf Repräsentation durch ihre Repräsentanten aufgegeben zu haben. Ob Hamas oder Fatah nun die Verantwortung trägt, die einen verhaften und misshandeln ihre Gegner so wie die anderen, sie boykottieren sich gegenseitig, die Parteien der ehemaligen „Einheitsregierung", und neben den internationalen Sanktionen seit der gewaltsamen Machtübernahme der Hamas im Juni 2006, belegen sie sich nun auch noch gegenseitig mit Streiks und Behinderungen: alle Lehrer, Ärzte und Krankenschwestern, die ihr Gehalt von der Autonomie Behörde aus Ramallah beziehen, sind gezwungenermaßen im Streik: die Regierung im Westjordanland hat den Ausstand angeordnet, um die Hamas in Gaza unter Druck zu setzen. So sitzen nun zahllose gut ausgebildete Erzieher und Mediziner untätig Zuhause, beziehen ihr Gehalt, Monat für Monat, unfreiwillig. Wer sich weigert, die Arbeit zu verweigern, dem entzieht Ramallah alle Pensionsansprüche. Hamas hat daraufhin die Stellen neu besetzen müssen. Besonders wählerisch konnten sie bei der Auswahl der Kandidaten für Schulen und Krankenhäuser da nicht sein. Wem soll damit gedient sein?

Die Hoffnungslosigkeit lässt sich zählen. In Schächten, zwölf bis fünfzehn Meter tief, die in den harten Boden von Rafah gegraben werden, in elektronischen Winden, mit denen leichtgewichtigen Arbeiter herabgelassen werden, an einem Drahtseil und auf einer kleinen hölzernen Schaukel, in die Finsterniss, die Hoffnungslosigkeit lässt sich erkennen in dem dunklen Schlauch, der sich durch die Erde unter der Grenze zu Ägypten windet, ohne Absicherung an den sandigen Wänden, ein Stollen ohne Stützen, sie lässt sich erkennen an den beiden Kabeln, die durch den Tunnel laufen, an der Wand entlang, eines leitet Strom zum vordersten Mann, der mit der Bohrmaschine den Weg in die Freiheit bahnt, eines leitet Sauerstoff, damit er nicht erstickt dabei. Vorne im Eingang, unter dem Schein des einfallenden Lichts des Schachts, auf einem kleinen, zerdrückten Kissen, sitzt der schmächtigste Junge, an einem Babyphone, weil Handys in dieser Tiefe keine Verbindung bekommen, und hält Kontakt zu den gelb verklebten Männern am Endes des Tunnels, dort, wo es die eine andere Glühbirne gibt und den Empfänger der Fernsprechanlage.

Einmal in dem erdigen Schlauch legt sich eine feuchte Schwere auf die Lunge, auf allen Vieren nur, langsam, krabbelt es sich Meter um Meter vorwärts. Drehen und wenden können sich nur schmächtige Kinder und Jugendliche. Der Sand, der den Weg zur Grenze noch versperrt, wird in aufgeschnittenen, blauen Plastik-Tonnen abgefüllt, und dann an Seilen herausgezogen, wie Perlen an einer Kette sind die Bottiche aneinander geknüpft.

Die Hoffnungslosigkeit macht erfinderisch. Sie wollen nicht mehr warten darauf, wie sie enttäuscht werden. Sie wollen nicht mehr warten darauf, wie die dürre Menge an Waren über die Grenze kommt, genug, um nicht zu verhungern, aber zu wenig, um selbstständig das wirtschaftliche Leben in Gaza zu sichern. Wegen der spärlich zugelassenen Rohmaterialien und Waren, die für die Fabriken nutzbar wären, liegt die Arbeitslosigkeit im Gazastreifen laut Weltbank bei 45 Prozent, mehr als 95 Prozent aller Betriebe mussten wegen der Blockade schließen, nach Schätzung der UN leben mehr als 80 Prozent der Bevölkerung in Gaza unterhalb der Armutsgrenze. Und deswegen graben sie sich ihren eigenen Weg zum Überleben in Gaza: die Tunnel unter der Grenze sind illegal, (und so wollen die Arbeiter ihre Namen nicht nennen), sie sind lebensgefährlich, aber sie sind die kreativste Form des Widerstands gegen die Ausweglosigkeit falscher Hoffnungen.

Etwa 700 solche Tunnel gibt es inzwischen, sie ziehen sich entlang der Grenze, für jeden sichtbar, ein Wildwuchs an Einstiegen, mit Leitern, Stahlseilen, Winden, tauchen sie hinab in die Schächte, und graben, jeden Tag neu, unkontrolliert, über- und untereinander laufen die Tunnel inzwischen, sie hören einander graben, ein eigenes Regelwerk ist entstanden in dem unregulierten Labyrinth aus Gräbern: wer auf einen bereits bestehenden Tunnel stößt, muss ausweichen und oberhalb oder unterhalb weiter graben. Jeder Fehler, das wissen sie hier, wird bestraft. Jede Woche stürzen die unsicheren Bauwerke ein, jede Woche begraben sie junge Männer unter sich, die ihr Glück dort suchen. Für sich oder für andere. Sie bringen alles, woran es fehlt in Gaza, das, was Überleben und das, was Leben ausmacht: Schmerzmittel und „Galaxy-Schokolade", Waschmaschinen-Motoren und Saiten für die „Oud", die arabische Laute. Sie spezialisieren sich, die Schmuggler und Tunnelbesitzer, manche transportieren nur Benzin, manche bringen Kälber und Ziegen. Der Benzin- und Dieselpreis in Gaza ist gesunken seit die Tunnel ihren Betrieb aufgenommen haben, in großen Container wird das flüssige Gold gepumpt, und dann mit durch eine Zapfsäule literweise verkauft. Am Markt vom Rafah, zwischen den durch jahrelange Gefechte mit der israelischen Armee, zerschossenen Häuserzeilen, stehen blankgeputzte Vespa-Roller, die in Einzelteilen zerlegt, durch die Tunnel geschleppt wurden.

Es nicht gerade das blühende Leben, aber aus der Hoffnungslosigkeit ist Form der Selbsthilfe entstanden, die in ihrer Absurdität ein Stückchen Normalität errungen hat.



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