Carolin Emcke
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> Blog: Was ich nicht verstanden habe, ....
26.10.2008

Blog aus GAZA

Die Krise aus (in) der Ferne betrachtet

Die Krise aus (in) der Ferne -

Seit zwei Tagen nun im Gazastreifen. Das ist keine große Entfernung von Berlin. Selbst die Uhrzeit ist dieselbe. Von unserem Hotelzimmer blicken wir auf das grün-blaue Mittelmeer. Nachts dringt das Geräusch der brechenden Wellen herein, sie schlagen im ewigen Rythmus. Morgens schmecken wir das salzige Wasser, es läuft aus dem Hahn im Bad, und beim Zähneputzen meint man, es kauen zu können. „Poesie hart wie Brot", hat Ingeborg Bachmann einmal geschrieben, Poesie, die wie Sand zwischen den Zähnen knirscht, so fällt es mir wieder ein, wenn ich am Morgen die milchige Farbe im Glas am Waschbecken betrachte. Das braucht es an einem Ort wie diesem, so nah von Berlin, und doch auf einmal so weit entfernt von all den Gesprächen und Debatten über die Finanzkrise, den Absturz von Dow und Dax, die Verunsicherung der ewig sicheren Schweiz, die Versicherungen von all den Wirtschaftsfachleuten, die mit dem ideologischen Zeitgeist schwimmen, eben noch der Deregulierung und der endlosen Expansionskraft des Marktes das Wort redeten und jetzt der Gier der Finanzwelt, weit entfernt die ersten Entlassungen in der Industrie, Proteste bei der Bayern LB, die Angst vor der Angst.

Das ist auf einmal weit entrückt.

Gestern haben wir eine Freundin besucht. M. ist eine jugendliche Mit-Vierzigerin mit kurzen grauen Haaren und einem breiten Lachen, sie kann zwei Neffen auf ihren Knien balancieren, sie mit Datteln versorgen und gleichzeitig die Konflikte der palästinensischen Gesellschaft bschreiben. Sie schont niemanden dabei. Ihr Blick ist nicht einfach nur nach Aussen gerichtet, auf die Gegner jenseits der Grenzen, die sie hier eingeschlossen halten, in einer Gegend, in der unabhängige Köpfe wie sie nicht gern gesehen werden, sondern ihr Blick richtet sich auf die selbstgeschaffenen Grenzen. Zu Fatah-Zeiten rebellierte sie gegen deren Korruption, zu Zeiten von Hamas rebelliert sie gegen deren Repression. Das alles erzählt sie heiter. Sie schenkt Pfefferminztee aus und scherzt über die Dollar, die sie von den reichen Gästen dafür einkassieren wolle. Das mitgebrachte Buch von Michael Ondaatje kennt sie und überlegt sofort, wem sie es weiterverschenken könnte. Wir sitzen, unter Obstbäumen im Garten ihrer Familie in dem Ort, in dem M. seit vielen Jahren eine Ngo betreibt, die Kinder der Gegend betreut. Die Mauer, die ihr Grundstück von der Straße trennt, hat unebene Stellen und die helleren Steine verraten, dass sie erst jüngst ausgebessert wurde. Mit einem Lastwagen hatte Hamas die Mauer eingerissen. Einfach so. „Dabei hatte ich ihnen vorher gesagt, dass es islamische Sitte ist, zu klopfen und um Einlass zu bitten. Aber wenn ich sie nicht einlade, dann haben sie auch keinen Zutritt zu meinem Haus," sagt M. und lacht, „man muss sie an ihre eigenen Quellen erinnern." Und dann beginnt sie zu erzählen wie es ihr ergangen ist, seit wir das letzte Mal hier waren: im Juli habe ein Trupp von bewaffneten Männern der Hamas ihr Büro gestürmt, erzählt M. Eine ihrer Mitarbeiterinnen hatte sie Zuhause angerufen, um sie zu warnen. Sie solle sich verstecken. Nach einer Explosion am Strand von Gaza, bei der fünf Menschen umgekommen waren, hatte Hamas einen als Ermittlung getarnten Raubzug durch zahllose Nachbarschaften begonnen. Ganze Familien, Institutionen und eben NGOs wurden bezichtigt, beteiligt zu sein, Waffen zu lagern, die Kriminellen zu unterstützen. Gegen alle Warnung ging M. zu ihrem Büro. So wie immer. Unverschleiert. In Jeans und Turnschuhen. „Warum sollte ich nun anders aussehen?", sagt M. und schüttelt den Kopf als müsse sie sich selbst diese Frage beantworten. Ein bewaffneter Typ der Hamas machte ihr auf, erzählt M., und mit einem Blick war zu sehen, wie die Männer gewütet hatten, alle Computer, alles technische Equipment war schon zum Abräumen parat, sechs maksierte Männer bauten sich vor M. auf, und sie sagte, zu dem Anführer, er möge doch bitte seine Waffen draussen vor der Tür ablegen, in diesem Haus seien keine Gewehre gestattet…."

Er hat mich angestarrt und gar nicht reagiert," erzählt M. „er war fassungslos. Nicht wütend. Nicht aggressiv. Nur fassungslos." M. erzählt wie der bärtige Kämpfer der Hamas da vor ihr stand,und sie, die unverschleierte Frau in Hosen, ihn anwies, seine Waffen abzulegen. „Er hat dann mit seinem Handy seinen Chef angerufen und ich hörte ihn sagen: hier ist irgendjemand, eine duchgeknallte Verrückte, und sie sagt irgendwas, was ich nicht verstehe." M. lacht laut auf und gestikuliert vergnügt mit den Händen als sei dies der schönste Witz des Jahres: „Dabei sprachen wir beide arabisch. Er hat mich wirklich nicht verstanden. Die Vorstellung, Waffen abzulegen, weil eine unverschleierte Frau ihn dazu auffordert, war so als hätte ich eine fremde Sprache mit ihm gesprochen."

Nach Wittgenstein hängt die Bedeutung eines Wortes auch von seiner Verwendung ab. Erst der Gebrauch gibt dem Wort einen Sinn. Ms Geschichte macht deutlich, dass auch moralische Normen und Konventionen, Symbole und Gesten von ihrem Gebrauch abhängen. Für den Anführer der Hamas Truppen war es buchstäblich nicht verständlich, was ihm da geschah. Eine Frau, die den Regeln der Hamas, wie eine Frau sich zu kleiden hatte, widersprach, war keine Frau. Er konnte sie kaum als solche erkennen. Eine Frau nun, die angstfrei war, die ihm widersprach, die sich vor seinen Waffen nicht fürchtete, das war undenkbar. Sie musste verrückt sein. Jemand, die Waffen nicht als Machtmittel anerkannte, musste aus einer anderen Welt, nicht aus der hiesigen stammen. So allgegenwärtig durchzieht die Ideologie der Hamas mittlerweile die Welt im Gazastreifen, dass jede Geste, jedes Zeichen, das von einer anderen Ordnung, einer anderen Moral, einem anderen Selbstverständnis zeugt, aus der Welt und ohne Verstand ist.

Als in den 80er Jahren die Mafia in Sizilien die ganze Lebenswelt und Kultur beherrschte, lange bevor furchtlose Staatsanwälte und Polizisten gegen die Kartelle vorgingen, wurde bei der lokalen Polizei in Palermo ein Mafia-Mitglied vorstellig: er wolle aussagen. Er wolle sich stellen und über alle Verbrechen, von denen er Kenntnis hatte, sprechen und kooperieren mit den Behörden. Die Kommissare lieferten den ehrlichen Mafioso in eine psychiatrische Anstalt – wer behauptete, gegen die Mafia aussagen zu wollen, musste schlicht verrückt sein. Es war kein Akt der Repression, dieses Handeln, sie glaubten wirklich, er sei nicht ganz bei Trost.

So funktionieren Ideologien, sie etablieren Regeln und Ideen, sie schaffen Praktiken und Überzeugungen, die jedem als natürliche, gegebene, nicht gemachte erscheinen, sie konstruieren Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen: Grenzen der Vernunft, Grenzen der Scham, Grenzen der Moral, die jedem als selbstverständlich und einzig mögliche erscheinen. Ideologien lassen sich auch daran erkennen, ob sie Kritik als Möglichkeit denken können.

Und da, an dieser Stelle, ist Gaza gar nicht so weit entfernt von Zuhause: irgendwie wurden all diejenigen, die schon vor einigen Jahren auf die Verwundbarkeit des internationalen Finanzwesens hinwiesen, die Formen der Kontrolle und Regeln für Transparenz forderten, ein wenig wie unsere Freundin M. behandelt: als ob sie verrückt seien und eine andere Sprache sprächen. Als gäbe es kein Ausserhalb der Überzeugung eines unendlich sich erweiterenden globalen Gewinnspiels, als müsse, wer sich daran nicht beteiligen wollte, ein Irrer sein, jemand, der die grenzenlose Freiheit nicht wollte, gehörte nicht in die globalisierte Welt.

Übrigens, M. hat nach diesem Vorfall sämtliche Freunde im Ausland gebeten, alle englisch sprachigen Hamas Vertreter in der Verwaltung anzurufen und den Einbruch (und den Diebstahl aller ihrer Geräte aus der Ngo) anzuklagen: sie wurde zum Tee eingeladen, alles sei ein Missverständnis, und sie konnte sich in einem riesigen Lager, wieder zurückholen, was noch übrig war von ihrem Besitz.

Wie weit ist das wohl von uns entfernt.



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