Carolin Emcke
Foto: Carolin Emcke
english
> Blog: Was ich nicht verstanden habe, ....
17.10.2008

Der Skandal der Intendanten

- von der Scham und Schamlosigkeit des Fernsehens und seiner Kritiker

Was ich nicht verstanden habe, ist, wie die Medien mit ihren Kritikern umgehen. Die BILD Zeitung will Reich Ranicki wieder zum Chefankläger hochstilisieren und das ZDF möchte Elke Heidenreich am liebsten entlassen.

Es wird sie nun also geben heute abend: die Sendung über die Qualität des Fernsehens, die der Moderator Thomas Gottschalk auf der Gala der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises Marcel Reich Ranicki angeboten hatte, nachdem der den Ehrenpreis für sein Lebenswerk gerade abgelehnt hatte. Wir sehen nun also Thomas Gottschalk und den eben noch erbosten Kritiker in heimeliger Kulisse des öffentlichen Fernsehens über das Fernsehen sprechen, und damit soll dann auch der Eklat schnell wieder vergessen sein. Dabei war nicht Marcel Reich Ranickis Auftritt ein Eklat, wie es zahllose Medien am Tag nach der Preisverleihung behauptet haben, sondern der Umgang mit der Kritik.
Ist eine kollektive Amnesie ausgebrochen unter den Kommentatoren, die jetzt alle über die bevorstehende Sendung schreiben als sei dies eine selbstkritische Art, mit der Kritik umzugehen, und nicht einfach nur ein Sedativ, mit dem hinweggetäuscht werden soll, wie schäbig sich die Intendanten da gerade benehmen? Erinnert niemand mehr, worum es in Thomas Gottschalks Angebot eigentlich ging? Ein Gespräch mit den zuständigen Indendanten hatte der Moderator von der Bühne herunter angeregt, und dabei auch die einzelnen Sender-Verantwortlichen in den ersten Reihen vor laufenden Kameras abgefragt, ob sie dazu bereit wären. Zumindest die Chefs der öffentlich-rechtlichen Anstalten hatten für jeden sichtbar kopfnickend ihre Zustimmung gegeben.

Was ist daraus geworden?

Bei aller Liebe zu dem freundlichen und selbst-ironischen Gottschalk - damit nun ist der Skandal der Kritik des Fernsehens wirklich zu einem Skandal der Intendanten des Fernsehens geworden. Die Sender-Verantwortlichen zeigen heute abend durch ihre Abwesenheit, dass sie sich als Un-Verantwortliche verstehen.


Gewiss, und das hatte auch Reich Ranicki am Abend der Preisverleihung selbst ganz deutlich gesagt, es gab wunderbare Produktionen, die dieses Jahr zu Recht von der Jury mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet wurden: Eric Friedlers Dokumentation "Das Schweigen der Quandts", der von Connie Walther gedrehte Stasi-Film "12 heisst: ich liebe dich" oder auch die "Contergan" Produktion sind exzellente Beispiele für die Fähigkeit des Fernsehens auch komplexe, sozial und politisch relevante Themen in eine schöne Erzählform zu bringen.

Es stand also niemals das Medium an sich auf dem Prüfstand. Und alle, die die Kritik von Reich Ranicki einfach als Pauschalverurteilung abzutun oder die Reich Ranicki als alten Greis zu pathologisieren versuchten, haben nichts verstanden.

Die Abwesenheit der Intendanten in der Sendung heute abend belegt, dass die Kritiker des Fernsehens (und nicht die angeblichen Verantwortlichen) seine eigentlichen Verteidiger sind. Reich Ranicki und auch Elke Heidenreich (in ihrer leidenschaftlichen Kritik in der FAZ) haben doch vor allem eins gezeigt: dass sie überhaupt noch einen Anspruch haben.

Nur wer eine hohe Erwartung hat, kann enttäuscht werden. Nur wer an die Möglichkeiten des Fernsehens glaubt, kann kritisieren, dass es unter seinen Möglichkeiten bleibt. Nur wer an die Fähigkeit des Mediums komplexe, intelligente und spannende Geschichten zu erzählen glaubt, kann kritisieren, wenn es diese Fähigkeit nicht "abruft" (wie es neuerdings in der Fussballtrainer-Sprache immer heisst).

Wer sich über die Kritik von Elke Heidenreich echauffiert und behauptet, ihre Kritik käme einer Kündigung gleich, versteht gar nicht, dass die Leidenschaft von Elke Heidenreich genau das ist, weswegen ihre Sendung "Lesen!" so gern und von so vielen Menschen geschaut wird. Wenn Elke Heidenreich sagt, sie "schäme sich für so einen Sender zu arbeiten", dann wäre das ein Grund zur Beförderung, nicht zur Entlassung. Dennoch "prüft" nun das ZDF die Zukunft ihrer Sendung.

Schämen kann sich nur, wer ein Gefühl für eine Normverletzung empfindet, schämen kann sich nur, wer sich identifiziert, schämen kann sich nur, wer sich mitverantwortlich fühlt für etwas Schamloses, Demütigendes, Verletzendes, Entblößendes. In der Scham artikuliert sich erst der Blick des Anderen, in der Scham erst wird die Aussenwelt in das eigene Selbstverständnis hineingeholt, in der Scham zeigt sich eine Person oder eine Gemeinschaft als selbst-bewusst und selbstkritisch zugleich, an den Schamgrenzen markieren Gesellschaften ihr eigenes moralisches oder ästhetisches Selbstverständnis. Wer Scham empfindet, drückt damit immer auch seine Zugehörigkeit aus.

Das Gespräch zwischen Thomas Gottschalk und Marcel Reich Ranicki heute abend zeigt vor allem, was es nicht ist: eine Auseinandersetzung der Verantwortlichen der öffentlich-rechtlichen Sender mit denjenigen, die an ihrem Medium wirklich hängen, eine Auseinandersetzung mit denjenigen, die die vielfältige Niveaulosigkeit nicht einfach gleichgültig lässt, die noch ringen um das Fernsehen, die es noch nicht aufgegeben haben. Die Kritiker des Fernsehens sind seine eigentlichen Liebhaber - und nicht sie sind der Skandal, sondern die, deren Schönrederei nur Ausdruck von Gleichgültigkeit und Schamlosigkeit ist.



Share this