Carolin Emcke
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> Blog: Was ich nicht verstanden habe, ....
08.10.2008

Die Welt als Wille und Vorstellung

Island steht vor dem Staatsbankrott, in England werden Banken teilverstaatlicht, die Börsen von Tokio, Frankfurt und der Wall Street stürzen ins Unermessliche, und was mich am meisten beunruhigt an diesem globalen Albtraum des Wertverlusts ist, dass es auf einmal wirkt, als verstünde ich etwas von Wirtschaft.

Jemandem wie mir, die den Wirtschaftsteil einer Zeitung üblicherweise nur rückwärts liest, weil sich umseitig die Sportseiten mit der Fussballberichterstattung finden, erschien der Kapitelmarkt mit all den spekulativen Geschäften immer gänzlich unverständlich, all die Fonds mit neuartigen Finanzprodukten gänzlich unübersichtlich und die Vorstellungen einer privaten Altersvorsorge durch Börsengeschäfte gänzlich unsicher.

Der Aktienmarkt war mir ein irreales Geschäft, das sich von jedem realen, materialen Wert einer Ware oder eines Unternehmens entkoppelt hatte. Spekuliert wurde nicht auf Fakten, sondern auf Fiktionen. Gewettet wurde auf die Erwartung, wie sich die Erwartungen Anderer entwickeln würden, gehandelt wurden Projektionen auf die Projektionen Anderer. Es erschien jemand Ahnungslosem wie mir erstaunlich, wie diese angeblich so nüchternen, rationalen Nadelstreifler, die doch in einer berechenbaren Welt aus Daten und Zahlen zu leben beschlossen hatten, wie diese Realisten so träumerisch und irrational agieren konnten in einer Finanzwelt, die mit der Wirklichkeit realer Werte und Unternehmen gar nichts mehr zu tun hatte.

Die Welt als Wille und Vorstellung, dachte ich, ein eigenes Finanzsystem der Spekulation auf Werte und Anteile von Werten, der Wetten auf potentielle Trends anderer Spekulanten, das mit der realen Wirtschaft in keiner Korrespondenz mehr zu stehen schien, und dachte doch dabei, dass diese Einschätzung mit meiner Ahnungslosigkeit zu tun hätte.

Nun stellt sich auf einmal heraus: es war genauso.

Und auf einmal sind sie alle erstaunt und erschrocken, die Experten und Insider, die diesen Wahn der unendlichen Gewinnmaximierung verkauft haben, alle die neoliberalen Kommentatoren, die das Ende des Sozialstaats ausgerufen hatten, die der Freiheit des unregulierten Marktes das Wort redeten und dies immer als Eigenverantwortung des Einzelnen maskierten, all die Ideologen, die sich als unideologisch ausgaben, als Pragmatiker, als Anti-Utopisten – und die doch eine absurde Utopie der globalen Unverwundbarkeit propagiert haben, die wirklichkeitsfremder wurde, jeden Tag, den die Globalisierung die wechselseitige Abhängigkeit weiter vertiefte.

Und nun stellt sich Angela Merkel hin, wie die Schlange Kaa im Dschungelbuch, und haucht „Vertraue mir", während den Sparern schon der windige Körper den Hals zuschnürt. „Vertraue mir….".

Das ist ein strategisches Versprechen. Sie weiß, dass sie dieses Versprechen pro forma gar nicht geben kann. Dieses Versprechen ist abhängig davon, dass es ihr geglaubt wird. Glauben die Sparer ihr nicht, ziehen sie das Geld alle aus ihren Konten, fällt das ganze System zusammen.

Was in der Krise steckt, ist nicht allein das gesamte globale Finanzsystem, was an Wert verloren hat, sind nicht allein Papiere und Währungen, sondern Welt-Vertrauen.

Vertrauen aber lässt sich nicht zurückgewinnen durch weitere ungedeckte Aussagen, weitere unrealistische Fiktionen, weitere unsichere Versprechen von Sicherheit.

Die Krise wird dramatischer werden, wenn dieser Mythos der Unverwundbarkeit nicht aufgegeben, wenn Schutzlosigkeit nicht als Freiheit, Rücksichtslosigkeit nicht als Unabhängigkeit missverstanden, Regulierung und Kontrolle nicht als unwirtschaftlich, soziale Absicherung nicht als Verschwendung denunziert wird - und wenn Fakten und Fiktionen nicht verwechselt werden.



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