Carolin Emcke
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22.09.2008

RAF-Film: Baader Meinhof Unter-Komplex

Was ich nicht verstanden habe, …

ist, warum Bernd Eichinger und Uli Edel eigentlich diesen neuen RAF Film gemacht haben? Das ist keine rhetorische Frage. Das ist keine Polemik. Ich meine das ganz im Ernst: was wollten sie eigentlich? Was interessierte sie an dieser Geschichte? An diesen Figuren? Welche Fragen hatten sie? Der Film nämlich erzählt uns gar nichts. Keine einzige neue Frage, keine einzige neue Perspektive, keine einzige neue Antwort.

Dabei ist der „Baader Meinhof Komplex" nichts von dem, was man hätte befürchten können: weder pädagogische Geschichtsstunde noch manipulatives Action-Kino. Er ist gar nichts. Einfach nur glatt und langweilig, etwas aseptisch trotz all der blutigen und brutalen Szenen und in sich geschlossen.Ein sensationelles Schauspieler Ensemble spielt uns etwas vor, das nicht gespielt wirken soll, und wir sitzen unbeteiligt davor.

Das liegt nicht daran, dass sich die Filmemacher keine Mühe gegeben hätten. Das liegt vielmehr genau an dieser Mühe, die sie sich im Namen vermeintlicher „Authentizität" gemacht haben.Was soll das sein? Eine Fiktion, die vorgibt, eine Dokumentation zu sein? Was für eine Illusion.Sie wollten die RAF zeigen, „wie sie wirklich war". Glauben sie das wirklich? Worin besteht dann ihre eigene Arbeit? Wer sind dann ein Regisseur und ein Drehbuchautor, wenn nicht eben das: Regisseur und Drehbuch Autor, was ist dann der Film, wenn nicht ein Kunst-Produkt, eines, das eine Perspektive hat, das eine Deutung anbietet, eine Geschichte erzählt, die eben einen Faden aufnimmt, und alle anderen möglichen Erzählfäden weglässt. Das ist keine Frage der historischen Genauigkeit, keine Frage der journalistischen Recherche, keine Frage der Originaltreue der Kostüme oder Schauplätze, an denen gedreht wurde.

Der französische Filmregisseur Louis Malle erzählte einmal, warum er für seinen autobiographischen Spielfilm „Auf Wiedersehen, Kinder" einen bestimmten Jungen ausgewählt hatte, der die Rolle eines jüdischen Kindes in einem katholischen Internat zur Zeit der deutschen Besatzung Frankreichs spielen sollte. Er hatte nicht den Jungen ausgesucht, der physiognomisch seiner Erinnerung von dem „echten" jüdischen Kind am nächsten kam, nicht den Jungen, der dieselbe Augenfarbe, oder Körpergröße hatte. Sondern den einzigen Jungen unter all denen, die beim Casting vorsprachen, der Linkshänder war. Für Louis Malle war allein entscheidend, dass der Junge sich von den anderen unterschied, die Andersartigkeit des Jüdischseins wurde symbolisiert, fand seine Metapher in der Linkshändigkeit. Malle brauchte keine inszenierte Objektivität in seinem Spielfilm über die Verfolgung der Juden in Frankreich, die Wahrheit der Geschichte musste nicht durch Authentizität gefaked werden, sondern die Wahrheit der Geschichte ließ sich auch mit Lücken und Fehlern erzählen: die Linkshändigkeit war wahrhaftiger als Darstellung der Andersartigkeit des Jungen als es jede Inszenierung seines Judentums hätte sein können.

Der „Baader Meinhof Komplex" dagegen scheitert an seiner Illusion, die Geschichte so objektiv wie möglich zu zeigen. Die Filmemacher rühmen sich, die Brutalität der Morde der RAF so exakt wie in den Polizeiberichten dokumentiert zu zeigen. Doch „die Wahrheit" der Grausamkeit der RAF Morde erzählt sich nicht dadurch, dass ich die bei der Baader Befreiung verwendeten Kugel abgezählt habe.

Keine der Figuren solle zur Identifikation einladen, hat Bernd Eichinger, der Produzent, das Regiekonzept erklärt – und genau das ist das Problem. Nicht, weil man sich mit Terroristen identifizieren wollte, aber es gibt gar keine Personen, die einen interessieren in diesem Film, alles zieht rauschaft an einem vorbei, alle die einzelnen berühmten Szenen vom Tod Benno Ohnesorgs, über den Vietnam Kongress an der TU Berlin bis hin zu dem Stammheim-Prozess, alles an Originalschauplätzen gedreht, die Opfer kommen kaum vor, sie dienen im wahrsten Sinne des Wortes als bloße „Schuss-Vorlagen", sie werden hingerichtet, niedergemetzelt, durchsiebt, immer in historisch genauer Form, nie eine Film-Kugel zuviel, nie eine zuwenig, die Täter sollen ja bloß nicht verharmlost werden. Gewiss, die Täter werden hier gewiss nicht verharmlost, sie werden nicht vermenschlicht (die Opfer erscheinen viel zu kurz als dass sie überhaupt mehr als bloße Schablonen von Opfern sein könnten; die staatliche Seite des Krisenstabs der Bundesregierung unter Kanzler Helmut Schmidt kommt auch praktisch gar nicht vor) – sie werden überhaupt nicht zu dreidimensionalen Personen.

Alles erinnert an diese kleinen Mini-Fernseher aus Plastik, die es früher einmal gab, bei denen man durch ein Guckloch schauen konnte auf „Das Bergische Land" oder „Mecklenburg-Vorpommern", und bei Knopfdruck, drehte sich innen eine Scheibe mit gestochen scharfen Bildern von typischen Landschaften, typischen Denkmälern, typischen Wahrzeichen der Gegend. Und genau wie man damals die ganze Serie von Photos durchklicken konnte und trotz aller Schärfe am Ende immer irgendwie das Gefühl hatte, nichts erkannt zu haben – so geht es einem mit diesem Film.

Es rauschen die historisch exakten Bilder vorbei, alles ist gestochen scharf – und am Ende hat man trotzdem das Gefühl, nichts gesehen zu haben.

Das liegt auch daran, dass der "Baader Meinhof Komplex" zwar ausdrücklich die Täter zeigen will „wie sie wirklich gewesen sind", dazu aber nur die Taten vorführt und ausdrücklich nicht das verzerrte ideologische Denken, ausdrücklich nicht die Motive und Beweggründe darstellen will.

Dabei lässt sich die Geschichte der Roten Armee Fraktion gar nicht anders verstehen. Das ist kein moralisches Verstehen, sondern ein genealogisches. Nicht, weil es darum ginge, die Handlungen gutzuheissen, sind die Entstehungen der Handlungen wichtig, sondern um zu erzählen, was es für sie damals und für uns heute bedeutet.

Die Geschichte der RAF ist eben nicht einfach eine Geschichte der Gewalt und Zerstörung dieser Zeit, sondern immer auch der Bilder, die sich die damaligen Gegner jeweils voneinander gemacht haben, die Geschichte der Bleiernen Zeit ist immer auch eine Geschichte der Missverständnisse, der verzerrten Ideologien, der moralischen wie politischen Irrtümer.

Deswegen lässt sich der „Baader Meinhof Komplex" nicht allein über die Taten der Täter erzählen.

Interessanterweise gibt es eine stimmige Figur in dem Film, die genau das auch ausspricht: Horst Herold, der genialerweise als ruhender Pol in dem ganzen Irrsinn der Zeit konzipierte Chefermittler des BKA, der sich als einziger mit dem Denken der Anderen beschäftigt, weil er nur darin eine sinnvolle Bekämpfung des Terrors sieht. Horst Herold wirkt in dem Film wie jemand, der zwar dazu verurteilt war, nach kriminalistischen Antworten auf die RAF zu suchen, der aber vor allem Fragen an sie hatte.

Es wäre schön gewesen, wenn der Film auch nur eine einzige Frage an die Geschichte der RAF getragen hätte.


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