Carolin Emcke
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09.09.2008

Steinmeier und die kollektive Amnesie der SPD

Was ich nicht verstanden habe, ist die publizistische Reaktion auf den Putsch bei der SPD, die Frank Walter Steinmeier gleichsam als Aufputschmittel der Sozialdemokratie feiert.

Eigentlich, wenn man es genau bedenkt, ist weniger die mediale Inszenierung der Intrigen und Indiskretionen, der Flügelkämpfe und Flegeleien erstaunlich als die Wahl selbst: bei aller Freude über die erfolgreiche Abschiebung von Kurt Beck in sein rheinland-pfälzisches Herkunftsland und damit politische Abseits, sollte doch jemand darüber nachgedacht haben, wen man da an seiner Stelle nominiert.
Ist in der SPD eine kollektive Amnesie ausgebrochen?
Erinnert sich niemand in der Partei mehr daran, dass Frank Walter Steinmeier als Chef des Kanzleramts mit dafür verantwortlich war, dass Murat Kurnaz jahrelang in Guantanamo gefangen gehalten wurde?

Obgleich die deutsche Bundesregierung wohl schon 2002 wusste, dass der Bremer in dem amerikanischen Lager psychisch und physisch misshandelt wurde, verzögerten sie absichtlich seine Freilassung.
Obgleich Beamte des BND und des Verfassungsschutzes Murat Kurnaz selbst auf Kuba verhören konnten und keinerlei eigene Hinweise auf dessen terroristische Aktivitäten vorliegen hatten, versuchte die Allianz aus Bundesinnenministerium und Kanzleramt, seine Rückkehr regelrecht zu verhindern. Obgleich die US-Behörden selbst - unter einer Reihe von Bedingungen - angeboten hatten, Murat Kurnaz freizulassen, hatte sich laut internen Dokumenten Frank Walter Steinmeier gegen eine Wiedereinreise des jungen Bremers gewandt.

Was ich nicht verstehe, ist: Erinnert das niemand mehr? Oder interessiert sich niemand dafür? Wie kurzfristig oder wie gleichgültig sind die Strategen in der SPD? Vor lauter Paranoia vor der Linken und deren Programm, das gern als anti-liberal attackiert wird, suchen sie sich nun einen Kandidaten, der die Werte einer liberalen Demokratie unterwanderte in eben jenem Moment, in dem es darauf angekommen wäre, sie unter Beweis zu stellen: gegenüber einem vielleicht unbequemen, aber eindeutig unschuldigen Bürger, der misshandelt wurde.

Wollen sie sich nicht daran erinnern, dass ihr Aussenminister und designierte Kanzlerkandidat es ablehnte, einen Gefolterten zu befreien? Der Mann, den sie da gerade feiern als den Retter in der Not, lehnte es ab, jemanden aus der Not zu retten. Was sagt das über die Sozialdemokraten, dass sie unbedingtes Zutrauen haben zu jemandem, der die Menschenrechte offensichtlich nur bedingt anzuwenden gedenkt? Sowohl der SPIEGEL als auch die Süddeutsche Zeitung als auch der STERN haben mehrfach aus internen Papieren und Dokumenten zitiert, die Frank Walter Steinmeiers fragwürdiges Agieren gegen den Gefangenen Murat Kurnaz dokumentierten.
Was ich damals nicht verstanden habe, ist, wie Steinmeier trotzdem Aussenminister werden konnte. Was ich heute nicht verstehe, ist, wie die Sozialdemokraten Steinmeier trotzdem zum Kanzler machen wollen.

Wie kann die SPD glauben, sich mit dem Rauswurf von Kurt Beck politisch zu erneuern, wenn sie sich mit der Ernennung von Frank Walter Steinmeier moralisch entkernt?

Kommentare

  • Alban Werner
    10. Sep 2008 13:45
    das alles und noch viel mehr...
    ...kann man tatsächlich über Steinmeiner und den Zustand der SPD schreiben, insofern spricht mir der Kommentar "aus der Seele". Genauso scheinheilig ist es, die Rückkehr von Franz Müntefering zu beklatschen. Während bei Steinmeier niemand mehr leugnet,
  • gay koch
    10. Sep 2008 22:40
    kein titel
    Gott ist Erinnerung-das sagt alles zur Situation der SPD,finde ich
  • Diana
    12. Sep 2008 17:59
    Wie ich es verstehe
    Den SPD-Strategen ist es egal, was ihr Kanzlerkandidat von Menschenrechten hält - solange es auch den Wählern egal ist. Es ist richtig: Wer sich dafür interessiert und es wissen will, konnte und kann sich - nicht umfassend, doch für einen ersten Einbl
  • Bettina Gaus
    13. Sep 2008 18:34
    stimmt!
    Es ist ja so wahr! Diie öffentliche Reaktion auf den Fall Kurnaz war - und ist - von beschämender Gleichgültigkeit. Das Thema wird auch im Wahlkampf keine Rolle spielen. Wie auch? Die Union hätte es ja nicht anders gemacht.
    • carolin emcke
      14. Sep 2008 12:01
      stimmt und stimmt auch nicht
      stimmt. die union hätte es auch nicht zum thema gemacht. aber deswegen könnte es doch in den reaktionen im blätterwald oder in den talkshows eine rolle spielen. und im übrigen fragt sich schon auch, warum die opposition nicht ist, was sie ist: opposition
  • Micha Brumlik
    14. Sep 2008 07:15
    Eine Frage des Anstands
    Bei aller Sympathie dafür, daß eine Volkspartei wie die SPD nicht gänzlich zerbröseln soll - der Preis, der dafür mit der Inthronisation eines ja nur nach außen harmlos wirkenden Machiavellisten wie Steinmeier gezahlt wurde , ist zu hoch und wird sich am
  • Diana
    14. Sep 2008 18:17
    Opposition?
    Die Opp. hat die Aufgabe, die Regierung öffentlich zu kritisieren. Nur im Fall Kurnaz geht das nicht. Die Opp. müht sich noch in den Tiefen des U-Ausschusses. Ich erinnere an die Ermittlungen gegen 17 Journalisten 2007 wg. Geheimnisverrats: https://www.t
  • Oliver Gehrs
    15. Sep 2008 21:35
    Eher eine Amnesie der Medien
    Dass die SPD nicht groß darüber nachdenkt, wen sie da aufstellt, geschweige denn, dessen übles Wirken diskutiert, wundert mich gar nicht – sie hat ja nunmal niemanden mehr. Was mich aber ärgert, ist, dass die meisten Medien Steinmeiers Rolle im Fall Kurnaz ebenfalls vergessen haben, und der Aufschrei nur hier stattfindet.
  • Peter Braczko
    18. Sep 2008 22:54
    Dusseliges Emcke-Gequatsche
    Lieber eine geschliffene Rede von Steinmeier, die sich an der Realität orientiert und zukünftige Entwicklungen nicht ausschließt, als das dusselige Gequatsche dieser Frau Emcke. Kaum hat die Springer-Presse den Parteichef Beck "erledigt", rennen sie schon wieder mit, diese "Berufsbetroffenen" mit dem "Halbintellektuellen-Status" und suchen sich das nächste Opfer - dabei unterstützen sie dann das Geschäft von Koch, Beckstein und Co. Dann besser die gute alte Tante SPD! Wer sollte es sonst machen?
    • M. Reich
      21. Sep 2008 18:08
      Realität ignorierend und das vermeintlich Bessere suggerierend
      Steinmeiers Reden sind keineswegs an der von ihm erzeugten Realität orientiert, die in der aktiven Behinderung der Befreiung eines Unschuldigen von Gefängnis und Folter besteht, sondern zeichnet sich durch Ignorieren gerade dieser aus. Neben tatsächlich realitätsbezogenen Reden wären an der Realität orientierte Handlungen mindestens ebenso wünschenswert, die da ganz klar heißen, jemanden, sofern die Möglichkeit besteht, nicht unter Folter zu belassen. Zukunftsweisende Perspektiven? Normalerweise wird jemand, der derartig den Ruf der Partei gefährdet von den eigenen Leuten umgehend ins Abseits gestellt, um eben zukünftige Entwicklungschancen nicht zu vernichten. Gefördert wurden diese bekanntlich durch den Entscheid gegen den Irakkrieg und auch die bekannt gewordenen klaren Aussagen gegen die Folter in Guantanamo von Teilen der SPD. Selbst unter der Perspektive des von Ihnen in Ihrem Kommentar suggestiv anklingenden fälschlichem Wichten betrachtend, das Menschenrecht gegenüber angebliche Staatsräson stellt, war Steinmeiers damaliges Verhalten unnötig wie ein Kropf: Einen Unschuldigen inhaftiert zu lassen, dient weder der Terrorismusbekämpfung noch dem Schutz vor Beckstein. Steinmeier ist weder sozialdemokratisch noch besonnen- eine Partei, die diese Wahl zulässt, allerdings auch nicht. Die Rechnung der SPD, diese Ernennung ohne Schaden in der Wählerschaft- nicht jedoch ohne Schaden durch die infolge Steinmeiers stattfindende Politik, was ihr offensichtlich egal ist- zu überstehen, geht wahrscheinlich auf: Aber nicht, weil die Wählerschaft dieser Volkspartei Steinmeiers Verhalten begrüßt, sondern weil die Presse sowie Talkshows sie nicht zum richtigen Zeitpunkt an Steinmeiers Verhalten erinnert und dieses thematisiert. Ob der Wähler sich erpresst fühlt ob der Wahl zwischen einem Beckstein, Kohl und Co. auf der einen und einem Steinmeier auf der anderen Seite, sollte man eben diesen und nicht die Presse entscheiden lassen. Dass diese, die doch so gerne um Themen ringt, auf Grund von Vergesslichkeit dieses ausspart, ist wohl eher unwahrscheinlich. Es fragt sich eher, ob angesichts der anstehenden Kandidatenbenennung eine kurz vorher in den Zeitungen stattfindende ausführliche Thematisierung nicht dieses Übel hätte verhindern können. „....diese "Berufsbetroffenen" mit dem "Halbintellektuellen-Status" und suchen sich das nächste Opfer..." Nun, diese Äußerung von Ihnen ist mir sprachlich zu geschliffen als auch inhaltlich zu intellektuell, um sie zu verstehen :-).
      • Carolin Emcke
        27. Jul 2009 16:26
        Missverständnis
        Lieber Herr Reich- da liegt ein Missverständnis vor. Ich bin noch nie mit Herrn Steinmeier gereist, weder innerhalb Deutschlands, noch ausserhalb Deutschlands. Und ich habe auch noch keine Initiative im Ausland mit Herrn Steinmeier gemeinsam gestartet. Ich vermute, Sie verwechseln mich und meine Arbeit mit Christoph Schlingensief. Wobei ich auch da nicht weiß, ob der wunderbare Künstler mit dem Aussenminister gemeinsam im Ausland war. Zu Guantanamo allerdings HABE ich Herrn Steinmeier öffentlich befragt. Bei einer Veranstaltung der Hertie School of Governance in Berlin habe ich den Aussenminister allerdings nicht nach Murat Kurnaz gefragt, sondern nach der Verantwortung der deutschen Außenpolitik für die noch einsitzenden Gefangenen in Guantanamo. Insbesondere die Uighuren.
        • M. Reich
          06. Aug 2009 21:23
          Entschuldigung
          Liebe Frau Emcke, die ist es, um die ich da - gerne und beruhigender Weise- Sie wohl bitten muss: Da habe ich mich offentsichtlich schlecht und falsch informiert. Das tut mir leid. Allerdings habe auch ich es nicht hinbekommen, Sie in Ihrer Person mit dem auch von mir geschätzten Künstler Herrn Schlingensief zu verwechseln: Das gelingt weder optisch noch hinsichtlich des rheinischen Tonfalls. Mit freundlichem Gruß, (Frau) M. Reich
  • www.cujau.de
    21. Sep 2008 23:35
    Cujau
    Liebe Frau Emcke (Zeit, Spiegel), liebe Frau Gaus (taz), warum thematisieren Sie ihre Thesen nicht in Ihren durchaus reichweitenstarken Medien? Sind diese Standpunkte dort nicht erwünscht? Dieser Annahme muss man zuneigen, weil das bisher so nicht geschehen ist. Was ist los in den vermeintlich etablierten Medien? Im ZDF-heute-Journal wird ausgerechnet Oskar Lafontaine von Frau Slomka zum SPD-Machtkampf interviewt; genau jener, der 1995 in genau solch einem Machtkampf den Dolch mittels einer Rede in Rudolf Scharping beim Mannheimer Parteitag gerammt hatte; ob zu recht oder nicht, muss egal sein. Der Mann ist jedenfalls befangen als Experte in der Frage, wie man in der SPD putscht und wer wen. Und Frau Gaus, wen meinen Sie mit "öffentlicher Reaktion" in Bezug auf die Person Kurnaz? Ich nehme an, die Menschen da draußen. Das dürfte ein billiger Versuch sein, von der eigenen Aufklärungsdefiziten in den Medien abzulenken. Murat Kurnaz wird das kaum helfen. Seinen Fall hat man ohnehin gerade stillschweigend beerdigt.
  • M. Reich
    23. Jul 2009 15:49
    Von Amnesie befallen?
    Nun selbst von Amnesie eingehüllt oder wie ist Ihr neuerliches häufiges, öffentliches Miteinander mit Herrn Steinmeier zu verstehen bzw. warum nutzen Sie nicht diese Gelegenheiten, ihn auf Herrn Kurnaz anzusprechen- zu privat oder zu politisch (schädigend)- oder alles nur Theater? Was bedeutet es für Herrn Steinmeiers Prestige, wenn jemand wie Sie, die in Ihrer Person und Arbeit für die Verfechtung der Menschenrechte steht, nun mit dem Mann zusammen reist und entsprechende Projekte initialisiert, von dem Sie selbst behaupten, er habe die SPD moralisch entkernt? Haben Sie da so gar keine Bauchschmerzen? Warum passt das für Sie zusammen? Die Frage ist ernst gemeint. Mit freundlichem Gruß M. Reich

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