Carolin Emcke
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26.06.2008

"Der Traum von Nr. 6" - New Orleans, USA

erschienen in: DIE ZEIT vom 26. Juni 2008

„Der Traum von Nr. 6" (etwas längere Fassung als die veröffentlichte)

Vorne, auf dem Treppensabsatz vor dem Eingang in der South Rampert Street, liegt ein rot-brauner Backstein. Er ist brüchig an den Rändern, mit scharfen Ecken an den Stellen, wo der Stein aus dem Mauerwerk gerissen wurde. Eilig vermutlich. Beim Aufbruch. Die klumpigen Reste an den seitlichen Flächen und das Emaille-Schild mit der Nummer 6 erzählen von dem Haus, zu dem er einmal gehörte. Damals als Bobby Jennings noch ein Zuhause hatte. Sie hat ihn aufgehoben, diesen Backstein, sie hat ihn mitgenommen und vor ihre neue Haustür gelegt, auch wenn die Zahl auf dem Stein gar nicht übereinstimmt mit ihrer jetzigen Hausnummer. Jedes Mal, wenn sie nach Haus kommt, geht sie an ihm vorbei, und denkt an damals, an ihr früheres Haus, das, zu dem der Stein passt.

In der South Rampert Street ist sie nie angekommen, auch wenn sie schon vor beinahe zwei Jahren hierhergezogen ist, an das Ende dieser verwahrlosten Straße, die kein Straßenschild mehr ziert, in der die Nummerierungen der Häuser unlogisch oder unvollständig sind, in der die Zahlen keine Rolle mehr spielen, weil sich ohnehin niemand hierher verliert, der nicht in diesem trostlosen Viertel wohnen muss, in dem die Menschen die Namen der Nachbarn nicht kennen, wenn man sie danach fragt, weil alle nur Zugezogene sind. Menschen mit einer Anschrift, aber keinem Zuhause.

Sie mag jetzt hier wohnen. Aber leben wird sie hier nie. Hurricaine Katrina und die Katastrophe, die nach der Katastrophe kam, hat ihr die Vergangenheit genommen, aber sie träumt sich immer noch zurück, in ihr früheres Leben und das Haus, das es darin gab.

Die Phantasie ist ein zwielichtiger Begleiter der Wirklichkeit. Sie kann innere Bilder erzeugen, von einer Welt, die es noch nicht gibt oder von einer, die es nicht mehr gibt, sie kann sich eine Vorstellung machen von einem Leben, das es zu erstreben gilt oder von einem, das verloren wurde, sie kann eine Geschichte erzählen, die beflügelt und die antreibt und die einen aufbrechen lässt zu Neuem oder eine Geschichte, die betrübt und die niederschlägt und die einen versinken lässt im Alten.

Für Bobby Jennings mag es noch New Orleans, die einzigartige Stadt am Mississippi, sein. Aber sie erkennt es nicht wieder. Ihre Stadt bestand aus der Gemeinschaft in ihrem Viertel, aus der gelebten Nachbarschaft in ihrem Block. Sie mögen arm gewesen sein, in C.J.P, dem sozialen Wohnungsbau im Süden von New Orleans, sie mögen nur zur staatlich unterstützten Miete gewohnt haben, aber sie fühlten sich als gehörte ihnen ihr Leben. New Orleans war berühmt für diese besondere Nähe, die Bobby Jennings heute vermisst, diese lebensweltliche Dichte aus Armut und Heiterkeit, das kreolische Lebensgefühl, in dem der Mardi Gras und die Musik Fluchthelfer aus der traurigen Wirklichkeit waren. Wo es seit Anfang des Jahrhunderts die „Social Aid und Pleasure Clubs" gab, Nachbarschaftsvereine, deren Mitglieder sich bei Krankkeit und Not beistanden, die eine würdige Beerdigung organisierten, also eine mit Live-Musik, und die ansonsten zum Feiern zusammen kamen und zum Karneval.

Das New Orleans, das Bobby Jennings kannte, verkörperte dieses Gemeinschaftsgefühl auch in ihrem Viertel. 42 Jahre hat sie in C.J.P. gewohnt, drei Kinder hat sie dort großgezogen. „Niemals hätten wir gedacht, dass wir nicht mehr zurückkehren würden," erzählt Bobby, „wir dachten, wir gingen für ein, zwei Tage. Bis das Wasser verschwindet." Aber nach dem Wasser kam die Politik, und die zerstörte mehr als es die Fluten konnten. „Das war keine Natur-Katastrophe," sagt sie und streicht ihrer Enkeltochter die geflochtenen Zöpfe aus dem Gesicht, „ sondern eine menschliche Katastrophe."

Sie erzählt sie langsam, ihre Geschichte. Sie kennt den Unglauben, der die Zuhörer zunächst befällt. Wie das denn alles sein kann, zweieinhalb Jahre nach Katrina? Warum sie nicht zurückkehren kann in ihr altes Viertel? Warum ihr altes Haus zerstört wurde? Warum sie unzufrieden ist mit ihrem neuen Haus? Warum sie es unverzeihlich findet, was geschehen ist? Nicht die Flut, sondern was nach der Flut kam.

Zweieinhalb Jahre sind vergangen seit weite Teile New Orleans' unter den Fluten des Hurricains versanken, seit Hunderttausende in mehr als 700 Gemeinden über die ganzen Vereinigten Staaten verteilt wurden, manche mehr als 4000 Meilen von New Orleans entfernt. Mitglieder der vornehmlich weißen Gegend von Chalmette, in St Bernard Parish, etwa wurden im Durchschnitt in Orte 193 Meilen weit entfernt evakuiert, Mitglieder der vornehmlich schwarzen Gemeinde des Lower Ninth Ward dagegen wurden durschnittlich 349 Meilen von New Orleans entfernt untergebracht. Zweineinhalb Jahre sind vergangen seit Präsident George W. Bush versprach „Wir werden solange bleiben wie es nötig ist" und noch immer sind schätzungsweise 280.000 ehemalige Bewohner der Stadt nicht zurückgekehrt, weil sie kein Auto besitzen, kein Geld für den Bus, weil es keine Zugverbindung gibt, weil sie keinen Ort haben, an den sie zurückkehren könnten, weil sie nicht wüßten, wie sie dort überleben sollten, weil sie nicht wissen, ob sie dort erwünscht sind, weil sie schwarz sind oder arm. „New Orleans war mal eine Schoko-Stadt", sagt Bobby Jennings dazu in dem nüchternen Ton einer Fernsehansagerin, die humorfrei objektive Wahrheiten verliest, „jetzt wollen sie reine Vanille daraus machen."

Noch immer stehen die verquollenen Holzschuppen in der Nachbarschaft des Lower Ninth Ward als wäre das Wasser erst gestern gesunken, noch immer liegen aufgedunsene Familienalben mit verwaschenen Photos in den Ruinen, noch immer erzählen die kargen gemalten Kreuze an den Bretterfassaden, mit denen die Rettungsdienste die in den Häusern geborgenen Leichen notierten, von der Unfähigkeit der Behörden. Noch immer leben Tausende von Obdachlosen unter den Brücken der Interstate-Autobahn im Zentrum von New Orleans, in Zelten und Schlafsäcken mischen sich diejenigen, die nur ihr Haus verloren haben, mit denen die noch nie eine andere Unterkunft kannten und die eigentlich in eine Psychatrie gehörten – wenn es das hier gäbe für Menschen ohne Krankenversicherung und ohne Einkommen.

„Amerika ist nicht vorstellbar ohne New Orleans", hatte George W. Bush noch gesagt, damals vor zweieinhalb Jahren, und nicht geahnt, dass dieses New Orleans, diese vergessene Stadt, zu einem Sinnbild für das Versagen Amerikas in der Ära Bush werden könnte. Wer sich heute eine Vorstellung vom Inneren der USA machen möchte, sollte in New Orleans beginnen.

Die Obdachlosenzahlen in der Stadt haben sich verdoppelt seit Katrina. Die Mietpreise für Wohnraum sind wegen der hohen Versicherungssummen um ein Drittel gestiegen, Eigentum kann kaum jemand erwerben angesichts der dramatischen Kreditkrise in den USA. Mehr als 30.000 Menschen leben noch immer in Wohnwagen-Siedlungen außerhalb des Staates. Noch ein Jahr nach der Flut waren 80 Prozent der sozialen Wohnungsbauten geschlossen, und es dauerte ganz 10 Monate bis die Freigabe der Bundes-Gelder für Wiederaufbau nur genehmigt wurde.

Bobby Jennings musste fliehen wie Hunderttausende andere, erst in Notunterkünfte, dann nach Texas, und nach einer absurden Odysee wieder zurück. Aber in ihr Haus durfte sie trotzdem nicht mehr. Die Stadt hatte andere Pläne mit den ehemaligen staatlichen Unterkünften für Sozialhilfe-Empfänger. Noch ehe die Bewohner entscheiden konnten, ob sie dort bleiben wollten, ob sie dorthin zurückkehren wollten, kamen die Bulldozer und zerstörten die Gebäude. Nicht nur C.J.P, sondern auch die anderen großen Komplexe öffentlicher Sozialhilfe-Unterkünfte sind entweder schon zerstört oder warten auf ihren Abriss.

Sie weiß, dass sie gegen dieses Bild anreden muss, das Bild von den Vereinigten Staaten als dem reichsten Land der Welt, dem Fluchtpunkt unzähliger Auswanderer, denen die Freiheits-Statue vor New Yorks Südspitze die Erfüllung ihrer Hoffnungen verspricht, dieser Nation, die anderen Ländern in Not und Verzweiflung beisteht, dieses Amerika, das sich alles zutraut, mit dieser pragmatischen Haltung, die keinen Zweifel an sich selbst zulässt. Dieses Bild von den USA, an das alle so gern glauben wollen, das sie antreibt und aufbrechen lässt, auch jetzt wieder, da der Wahlkampf um den Einzug ins Weisse Haus tobt, da die Kandidaten wieder diesen Traum versprechen von einem Amerika, das die Kraft hat, sich selbst zu erfinden, in dem jeder jemand anders werden kann, das jeden aufzunehmen vermag, der nur aufzugehen bereit ist, in dieser großen Erzählung der Freiheit und des Glücks des Tüchtigen, dieses Amerika, von dem sie zur Zeit sprechen, ist das zeitlose, mythische Amerika, das sich und andere errettet, das sich erholt von seinen Verlusten wie denen im Irak, das dieses ewige Versprechen wiederholt von der Neuen Welt, das sie in das Wort vom „Change" kleiden, diese Erfahrungsoffenheit, die sich durch die eigene Geschichte nicht beschweren lässt, diese Neue Welt, die es gibt, und die doch hier in New Orleans nicht zu finden ist – zumindest nicht für Menschen wie Bobby Jennings.

Und so antwortet sie geduldig auf alle Fragen, reagiert auch nicht gekränkt, wenn sie Einwände hört. Sie weiß, wie unwahrscheinlich das alles klingen muss. Sie weiß, dass niemand es gern hört, dass die Phantasie eine eigentümliche Autorität hat, dass das imaginierte Amerika mindestens so wirklich ist wie das reale. Sie weiß, dass sie im Ausland alle auf den Irak-Krieg als große Wunde Amerikas starren. Sie klagt nicht darüber. Auch wenn für sie Schande dieser Nation im Inland liegt: hier, in New Orleans. Die große Flut, die haben sie alle weltweit gesehen, die apokalyptischen Szenen, die haben sich allen ins Gedächtnis gebrannt, aber wie das Unrecht sich fortgeschrieben hat, das hat keinen mehr interessiert. Sie weiß, dass es nach einer Verschwörungs-Theorie klingt, nach dem Zorn der Verzweifelten, wenn sie ihn sagt, diesen Satz, den sie alle sagen in New Orleans, alle, die nicht weiß sind: „Sie wollten die Schwarzen aus der Stadt vertreiben, dazu haben sie Katrina genutzt."

Und wie zum Beleg erzählt sie von den Details, an denen sich die Gleichgültigkeit des Staates ablesen lässt, Details wie diesen: dass sie zwar vom Staat einen Voucher für die Miete einer neuen Unterkunft bekommen hat, dass sie damit zwar eine neue Wohnung bezahlen könnte, aber dass die Stadtverwaltung vergessen hat, auch einen Gutschein für die Kaution zu garantieren, denn ohne Kaution lässt sich kein Eigentümer auf einen Mietvertrag ein. Und dass sich die Behörde, die die Voucher ausstellt, mit der Überweisung der Miete gern auch einmal Zeit lässt, manchmal bis zu drei Monate, und dass zahllose Vertriebene, die endlich eine Wohnung gefunden hatten, umgehend wieder rausgeworfen wurden, weil die Stadt sich als unzuverlässiger Kunde erwiesen hatte. „Aber Katrina hat mir auch den Glauben an einzelne wunderbare Menschen zurückgeschenkt", sagt Bobby und zum ersten Mal heitert sich ihr rundes Gesicht auf," für mich haben wildfremde Menschen in New York gespendet. Das Geld für die Kaution. Ohne die wäre ich jetzt obdachlos." Und dann erzählt sie von der privaten Unterstützung, die es eben auch gegeben hat in New Orleans, auch wenn das freiwillige Engagement von Hilfsorganisationen und Einzelnen das Versagen der Gemeinschaft nicht ersetzen kann. Und sie erzählt wie Hugo Chavez sie eingeladen hat nach Venezuela, zu einer propagandistischen Ausbeutung ihres Elends, und sie lacht dabei, wenn sie sagt, dass sie weiß, wozu er sie benutzt hat.

Vielleicht ist es das, was am meisten verstört, wenn man ihnen zuhört, den Bewohnern von New Orleans, den Vertriebenen, dass sie sich immer noch bemühen, ruhig zu klingen, so gelassen wie der alte, große Mississippi, dass sie alles nur das nicht wollen: zornig erscheinen, selbst wenn sie es sind, selbst wenn sie Grund dazu hätten.

„Sie wollen, dass ich zornig werde, sie wollen, dass ich mich benehme wie eine Kriminelle, aber das werde ich nicht," sagt Kawana Isber und rührt sich nicht vom Fleck, „schreiben Sie das. Das ist wichtig. Wir sind keine Kriminellen."

Jetzt steht sie eingekeilt im Sicherheitsbereich des Federal Court House von New Orleans. Die Metalldetektor-Schleuse, durch die Anwaltsgehilfen und Richter in das moderne Gebäude gehen, ist für sie gesperrt worden. Wie alle vor ihr, wollte sie ihr Handy abgeben, ihren Schlüsselbund aus ihrer Hosentasche nehmen und auf das Band legen, damit alles ordnungsgemäß durchleuchtet werden könnte. Auch ihren Ausweis hatte sie gezückt, als die uniformierten Sicherheitsbeamten sie plötzlich zurückdrängen. Sie dürfe hier nicht rein. Kurioserweise schließen die Wachleute auch die Glas-Schiebtür hinter Kawane ab, sodass wir nun im etwa zwei Meter langen Niemandsland des Gerichts eingeschlosen stehen. „Ich bin Bürgerin dieses Landes," sagt Kawane immer wieder und strengt sich an, ihre Stimme unter Kontrolle zu halten," ich habe ein Recht, in ein öffentliches Gebäude zu gehen."

Sie hatte nur demonstriert vor dem Eingang mit den kurzgeschorenen Buchsbäumchen, Kawane und acht andere ehemalige Bewohner der sozialen Wohnungsbau-Komplexe von New Orleans. Sie sah rührend aus, diese kleine Protesgruppe mit ihren selbstgemalten Plakaten „Housing is a Human Right" stand darauf geschrieben, und: „We want to be part oft he process". Die Meldung das Tages gibt den Demonstranten Recht: eben ist Alfonso Jackson, Vorsitzender der Housing Authority von New Orleans (HANO) zurückgetreten, weil publik wurde, dass er mit einem Investoren verbandelt ist, der den Zuschlag für einen der riesigen Bauaufträge erhalten hat – von Jacksons HANO. „Wir sind nicht das Problem", sagt Kawane, „die anderen sind die Kriminellen." Aber es nützt nichts. Über eine halbe Stunde vergeht - auf der anderen Seite der Schleuse stehen Kawanes Freunde und warten, von draußen klopfen verständnislos Juristen gegen die Scheibe, die in ihre Büros im Gerichtsgebäude gehen wollen, und nun ebenfalls warten müssen, immer nervöser diskutieren die Pförtner, der Sicherheitschef und die Gerichtsdiener - bis sie uns schließlich durchlassen.

Oben im 9. Stock des Gebäudes, im eleganten Trakt des „US-Department of Housing and Urban Development" tagen die Stadtplaner, die Investoren und Verwaltungsbeamten, all jene, die die Vision eines neuen New Orleans gestalten sollen, in der Menschen wie Kawane keinen Platz haben.

Für sie ist Katrina auch eine Chance. Sie sehen es als Gelegenheit, die runtergekommenen, verwahrlosten Viertel der Stadt zu erneuern, die architektonischen Brachen zu ersetzen durch attraktive Gebäude. Für die Stadtplaner wie Jospeh Williams von der New Orleans Redevelopment Authority ist der Wiederaufbau keine soziale Hilfsmaßnahme, kein Notprogramm, sondern auch die kreative Neuerfindung der Stadt am Mississippi, die Filmschaffende anziehen soll mit ihren alten, idyllischen Straßenzügen im French Quarter und den neuen, aufregenden urbanen Träumen. „Die Stadt soll wiedergeboren werden," erklärt der ehemalige Investment-Banker hoffnungsvoll, „es wird 10 bis 12 Jahre dauern, aber dann sollen hier ein hochmodernes medizinisches Viertel im Zentrum der Stadt gut ausgebildete Menschen anlocken."

Doch vorerst schauen sie recht gepeint, die optimistischen Architekten und Real-Estate Manager in ihren Anzügen und Kostümen aus feinem Zwirn im 9. Stock des Federal Court House, die mit Power-Point-Präsentationen und Hochglanzbrochüren die imaginäre Zukunft der Stadt besprechen wollten, als plötzlich Kawane mit ihren Freunden in Jeans und Turnschuhen eintritt. Da steht sie auf einmal vor ihnen, die reale Gegenwart von New Orleans, in Form dieser traurigen Gestalten, die von einem Fuß auf den anderen treten, verlegen und enttäuscht zugleich, weil sie wissen, dass hier ohne sie geplant wird. Sie wollen beteiligt werden an den Entscheidungsprozessen, die ihr Leben bestimmen, sie wollen mindestens handwerkliche Ausbildungsprogramme, sodass sie sie mitbauen können, die Häuser, in denen sie später einmal leben werden. Sie wollen arbeiten für ihr Haus, sie wollen nichts geschenkt haben. Sie dauert nicht lange, diese unerwünschte Begegnung, dann kompromittieren die eilfertigen Helfer der Stadtplaner Kawane und ihre Freunde wieder hinaus ohne ihnen zugehört zu haben.

Um gehört zu werden, kommen Musiker aus dem ganzen Land hierher, ins Piety Street Studio, zu John Fischbach, dem berühmten Tonmeister, weil er hören kann wie kein anderer. Lenny Kravitz war hier in dem riesigen Raum des ehemaligen Post-Offices mit seiner unverwechselbaren Akkustik, Elvis Costello und die Dixie Chicks. Sie alle kamen nach Bywater, dem etwas abgelegenen, aber um so lebendigeren Viertel von New Orleans mit seinen alten, leerstehenden Schuppen, direkt am Mississippi, wo das Tuten der Schiffe Tag und Nacht zu hören ist, nur hier drinnen nicht, in den Aufnahmestudios von John Fischbach. „Jazz, Folk, wir machen alles ausser Rap," sagt der grauhaarige Fischbach und geht um das leuchtende Polizei-Absperrband herum, das mitten durch den Raum läuft und dem großen schwarzen Flügel ironisch Sicherheit verspricht, „das ist einfach nur gemeine Musik, die tut niemandem gut." Er mag keine langen Gespräche über diese Stadt und die Rolle der Musik darin, er mag nicht darüber reden, über seine Entscheidung, hier zu bleiben, in New Orleans, in seinem Studio mit dem besonderen Klang, er mag nicht erklären, was sich am leichtesten erhören lässt.

„Mother of Mercy", heisst das Stück von Judith Owen, das Fischbach hören will. Am Computer zeigen die farbigen Pegel jeden einzelnen Ton, jeden Schlag der Instrumente und des Gesangs an, und Fischbach geht sie durch, Takt für Takt, und korrigiert, nimmt schlampige Pausen, verschleppte Rhythmen, ganze Instrumente raus, wenn sie ihm nicht gefallen, immer in Abstimmung mit der Sängerin. Judith Owen sitzt auf dem ledernen Sofa vor ihm, bereit für jede kritische Anmerkung, neugierig, was der andere hört, was sie noch nicht entdeckt hat. „Mother of Mercy", singt sie mit ihrer kehligen Stimme, „won't you help me," und wie sie da beide so versunken sind, in den perfekt abgemischten Song, merken sie vermutlich gar nicht, dass diese verzweifelte Klage, diese Ballade über das Mitleid so angemessen wie unerhört geblieben ist in dieser Stadt.

Als ob Mitleid keinen Ort hätte in einer Gesellschaft, die sich über Freiheit definiert, über das Glück des Tüchtigen, als ob das die Kehrseite eines moralischen Selbstentwurfs wäre, der um das Individuum kreist, in dem der Einzelne sich aus eigener Kraft selbst erschaffen kann. Wenn Freiheit immer nur die Abwesenheit des Staates meint, dann gibt es das kaum: institutionalisiertes Mitleid, staatliche Empathie für diejenigen, denen die Kraft oder die Möglichkeit für diesen amerikanischen Traum der Selbst-Schöpfung fehlt.

Mitleid möchte Delilah Hall noch nicht einmal, sie weiß, wie diejenigen gesehen werden, die das einfordern. Sie möchte kein klagender Schmarotzer sein, sie möchte nicht einfach als Ballast der Gesellschaft wahrgenommen werden. Aber dass das einzige Krankenhaus, das die Armen in New Orleans sich leisten konnten, geschlossen wurde, dagegen wehrt sie sich. Sie ist nicht obdachlos, sie ist auch nicht arbeitslos und sie empfängt keine Sozialhilfe. Hall hat eine feste Anstellung als Sekretärin im Fachbereich Soziologie der staatlichen Universität von Louisiana – und trotzdem kann sie sich eine Krankenversicherung nicht leisten. Seit Jahren schon ist für die Staatsbedienstete das Charity Hospital die einzige Rettung gewesen, um ihr die rheumatischen Schmerzen zu lindern.

Doch Charity, das seit Jahrhunderten medizinische Versorgung für die Armen offerierte, ist geschlossen. Dabei hatten die Ärzte der berühmten Klinik vom ersten Moment gekämpft: als das Wasser schon den Keller des Spitals geflutet hatten, hielten sie noch aus und wollten es nicht räumen, selbst als die National Guards sie evakuieren wollten. Sie handelten einen Deal aus: die Doktoren würden der Nationalgarde helfen in dem Chaos der ersten Tage, wenn die dafür anschließend beim Aufräumen des Hospitals helfen würden. Das geschah auch. Wenige Wochen nach Katrina war Charity wieder aufnahmebereit, die ersten drei Stockwerke mit ihrer Notaufnahme und der Psychiatrie waren funktionsfähig.

Doch das Krankenhaus bleibt bis heute geschlossen. Es gäbe Pläne für einen Neubau, heisst es unbestimmt - ab dem Jahr 2012. Bis dahin müssen Patienten ohne Krankenversicherung warten auf Termine in den anderen Kliniken – manche wie Delilah Hall bis zu einem Jahr. „Ich bin ja nicht dagegen, dass sie ein neues Gebäude bauen wollen, aber bis dahin sollen sie Charity weiterarbeiten lassen. Wir haben keine Zeit zu warten."

Psychisch Kranke, die bisher in Charity kostenlose Betreuung erhielten, bleiben nun ohne Medikamente und Behandlung. Die Zahl der gewalttätigen Angriffe durch psychisch Kranke hat sich seither dramatisch erhöht. Jim Arey, Leiter des Krisen Interventions-Teams vom New Orleans Polizei-Department drängt deswegen auch auf die Wiedereröffnung des Krankenhaus. Ohne Erfolg. Jetzt klagt Delilah Hall mit einigen anderen ehemaligen Patienten und Ärzten gegen die Schließung. Sie klingt entschuldigend, wenn sie davon erzählt. „Ich will nicht als wütender Protestierer dastehen," sagt sie und senkt den Blick, und sie meint damit, dass sie nicht als „typische Schwarze" dastehen will. Denn sie weiß, dass Aggressivität ihnen gerne zugeschrieben wird, sie weiß, dass es sie immer noch gibt, die latente, rassistische Angst vor dem zornigen Schwarzen. Obamas Freund und Mentor, der Prediger Jeremiah Wright, hat dieses verzerrende Bild genährt und unterfüttert. Genau all die Stereotype, gegen die sie sich hier wehren, hat Reverend Wright in den vergangenen Monaten bestätigt: der wütende Redner, der sein Land nicht nur für Verfehlungen kritisierte, sondern es gleich verdammte, der sich in seiner Wut auf die Vereinigten Staaten in so wirre Anschuldigen hineinsteigerte, dass die USA das HIV-Virus erfunden hätten, um die Schwarzen auszumerzen – mit all seinem schrillen Zorn erfüllte exakt all jene paranoiden Erwartungen, in denen Schwarze keine Patrioten sein können, in denen Schwarze nur ihre eigene Geschichte repräsentieren wollen und nicht die aller Amerikaner. Dieses Bild ist ein Fluch, und Schwarze wie Delilah Hall haben es so internalisiert, dass sie es kaum mehr merken wie sie sich winden und wenden, nur, um diese Angst der Anderen nicht zu schüren. Sie sieht es im Fernsehen jeden Tag, den Barack Obama ums Weiße Haus kämpft, wie er sie beantworten muss, diese Fragen nach seinem Zorn, die nie gestellt werden, und die doch alle umtreiben, die sich fragen, ob sie den ersten Schwarzen zum Präsidenten der Vereinigten Staaten wählen sollen.

Die Oberfläche des Flusses schillert in der Morgensonne, das Licht gibt der grünen Schwere eine rosafarbene Leichtigkeit, und so zieht er dahin, der Mississippi, dem Golf von Mexiko entgegen, langsam und gleichmäßig, mit diesem Plätschern, wenn das Wasser gegen die Felsen der Uferpromenade schlägt und Harmlosigkeit vortäuscht. Die Figur des „Denkmals für den Einwanderer" steht aufrecht im warmen, feuchten Wind, der vom Fluss herüberzieht. Es sieht aus wie eine kleine Freiheitsstatue, nur in weiß und nicht in grün wie die große Schwester in Manhatten. Es erinnert an Drago und Klara Cvitanovich, die 1964 aus Kroatien hierher an den Mississippi kamen, und deren Vision, so steht es eingemeißelt, „ allein auf harter Arbeit und Durchhaltevermögen" ruhte.

Vielleicht stimmte es einmal, dass es in Amerika gelingt, mit Arbeit und Durchhaltevermögen allein sein Glück zu finden, vielleicht stimmte diese Geschichte, die sie sich von sich selbst erzählen, dass dies das Land der unbegrenzten Möglichkeiten sei, vielleicht war sie wahr, weil sie sich immer alle erzählt haben, vielleicht. Aber vielleicht brauchte es immer auch schon ein wenig Glück, die Hilfe des Zufalls oder der Anderen, vielleicht sieht Freiheit ohne Mitleid so aus wie New Orleans nach Katrina, vielleicht ist das der Grund, warum die ausgereckte Hand der Statue, die zum Mississippi zeigt, abgebrochen ist, vielleicht ist das der Preis der Freiheit, die sie hier so lieben.



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