Zunächst war da nur ein Staunen.
Ein halb verzweifeltes, halb freudiges Staunen.
Das sollte ein Satz sein? Ein Gedanke?
Wir saßen um das Buch herum. Fassungslos und ein wenig unmutig.Was nützte all unser ernsthafter Enthusiasmus, unsere angstfreie Maßlosigkeit, mit der wir über die Irrungen und Wirrungen der Pubertät hinausreichen wollten? Was nutzte unsere eingebildete Reife, wenn wir nun so ahnunglos und, ja, wir spürten es: dümmlich!, vor diesem Buch saßen.
Es war schrecklich.
Immer wieder nahmen wir Anlauf. Zerkleinerten den Text in einzelne Satzbausteine. Einzelne Worte. Und rutschten ab. Gerieten in die Untiefen der Begriffe. Verloren uns im historischen Labyrinth der philosophischen Ideen. Oder im weitverzweigten rein akkustischen Klangbild der Sätze.
Wir nahmen erneut Anlauf. Und erneut prallten wir gegen unser eigenes Unverständnis.
Wir saßen da.
Verärgert.
Aber auch unfähig, uns dem Sog dieser Sprache zu entziehen.
Es war still. Sehr still. Nicht mal das Blättern der Seiten war zu hören. Nicht mal das Blättern einer Seite war zu hören.
Wie auch? Hielten wir uns doch seit Stunden an der ersten Seite auf.
Noch sollten wir nicht ahnen, dass wir uns in Wahrheit Stunden an den ersten drei Sätzen und Wochen an der ersten Seite der „Tübinger Einleitung" aufhalten sollten. Von Blättern konnte lange, sehr lange keine Rede sein in dieser abendlichen Ernst-Bloch-Lesegruppe mit Mitschülern meines Gymnasiums. Sie mögen schmunzeln, aber: in der Tat – wir hatten eine Ernst-Bloch-AG als Schüler.
Als Sie Ihre Entscheidung gefällt haben für die Preisträger des heutigen Tages konnten sie dies nicht wissen: dass eine darunter ist, die tatsächlich nicht nur mit den Schriften von Ernst Bloch aufgewachsen ist, sondern bei der Bloch wie kein anderer Philosoph (außer Jürgen Habermas) in existentielle Weise ins eigene Leben eingegriffen hat, ja, das ganze nachfolgende Leben bestimmt hat.
Wenn ich Ihnen heute also Dank sage, dann muss ich Ihnen erzählen, was ich Ernst Bloch verdanke, und dazu muss ich Ihnen von diesem staunenden Unmut bei der ersten Begegnung erzählen, denn zunächst und vor allem anderen:
habe ich lesen gelernt durch Ernst Bloch.
Ich meine nicht das Lesen, durch das man hinausgetragen wird in die Welt, auf unbekannte Flüsse und Meere, nicht das Lesen, durch das man emphatisch hineingezogen wird in das Lieben und Leiden der Anderen, nicht das Lesen, durch das man schlingend und rasend hinabtaucht in die Figuren und Lebenswelten anderer Zeiten und Regionen wie bei Tolstoi, Balzac, Feuchtwanger oder Werfel; nicht das Lesen als phantasmatisches Reisen entlang innerer und äußerer Landschaften, nicht das Lesen, das die eigenen Bilder prägt und archiviert, aus denen sich nachher diese unzerteilbare, imaginär-reale Welt zusammensetzt, aus der wir unsere Emotionen und Assoziationen speisen.
Ich meine auch nicht das Lesen, durch das man die Ereignisse und Geschehnisse als eher zufällige begreifen lernt, das Lesen, durch das Personen als weniger intentional handelnde verstanden werden, jenes Lesen, durch das der Blick auf die Welt und die Menschen darin sich aufschlüsselt in perspektivische Brechungen und Spaltungen wie bei Marcel Proust, Virginia Woolf oder Wolfgang Koeppen.
Nein, ich meine jenes Lesen, das einen zwingt inne zu halten. Das nur stockend sich bewegt. Ich meine ein Lesen, das nicht vorantreibt, nicht die Worte, nicht die Figuren, und zunächst auch das eigene Denken nicht.
Ich meine jenes Lesen, das sich abmüht und quält, das nur langsam, nur zaghaft, nur ohne Gewalt auskommt.
Meine Großmutter mahnte uns stets zu Geduld beim Zerschneiden eines Brotlaibs: „Sägen – nicht drücken!" pflegte sie zu sagen – und diese Haltung dem Brot gegenüber lehrt Bloch dem Text gegenüber. „Sägen, nicht drücken!"
Langsam, behutsam und ohne Gewalt.
Dieses Lesen setzt das eigene Scheitern stets voraus. Es unterstellt keineswegs interpretatorische Sicherheit, keineswegs intuitives Wissen oder Verstehen.
Dieses Lesen erteilt eine Lektion in Demut.
Ich wusste, schon nach den ersten verärgerten Stunden über der ersten Seite jenes Buches von Ernst Bloch, dass ich nichts anderes tun wollte als das: eine solche Demut zu lernen. Ich wusste schon nach der ersten Lektüre, dass ich dieses Gefühl wieder und wieder haben wollte: innehalten zu müssen. Zu entschleunigen. Wenn das Philosophie war, dann wollte ich nichts anderes erlermen als das: lesenden Respekt und denkende Demut.
Es war die entscheidende Erfahrung, die den gesamten Lebensweg danach bestimmt hat.
Denn das Lesen, das in Bescheidenheit unterweist, dieses Lesen, das eben nicht rauschhaft, sondern zögernd, skeptisch, fragend verläuft, das die Grenzen des Verstehens abschreitet, die Untiefen der Distanz zwischen dem eigenen Ich und dem Anderen und seiner Sprache auslotet – dieser Kunst des Lesens bedarf es nicht nur für Bücher und Texte, sondern auch für die Welt.
Wenn ich Ernst Bloch Dank schulde, dann hierin: mich durch seine Sprache vorbereitet zu haben in der Achtung vor der Andersartigkeit der Gedankenwelt anderer, in der Demut der langsamen Annäherung, der Skepsis gegenüber vorschnellem Begreifen, dem Misstrauen gegenüber allzu unbedachtem Eigenen.
Diese Sprache hat mich auch, vielleicht mehr unbewusst als bewusst, vielleicht mehr akkustisch intuitiv als intellektuell analytisch, auf die Stille im Sprechen anderer vorbereitet. Das Ohr ist geschult worden für Pausen im sprachlichen Fluß, es ist aufmerksam für jene synkopischen Rythmen, die sich manchmal als kulturelle Signaturen durch die Sprache einer ganzen Bevölkerung ziehen, manchmal als traumatische Spuren einer individuellen Erfahrung auftauchen. Für jemanden, die vornehmlich in Kriegsgebieten und versehrten Gegenden der Welt unterwegs ist, war dies eine unschätzbare Vorbereitung. Und so sage ich Dank auch dafür.
Zuletzt aber, und darin unterscheide ich mich vermutlich von keinem anderen Leser von Ernst Bloch, gab es da diesen ekklektischen Zugriff auf Topoi dieser Schriften voll barocker Vielfalt. Jeder von uns sucht sich ein Motiv, das sich durch die Bücher hindurch verfolgen lässt, und das uns begleitet, und das sich als basso continuo, als durchgeführtes Motiv, als Sequenz in das eigene Denken und Arbeiten hineingeschlichen hat.
Während mich das marxistsche Dogma und Instrumentarium niemals angezogen hat, bin ich von dem messianischen Moment im Denken Ernst Blochs von Anfang an vollkommen durchwirkt und durchzogen worden. In musikalischen Begriffen gesprochen, hat mich der messianische Horizont des Noch-Nicht wie eine unendliche Kadenz, deren sehnendes Suchen nach Auflösung nicht aufhört, in den Bann gezogen.
Es ist dies nicht einfach eine metaphysische Gestimmtheit, nicht einfach eine religiöse Musikalität, sondern eine philosophische Praxis, die – und das mag Sie jetzt überraschen – für eine schreibende Journalistin im Krieg unverzichtbar ist.
Wer schreibt über Tod und Zerstörung an den entlegenen Rändern der Welt, wer schreibt über das Leiden der Eingeschlossenen oder Ausgeschlossenen, der schreibt mit einem dauernden normativen Vorgriff: schreibend unterstellen wir ein Wir, das es im Moment des Schreibens in mehrfacher Hinsicht nicht gibt. Noch-nicht gibt, würden wir mit Ernst-Bloch sagen.
Ich habe es schon einmal geschrieben und ich werde nicht müde, es zu wiederholen: wieder und wieder bitten Menschen in Not darum, dass man von ihrem Leid berichte. Niemals, in keinem einzigen Moment in keiner einzigen Krisenregion, in der ich unterwegs war, baten mich Menschen um konkrete praktische Hilfe, um Geld, um Nahrung, um Transport. Aber immer und immer wieder bitten sie darum, dass ich ihre Geschichte erzählen möge. Nicht etwa, weil sie so naiv wären, an meine schriftstellerische Macht zu glauben, nicht etwa, weil sie umgehend politische Reaktionen auf meine Texte hin erwarteten, sondern weil Menschen, die Opfer dauerhafter, struktureller Gewalt sind, die ausgeschlossen werden von einer Gemeinschaft, nach einer Weile, einer Weile, in der nichts geschieht gegen dieses Unrecht, in der niemand interveniert, gelegentlich daran zweifeln, dass das, was da geschieht, wirklich Unrecht sei.
Sie beginnen sich zu fragen, ob es möglicherweise Recht sei, was sie da zu erdulden haben.
Denn: was wäre das sonst für eine Welt: in der solch ein Leid, solch ein Unrecht geschehen könnte, ohne dass jemand es stoppt. Was wären das für Mitmenschen?
Und so verlieren sie eher den Glauben an sich selbst als die Hoffnung in die Welt.
Wenn nun aber jemand daherkommt, der zuhört, der sie sieht, der sie wahrnimmt, als Gleichwertige, als Gegenüber und der ihnen bestätigt: was hier dir widerfährt, ist Unrecht, und der ihnen das bestätigt, im Wort und im Schreiben – der nimmt sie auf einmal wieder auf, in die Gemeinschaft, aus der sie im Alltag, in der Realität ausgeschlossen sind: dem Wir einer Weltgemeinschaft.
Das Schreiben operiert deswegen immer mit einer zweifachen Transzendenz: es überschreitet das Jetzt und knüpft an das Nicht-Mehr an, an die Menschen, die die verwahrlosten, verdreckten, verstörten Opfer einmal waren, und an das Noch-Nicht einer Öffentlichkeit, einer Gemeinschaft, in der diese Menschen eine Rolle spielen, in der die globale Gemeinschaft nicht nur eine wohlfeil behauptete Spielfigur in Talkshows abgibt, sondern tatsächlich Adressaten und Betroffene des eigenen Schreibens Teil derselben Gemeinschaft sind.
Ohne Ernst Blochs messianische Gerichtetheit hätte ich nicht die Kraft dazu, dieses Wir, dieses universale Wir, das sich in jedem, wie immer andersgearteten Antitz spiegelt, schreibend zu behaupten. Ich hätte nicht die Hoffnung, dass es sich so, auf diese Weise, im schreibenden Vorgriff, nach und nach erzeugen lässt.
Ich danke Ihnen.