Carolin Emcke
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15.09.2011

"Der lange Weg zur Gerechtigkeit" - Kenia

erschienen: ZEIT magazin LEBEN am 15. September 2011

Es gibt Geschichten, die haben keinen Anfang, weil niemand weiß, wieso sie geschehen. Sie lassen sich erzählen, aber sie lassen sich nicht begreifen. Sie werfen nur Fragen auf und bieten keine Antworten. Die Geschichte von Grace ist so eine Geschichte.

Grace singt. »If you're happy and you know it, clap your hands« , sie klatscht in die Hände, klapp, klapp, Grace singt und klatscht vergnügt wie alle anderen Kinder, »If you're happy and you know it, clap your hands« , klapp, klapp, es ist acht Uhr morgens, die erste Stunde des christlichen Kindergartens in Meru, Kenia, hat begonnen, erst mit einem Bibelvers, »Am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde«, und nun mit diesem Lied der Freude, die man sehen und hören muss, »If you're happy and you know it, then you really got to show it, clap your hands« , klapp, klapp, Grace trägt wie die anderen achtzehn Kinder ihre Schuluniform, einen blauen Jeansrock und ein rotes Polohemd unter einem blauen Wollpullover. »If you're happy and you know it, tap your toe«, Grace stapft mit ihrem Fuß auf den Boden, erst mit dem einen, dann mit dem anderen, tap, tap, morgens hatte noch ihr großer Zeh aus einem Loch im Socken geschaut, und Grace hatte lachen müssen über das nackte Ding, das dann eilig in ihren etwas zu großen Schuhen versteckt wurde. »God is love« , steht in einem rosafarbenen, gemalten Herz auf der Wand ihres Schulzimmers, und Grace singt und klatscht und stampft, wie alle anderen Kinder, und wenn sie nicht an manchen Tagen unkontrolliert erbrechen und urinieren würde, könnte man denken, Grace sei ein glückliches Kind.

Man könnte sogar denken, dass Grace nicht dieselbe Grace sein kann wie die, deren kurzes Leben bereits eine lange Akte mit der Nummer RI/R/113/10 füllt. Das Mädchen in der Akte trägt in Wirklichkeit einen anderen Namen, wie auch ihre Verwandten. Warum, das wird schnell klar, wenn man weiß, was in der Akte steht. Darin beginnt Grace' Leben nicht mit ihrem Geburtstag, der ist nicht verzeichnet, sondern mit jenem 3. März 2010, dem Tag, an dem sie, halb bewusstlos, von ihrer Tante Joyce auf dem Arm ins Krankenhaus getragen wurde. »Blut und Flüssigkeit auf der Unterhose«, steht mit blauem Kugelschreiber auf dem schmucklosen Zettel, der in der Akte abgeheftet ist und auf dem ein Arzt im Methodist Hospital von Maua die Ungeheuerlichkeit notiert hat: 13 Kilo Gewicht, Körpertemperatur 37 Grad, eine eingehende Vaginaluntersuchung sei nicht möglich gewesen, weil die Patientin große Schmerzen gehabt habe, der Arzt schließt mit der Diagnose »Vergewaltigtes Kind mit genitalen Verletzungen«.

Aufnehmen wollte sie trotzdem niemand im Methodist Hospital. Das hätte Geld gekostet. Geld, das Grace' Tante nicht aufbringen konnte. Das steht nicht in der Akte. Das erzählt Esther Mburu, die Frau, die gerufen wird bei Fällen wie dem von Grace. Ohne Esther Mburu und Ripples International, die kenianische Hilfsorganisation, für die Esther arbeitet, wäre Grace nie behandelt worden, ohne Esther und Ripples hätte Joyce das wimmernde Kind wieder mitnehmen müssen, von Maua den ganzen Weg zurück, mit einem der überfüllten Taxis über die Landstraße, und dann zu Fuß, vorbei an den Feldern, die rotbraunen Lehmwege entlang, vorbei an den ärmlichen Hütten, bis zurück nach Kabuitu, in das Dorf, in dem Grace vergewaltigt wurde. Ohne Esther hätte niemand die Kosten für die Ärzte übernehmen können. Ohne Esther gäbe es nicht einmal diese Akte, denn niemand sonst würde das Verbrechen an diesem Kind so ernst nehmen, niemand würde ein solches Kind so ernst nehmen, dass eine Akte angelegt würde, in der alle medizinischen Untersuchungen sauber und ordentlich abgeheftet sind.

»Vergewaltigung durch eine Person, die der Mutter bekannt ist«, notiert am 25. März 2010 ein Gynäkologe an der Frauenklinik von Meru, zu dem Grace gebracht worden ist, der sie untersucht und festgestellt hat, dass der erwachsene Vergewaltiger den Unterleib des vierjährigen Kindes so verletzt hat, dass Vagina und Anus »miteinander kommunizieren«. In den Wochen nach der Vergewaltigung, so vermerken es die Krankenakten, kann Grace weder Stuhl noch Urin halten. Im April bringt Esther Mburu Grace zum ersten Mal in die Hauptstadt Nairobi, ins Kenyatta Hospital, wo sie einen künstlichen Darmausgang gelegt bekommt. Im September führt ein Chirurg vom Nairobi's Women's Hospital eine rekonstruktive Operation durch, bei der ihr Damm nachgebildet wird. Im November 2010 schließlich wird Grace der künstliche Darmausgang wieder entfernt.

Der Kindergarten ist aus. Grace rennt im Garten des Tumaini Girls' Rescue Centre herum, des Heims für sexuell missbrauchte und misshandelte Mädchen, das von Ripples International betrieben wird und das ihr Zuhause geworden ist. Sie umkurvt die hoch aufgeschossene Frau in Uniform, die das schwarze Stahltor bewacht, das Fremden die Zufahrt verwehrt, Grace rennt an den Pinienbäumen vorbei, um die Rosenbüsche vor den vergitterten Fenstern herum, sie quietscht und lacht, immer ihrer besten Freundin hinterher.

»Anfangs konnte Grace nicht sprechen«, sagt Esther Mburu, 31, Grace hatte keine Worte für das, was geschehen war. Esther schaut hinüber zu Grace, die inzwischen mit einem der älteren Mädchen zusammen seilspringt, wie soll ein Kind das auch verstehen. »Sie hat immer nur geweint.« Esther Mburu liebt Kinder, und sie liebt Grace. Esther ist die Team-Leiterin des Girls' Rescue Centre, und sie betreut Grace und all die anderen Mädchen, die dort, wo einmal ihr Zuhause war, nicht mehr sein können, weil sie dort misshandelt oder missbraucht wurden, vergewaltigt oder verstümmelt, von ihrem Vater oder vom Nachbarn, weil sie, die noch Kinder sind, geschwängert worden sind und nun selber Kinder haben, Kinder, deren Väter gleichzeitig ihre Urgroßväter sind, Kinder, die mit einer Machete verwundet oder mit Wasser verbrüht wurden, weil sie HIV-positiv sind und deswegen ausgesetzt oder weggeworfen wurden, Kinder, die ausgeschlossen oder eingeschlossen wurden, versehrt oder verletzt wie Grace.

»Was ist dein liebstes Tier, Grace?« – »Ein Elefant.« – »Kannst du einen Elefanten malen?« Grace schaut auf die leere Seite in dem Notizbuch, kuschelt sich an, schaut fragend, ob sie das wohl darf, erwägt, ob sie es selbst auch wirklich will, dann drückt sie sich noch ein bisschen näher ran und malt drauflos: zwei gerade Linien, die am oberen Ende durch einen Kringel miteinander verbunden sind, und an denen unten zwei Schlaufen hängen, die, wohlwollend betrachtet, zwei riesige Elefantenohren sein könnten.

Wer die Geschichte von Grace verstehen will, muss ihre Mutter kennenlernen.

Wann Grace geboren ist? Das weiß sie nicht so genau. Grace' Mutter, Agnes, balanciert den elf Monate alten Halbbruder von Grace auf dem Schoß, viereinhalb sei Grace. Ungefähr. Wie alt sie selbst war, als Grace geboren wurde? Das weiß sie auch nicht so genau. Sie hebt ihr T-Shirt und schiebt den zappelnden Kleinen an ihre winzige Brust, damit er sich beruhigt. Sie selbst ist jetzt 21, das weiß Agnes. Aber sie kann das Alter ihrer Tochter nicht abziehen von ihrem eigenen, um zu errechnen, wie alt sie war, als Grace geboren wurde. Agnes ist nie zur Schule gegangen. Lesen und Schreiben hat sie nie gelernt. Tage und Wochen unterscheiden sich kaum für sie. Vielleicht ist das der Grund, warum Geburtstage für sie keine Rolle spielen. Was aus dem Mann geworden ist, der Grace' Vater ist? Das weiß sie nicht. Ob sie lange ein Paar waren? Nein. Ob er weiß, was Grace angetan wurde? Nein. Ob sie jetzt mit dem Vater von Anthony, dem Kleinen auf ihrem Schoß, zusammenlebt? Nein. Männer als Väter scheinen in Agnes' Leben keine Rolle zu spielen. Männer als Geliebte, als Menschen, mit denen man sein Leben teilen möchte, auch nicht. Vielleicht weiß sie nicht einmal, dass es das gibt. Das Glück, einen Menschen zu lieben, einen Mann oder ein Kind.

Agnes musste ein paar Dokumente unterschreiben, deswegen ist sie zum Girls' Rescue Centre gekommen, dem Heim, in dem ihre Tochter lebt. Ohne Anlass kommt Agnes selten hierher. »Ich habe nicht gedacht, dass irgendetwas mit Grace passieren könnte«, so beginnt Agnes die Geschichte der Vergewaltigung von Grace, »ich wollte nur für ein paar Tage wegfahren.« Warum sie ihre Tochter nicht mitnimmt, erklärt Agnes nicht, warum sie Grace nicht bei ihrer Schwester Joyce abgibt, die in der Nähe wohnt, auch nicht, warum sie das Kind stattdessen bei ihrem Nachbarn zurücklässt, aus dessen verschlossener Hütte die Polizei das vollkommen verstörte Kind erst 24 Stunden nach der Vergewaltigung befreien wird, dafür hat sie keine Erklärung.

Grace wurde von ihrer Tante Joyce gerettet, nicht von ihrer Mutter, es war Joyce, bei der ein Nachbarsjunge anrief und der er sagte, er könne Grace weinen hören, der Nachbar und seine Frau hätten sie eingesperrt, es war Joyce, die eilig die Polizei benachrichtigte, und es war Joyce, die das blutige Bettlaken mitnahm als Beweismittel, sollte es jemals zum Prozess gegen den Vergewaltiger ihrer Nichte kommen, weil sie der Polizei nicht traute. Es war Joyce, die der Polizei Geld geben musste, damit die den Verdächtigen verhaftete, es war Joyce, die einem anderen Polizisten die Uniform waschen musste, damit er den Verhafteten zum Untersuchungsgefängnis nach Maua überführt. An Agnes rauschten diese Ereignisse vorüber, als sei es nicht ihr Kind, dem ein Erwachsener den Schoß zerfetzt hat.

Schmal sieht Agnes aus, fast jungenhaft. Eine richtige Arbeit hat sie nicht. Manchmal wäscht sie Wäsche bei anderen Leuten. Manchmal geht sie auf die Miraa-Felder in der Umgebung von Kabuitu, wenn man Helfer bei der Ernte braucht. »Es ist gut, dass Grace hier bei Ripples sein kann«, sagt Agnes tonlos, »ich vermisse sie manchmal, aber wenn ich sie dann einmal sehe, und wie sie strahlt, dann ist es auch gut.« Eine eigene Wohnung kann sich Agnes nicht leisten. Sie wohnt mit ihren zwei Söhnen bei ihrer Großmutter. Einen Mann gibt es nicht. Es gibt ein Bett, auf dem die alte Frau schläft, Agnes und ihre beiden Kinder schlafen auf dem Boden.

»Das ist meins«, sagt Grace. Sie steht vor einem kleinen Bett, das quer zu den Doppelbetten der anderen Mädchen in ihrem Zimmer steht, direkt unter dem Fenster. Heute ist Waschtag. Grace hat schon wie die anderen draußen im Garten Wäsche in Plastikbottichen geschrubbt und dann auf den Pflanzen zum Trocknen ausgelegt. »In mein Bett pass ich auch rein. Schau!« Sie schlüpft aus ihren blauen Plastikschlappen, hüpft auf die Decke und strahlt. Seit einem Jahr schon wohnt Grace hier im Tumaini Girls' Rescue Centre. Richtig groß ist es in dem Heim nicht, die Decken und Wände sind schon ein bisschen modrig, zum Umzug in ein geplantes größeres Haus fehlt noch etwas Geld. Außer dem Garten und ein paar Springseilen besitzt das Heim auch nicht richtig viel. Aber es ist mehr, als Grace jemals hatte. Sie zeigt einen halbhohen Schrank, mit zwei Schubladen, und die Sachen darin, die gehören ihr, Grace führt sie vor: ein paar T-Shirts, eine rosafarbene Jacke mit einer passenden Mütze dazu, aber die zieht sie nur an, wenn sie am Sonntag zum Kindergottesdienst in die Kirche geht. Dann gibt es noch eine Dose Vaseline, einen Becher mit ihrer Zahnbürste und ihre Schuluniform. Grace führt das auch deshalb besonders gerne und langsam vor, weil sie eigentlich in der Küche eine Tasse mit Porridge essen sollte, die sie nicht will. Manchmal bekommt ihr Essen nicht, manchmal spuckt sie es aus. Allein Esther weiß, dass es nicht am Essen liegt.

»Wir müssen die Kinder aus ihrer gewohnten Umgebung nehmen«, erläutert Esther und rührt dabei in ihrem gezuckerten Tee mit Milch. »Die Opfer werden zu Schuldigen gemacht, sie können in ihren Familien nicht mehr sein, weil sie da nicht sicher sind, und sie können in der Schule nicht mehr sein, weil sie da stigmatisiert werden.« Weil Kinder selten nur einmal missbraucht werden, sondern wieder und wieder, weil es keinen Schutz gibt, solange das Opfer noch zu Hause wohnt und die Täter nicht verurteilt sind, weil es in Kenia zwar alle Gesetze gibt, die es braucht, um Verbrechen wie Vergewaltigung zu ahnden, diese Gesetze aber selten angewandt werden, kommen die Kinder zu Esther.

Wer die Geschichte von Grace verstehen will, muss die Behördenmitarbeiter erleben, die zuständig sind für Kinder wie sie.

Jane Kinuthia sitzt in einem winzigen, lichtlosen Büro, dem District Children's Office von Meru, mit speckigen Wänden und einer einsamen Glühbirne, die von der Decke herunterbaumelt. Jane Kinuthia ist verantwortlich für vernachlässigte und misshandelte Kinder in der Kommune von Meru, zu der 230.000 Menschen zählen. Die Hauptstadt Nairobi ist 225 Kilometer entfernt. Tagsüber dominieren in Meru die Handelsreisenden, Lastwagen mit ihren Fuhren aus Kaffee und Akazien-Holz stehen hupend und ratternd im Verkehrschaos, tagsüber ziehen Frauen zum großen offenen Markt am Rand von Meru, wo die Bäuerinnen auf dem Boden ihre Waren ausbreiten, bräunliche Yam-Wurzeln und Bananen aus der Umgebung, tagsüber fahren ab und an Touristenbusse durch die wuseligen Straßen, auf dem Weg zur Safari in einem der zahlreichen Wildparks in der Umgebung, abends dann verschwinden die Frauen aus der Öffentlichkeit, ab Einbruch der Dunkelheit ist kaum ein Mädchen oder eine Frau mehr allein zu sehen, es bleiben klebstoffschnüffelnde Straßenkinder und Trauben von Männern vor kleinen Bars mit Namen wie Warrior Bar beim warmen Tusker-Bier oder Härterem.

»Sie vernachlässigen Kinder, weil es an Geld fehlt«, sagt Jane Kinuthia, die stellvertretende Leiterin des District Children's Office von Meru, »sie misshandeln Kinder, weil es an Liebe fehlt oder an Interesse.« Jane Kinuthia präsentiert alle Daten und Fakten, sie hat sie alle zur Hand, und beschreibt doch nur die Realität aus Armut, Verwahrlosung und Gewalt. 756 Dollar beträgt das durchschnittliche Jahreseinkommen eines Kenianers, laut jüngstem Bericht der Weltbank, 46,6 Prozent der Bevölkerung von Kenia gelten als arm, hier in der nordöstlichen Provinz, sind es sogar über 50 Prozent. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt, nach einem Bericht von Unicef, bei 55 Jahren. 1,2 Millionen Aids-Waisen leben in Kenia allein, schätzungsweise 1,5 Millionen erwachsene Kenianer leben mit dem Virus, wissentlich oder unwissentlich, jedes Jahr werden es 100.000 mehr, die sich mit HIV infizieren. Selbst die Gleichgültigkeit gegenüber Gewalt an Frauen und Mädchen lässt sich in Zahlen ausdrücken. 57 Prozent aller Mädchen und 54 Prozent aller Jungen zwischen 15 und 19 Jahren halten es, laut einer Umfrage von 2009, für berechtigt, wenn ein Mann seine Frau schlägt. Die Ursachen erklärt das nicht.

Von draußen dringen durch die Fliegengitter der offenen Fenster die Stimmen der wartenden Menschen herein, Männer und Frauen, Mütter und Kinder, Alte und Junge sitzen und stehen auf hölzernen Bänken und Stufen vor Jane Kinuthias winzigem Gebäude, in einem staubigen Hinterhof von Meru. Seit dem frühen Morgen schon versucht sie all die Anfragen unter Kontrolle zu bringen, Sorgerechtsstreitigkeiten sind darunter, Unterhaltsklagen, Scheidungen, und sie gibt selber zu, dass es ihr nicht gelingt. Über 400 bis 500 Fälle von Vernachlässigung oder Misshandlung von Kindern landen pro Monat bei Jane Kinuthia. Fälle sexueller Gewalt muss sie mindestens einmal pro Woche bearbeiten. »Ich habe dauernd Kinder, die Schutz brauchen, die eine Unterkunft brauchen, aber für die ich nichts habe«, sie zuckt die Schultern. »Dann rufe ich Esther an.«

Seit dem Jahr 2006 hat Ripples International 186 Mädchen bei sich aufgenommen, größtenteils wegen sexueller Gewalt, 52 Mitarbeiter hat die Organisation insgesamt, sie kümmern sich um Mädchen wie Grace, aber auch um jüngere Opfer von Misshandlung und Missbrauch. Finanziert wird diese Arbeit von der Kindernothilfe. Neben dem Girls' Rescue Centre, in dem zurzeit 13 Mädchen leben, gibt es noch ein New Start Babies' Rescue Centre, in dem Babys und Kleinkinder im Alter von bis zu zwei Jahren versorgt werden, die Helfer versorgen außerdem noch Tausende Mitglieder der Gemeinde mit Lebensmitteln, und sie bauen an einem Kinderkrankenhaus. Eigentlich sollten die Kinder nur vorübergehend aufgenommen werden, eigentlich sollte Grace nur ein paar Wochen bei Esther im Girls' Rescue Centre leben, so lange, bis die Polizei den Täter in Gewahrsam genommen hat, eigentlich sollten Kinder wie Grace dann zurück zu ihrer Familie, dorthin, wo sie aufgehoben und beschützt sind. Aber dazu müssten Polizei und Gerichte ihre Arbeit machen.

Wer die Geschichte von Grace verstehen will, muss die Polizisten kennenlernen, die Fälle wie die von Grace bearbeiten sollen.

»HIV ist real, Officer. Deine Waffe kann dich nicht beschützen!«, steht auf dem Plakat, direkt neben dem staubigen Tisch in der Schreibstube der Polizeiwache von Meru, »Sei enthaltsam! Sei treu! Benutz ein Kondom!« Warum ein Polizist daran erinnert werden muss, auf der Wache, dass seine Waffe ihn nicht vor Aids schützt, steht nicht auf dem Plakat. In dem Büro gibt es keine Schreibmaschine und kein Telefon. Ein Beamter in Zivil hockt hinter dem Schreibtisch und tut nichts, was sich auf den ersten Blick erschließen würde. Im Innenhof der Polizeistation sitzen Familien, Alte und Junge, zwei Kleinkinder krabbeln im Dreck, niemand kümmert sich um sie. Ihre Mütter wurden eingesperrt, vor 24 Stunden schon, seitdem haben die Kleinen nichts zu essen bekommen, das eine fiebert schon etwas. Das kümmert niemanden. Die Älteren im Hof warten, dass sie einem der Beamten Geld zustecken können, dass sie einen ihrer Angehörigen freikaufen können oder sich selbst. Scheine wechseln ganz unverhohlen den Besitzer.

Dann wird der Junge in den Wachraum hereingeführt, dessentwegen Esther gerufen wurde. Die Polizei hatte ihn auf der Straße aufgelesen und sich nicht mit ihm beschäftigen wollen. »Wie heißt du?«, Esther holt den Jungen zu sich auf die Bank und streicht ihm über den Arm, »David«, David zittert, als habe er Schüttelfrost. »Wo wohnst du, David?« – »Hier.« Vielleicht ist er zurückgeblieben, vielleicht unter Schock, er ist ein Kind, schätzungsweise fünf oder sechs, das hat die Polizisten nicht daran gehindert, ihn einzusperren, in eine winzige Zelle, einen Verschlag, ohne Wasser, ohne Toilette, ohne Stuhl oder Bett. Da saß David dann, den ganzen Tag und die ganze Nacht, bis jemand auf die Idee kam, Esther anzurufen. »Wo hast du das denn her, David?«, Esther zeigt auf das T-Shirt eines Festivals, das David trägt, es ist der einzige Anhaltspunkt für sie, um herauszufinden, woher dieser Junge kommt. Vier Fragen und einen Anruf später hat Esther das Heim ermittelt, dem der verwirrte Junge abhandengekommen ist. Er soll abgeholt werden, später, bis dahin wird David wieder eingesperrt.

Wer die Geschichte von Grace verstehen will, muss erleben, wie Esther und all die anderen Mitarbeiter von Ripples, die Sozialarbeiter, die Psychologen, die Hausmütter, die Lehrerinnen und vor allem die Leiterin von Ripples, Mercy Chidie, mit ihrer Kraft und ihrem Zorn ein System bekämpfen, in dem zwischen Tätern und Opfern zwar theoretisch unterschieden wird, in dem praktisch aber Opfer allzu oft nicht geschützt und Täter nicht verurteilt werden.

»Es gibt Tage, an denen ich verzweifeln könnte«, sagt Esther, »die Krankenhäuser sind oft zu weit entfernt, als dass die Kinder eine gute Versorgung bekämen, die Untersuchungen sind schlecht, die Polizisten haben oft nicht einmal ein Auto, um zu einem Tatort zu fahren, sie müssen ein Taxi nehmen, das Geld kostet, das ihnen niemand erstattet, warum sollten sie das tun? Wir müssen oft eher gegen die Polizei ermitteln als mit ihr.«

Wer die Geschichte von Grace verstehen will, muss Kabuitu aufsuchen, zwei Autostunden von Meru entfernt, den Ort, aus dem Grace stammt, den Ort, in dem sie vergewaltigt wurde.

Die Hütte ist keine Hütte, sondern ein Verschlag. Ein Fenster gibt es nicht, nur ein ausgeschnittenes Rechteck, das von innen mit einem Holzbrett verbarrikadiert ist. Die Tür ist schmal und ohne Griff. Die Hütten stehen direkt nebeneinander, ohne Abstand, eine neben der anderen, unterschiedslos ärmlich, es gibt keine Kanalisation in dieser lehmigen Straße, kein fließendes Wasser und keine Intimität. Ausgeschlossen, dass irgendjemand nicht gesehen haben kann, wie der Nachbar am 3. März 2010 das Kind mit Süßigkeiten zu sich hereinlockte. Ausgeschlossen, dass irgendjemand nicht gehört haben kann, wie Grace hier in diesem düsteren Verschlag geschrien und geweint hat.

»Hier war es«, Grace' Tante Joyce ist mitgefahren, um den Tatort zu zeigen. Das war mutig. In Windeseile hat sich die Nachricht verbreitet, dass die Frau, die den Nachbarn vor Gericht der Vergewaltigung bezichtigt hat, zurückgekehrt ist. Immer mehr Männer und Frauen zieht es in die Straße, die Fluchtwege werden enger, Joyce wird beäugt, stumm, der Nachbar ist für hiesige Verhältnisse ein mächtiger Mann, ihm gehören einige der Verschläge hier in der Straße. Joyce ist mehrfach bedroht worden, die Mutter des Täters hat Geld ausgesetzt, erzählt Joyce auf dem Rückweg zum Wagen, raus aus der zunehmend unruhigen Gruppe, 60.000 Schilling, das sind 466 Euro für ihren Tod.

Joyce hat sich nicht einschüchtern lassen. Sie ist nie zur Schule gegangen. Wie ihre Schwester kann sie nicht lesen oder schreiben. Joyce handelt mit Miraa, sie kauft und verkauft die Droge, die in der Gegend flächendeckend angebaut wird. Damit macht sie keinen großen Profit. Aber sie kann davon leben. Sie hat ausgesagt im Prozess. Den Drohungen zum Trotz. Als der Wagen mit Joyce zum Ortsausgang kommt, steht ein hoch aufgeschossener Mann am Rand einer Bananenplantage und winkt. Er ist einer der Polizisten der Gegend. Einer, der sich nicht hat bezahlen lassen dafür, dass er das Kind aus dem Verschlag befreite. Auch nach der Verurteilung des Täters ist er sich sicher: »Grace kann nicht wieder zurück«, sagt er, »wenn sie Grace fänden, würden die sie töten.«

So bleibt Grace weiter bei Esther. So geplant hatten sie das nicht. Das Heim ist eigentlich auch nicht darauf ausgerichtet, dass Kinder auf Dauer hier bleiben. Aber wohin sollte dieses Kind? Zu wem?

Die Geschichte von Grace ist eine Geschichte ohne Anfang. Und eine Geschichte ohne Ende. Sie bietet keine Antworten, sie wirft nur Fragen auf.



Meru, Kenia
© Sebastian Bolesch
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