28.07.2011
"Mord an der Freiheit" - Kommentar zu Oslo
erschienen in: DIE ZEIT am 28. Juli 2011
Die Anschlaege von Oslo wuerden Norwegen veraendern, hat Ministerpraesident Stoltenberg gesagt, es werde ein Norwegen davor und ein Norwegen danach geben. Noch sind nicht alle Hintergruende des Attentats geklaert, noch sind nicht alle Verbindungen des Attentaeters ueberprueft, aber schon jetzt laesst sich sagen: Auch fuer uns in Europa bedeuten die Anschlaege von Oslo eine Zaesur. Auch wir werden nicht mehr dieselben sein, auch wir koennen nicht mehr dieselben sein nach Oslo.
In den ersten Stunden nach den Bombenexplosionen, als sogenannte Terrorismusexperten in den Nachrichtensendern eilfertig auf al-Qaida und die radikalislamische Gewalt verwiesen , als sich in Internetforen schon »Muslime raus«-Kommentare haeuften, da wurde sichtbar, wie reflexhaft das geworden ist: den Schuldigen unter den Muslimen zu suchen. Wie selbstverstaendlich es geworden ist, Terrorismus mit Islam zu verbinden. Und wie leicht es gewesen ist im vergangenen Jahrzehnt, Gewalt immer nur fuer die Gewalt der anderen zu halten.
Gewiss, seit dem 11. September 2001 gab es dafuer auch Gruende. Die radikalislamischen Taeter von New York, Madrid und London waren niemals nur verwirrte Einzeltaeter, sie operierten in Netzwerken und Zellen, sie liefen nicht einfach Amok, nicht Verzweiflung war ihr Antrieb, sondern politisches Kalkuel, ein Kalkuel, das Angst und Schrecken im Westen verbreiten sollte.
Doch dieser Reflex, die eigene Gesellschaft in einer »Wir gegen sie«-Rhetorik in Stellung zu bringen und die Bedrohung nicht auch im Inneren zu suchen: Das ist nun nicht mehr moeglich. Allzu deutlich markieren die Anschlaege des ersten antimuslimischen Terroristen Anders Breivik einen blinden Fleck im europaeischen Selbstverstaendnis: Nicht allein fanatische Islamisten bedrohen unsere demokratischen Gesellschaften, sondern auch fanatische Islamhasser.
Nur wer die allseits hoerbare Islamfeindlichkeit, die Wahlerfolge rechtspopulistischer
Parteien, die immer ekelhafteren Beschimpfungen von Muslimen in einschlaegigen Foren und Blogs im Internet fuer ungefaehrlich hielt, kann behaupten, Breivik sei »aus dem Nichts« gekommen. Nur wer den zunehmenden Verfall demokratischer Sitten, die Abnahme des Respekts vor Andersdenkenden, die Zunahme fremdenfeindlicher Ressentiments auch im medialen Mainstream nicht sehen wollte, kann ihn fuer eine ueberraschende Erscheinung halten.
Anders Breivik kam nicht aus dem Nichts.
Er mag ein Einzeltaeter gewesen sein, das wird sich noch herausstellen, aber sicher ist schon jetzt: Er war kein Einzeldenker.
Seine ideologische Motivation, wie sie sich in seinem »Manifest« nachlesen laesst, hatte in Europa in den vergangenen Jahren einen wachsenden rhetorischen Resonanzraum . Auf 1500 Seiten agitiert Breivik gegen Multikulturalismus, Feminismus, den "kulturellen Marxismus" der Frankfurter Schule und Muslime, er sieht sich als Teil einer Widerstandsbewegung gegen "Political Correctness", gegen Einwanderung und gegen Toleranz. All das klingt traurig vertraut.
Denn in abgemilderter Form sind die Ueberzeugungen von Breivik in der buergerlichen Mitte Europas laengst gegenwaertig. Die Rede von der Gefahr der vorgeblichen Unterwanderung Europas durch den Islam ist allseits praesent, die Diskriminierung von Muslimen wird unter Verweis auf Sorgen erklaert, die es ernst zu nehmen gelte, und die Kritik am Multikulturalismus wird nicht mehr als Populismus betrachtet, sondern als vernuenftige Einsicht.
Was sagt es ueber eine Gesellschaft, wenn »Gutmensch« ein Begriff der Diffamierung geworden ist? Was sagt es ueber Europa, die Gemeinschaft der vielen, wenn kulturelle Homogenitaet vielen zu einem Vorbild geworden ist? Was sagt es ueber unsere Aufklaerung, wenn Glaubensfreiheit nur noch fuer den eigenen Glauben gelten soll? Was sagt es ueber unsere demokratische Kultur, wenn Hassprediger, solange sie sich gegen Muslime richten, nicht als Hassprediger gelten?
So einzigartig die Anschlaege von Oslo in Europa sind, so sehr erinnerten die Bilder von den zerstoerten Buerogebaeuden im Zentrum der Stadt doch an den Bombenanschlag von Timothy McVeigh im amerikanischen Oklahoma City 1995. Das ist kein Zufall. Anders Breivik artikuliert eine aehnliche »weiße Wut« wie McVeigh: die Aggression eines weißen, maennlichen Milieus, das sich gegen seinen eingebildeten Untergang wehrt. Sie sind keine gesellschaftlichen Außenseiter, sie gehoeren keiner kulturellen Minderheit an, aber diese Taeter empfinden sich als Verlierer einer demokratischen Gesellschaft, die ihnen keinen exklusiven Artenschutz gewaehrt. Mal richtet sich der paranoide Zorn dieser Maenner gegen den Staat, der angeblich ihre Rechte nicht ausreichend verteidigt, mal gegen Einwanderer, die angeblich ihre Privilegien angreifen. Die Opfer dieser Parallelwelt-Vorstellungen variieren. Die Quelle der Gewalt, der Hass auf diejenigen, die angeblich schuld an der eigenen sozialen Bedeutungslosigkeit sind, ist dieselbe.
Die Anschlaege von Oslo werden uns veraendern. Die Anschlaege von Oslo muessen uns veraendern. Dazu gehoert jedoch auch, dass wir die Unterscheidung zwischen denen, die Hass predigen, und denen, die morden, aufrechterhalten. Eine ideologische Aehnlichkeit im Denken ist eben keine Gemeinsamkeit im Handeln. Nicht jeder Islamfeind ist ein Terrorist. Nicht jeder Christ ein christlicher Fundamentalist. Nicht jeder Fundamentalist ist gewalttaetig.
Die erschuetternde Erfahrung von Oslo bietet auch die Chance, manche der Fehler, die nach dem 11. September begangen wurden, nicht zu wiederholen. Die Einschraenkungen der Freiheit im Namen der Sicherheit, die Hermeneutik des Verdachts, mit der Religiositaet mit Demokratiefeindlichkeit verwechselt wurde – all das sollte nach Oslo nicht noch einmal passieren.
Es muessen keine Sicherheitsgesetze verschaerft werden, es muessen nicht blonde Maenner an Flughaefen herausgefischt und gesonderten Sicherheitskontrollen unterzogen werden, es muessen keine »Christen-Konferenzen« einberufen werden, auf denen fromme Organisationen ihre Rechtsstaatlichkeit unter Beweis stellen muessen – und nicht jeder sogenannte Islamkritiker muss nun aufgefordert werden, sich zu distanzieren von den Morden von Anders Breivik.
Wer der fundamentalistischen Gefahr begegnen will, sei sie nun islamisch oder christlich, muss die Werte verteidigen, die angegriffen werden. Wer fuer zu große Toleranz und sein Eintreten fuer kulturelle Vielfalt angefeindet wird, muss die soziale Kompetenz fuer Toleranz und Offenheit gegenueber Andersdenkenden staerken. Wer als zu liberal gegenueber Frauen, Muslimen und Linken attackiert wird, der sollte diesen Liberalismus als humanistisches Erbe der Aufklaerung hochhalten – und sich nicht dafuer schaemen.
Nicht von Einwanderern droht Gefahr, sondern von Extremisten. Ob sie christlich oder muslimisch, politisch oder religioes argumentieren. Gestern waren es Juden, heute sind es Muslime, die als fremd und uneuropaeisch bezeichnet werden. Morgen kann es eine andere Minderheit sein, die ausgeschlossen werden soll. Es ist gleich, wen es als Naechsten trifft, wer als Naechstes als fremd oder anders aus dem sozialen Gefuege abgeschoben werden soll. Vielleicht gehoeren wir heute zufaelligerweise zur gefaelligen Mehrheit. Aber morgen
vielleicht schon nicht mehr. Wer in Freiheit leben moechte, muss sich gegen jede Form der Monokultur wehren, weil jeder irgendjemand anderem fremd ist.
Terroristische Gewalt wird sich nie vollstaendig verhindern lassen. Aber wir koennen verhindern, dass Terroristen ihre ideologischen Ziele erreichen, indem wir ihrem Fundamentalismus unsere Liberalitaet entgegenhalten. Die beste Waffe gegen Terrorismus besteht deswegen darin, die demokratische Kultur offenzuhalten, vernuenftigen Dissens und Kontroversen als Vorzuege einer freien Gesellschaft zu genießen, das soziale Miteinander bunt und vielfaeltig zu gestalten und ein Europa zu schaffen, in dem Gleichwertigkeit niemals Gleichartigkeit voraussetzen darf.