Carolin Emcke
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26.05.2011

Getötete Zeugen

erschienen in: DIE ZEIT am 26. Mai 2011

Anton Hammerl ist tot. Der suedafrikanische Fotograf starb, wie jetzt erst bekannt wurde, schon vor Wochen, am 5. April, erschossen von Gadhafis Truppen. Er ist der fuenfte Journalist, der im Krieg in Libyen getoetet wurde. Im Maerz starben die Reporter Mohamed al-Nabbous und Ali Hassan al-Jaber. Zwei Wochen nach Hammerls Tod wurden die Fotografen Tim Hetherington und Chris Hondros getoetet .

Ich kannte Anton Hammerl nicht. Aber Chris Hondros kannte ich. Wir haben einen langen Abend in New York verbracht, gelacht und geredet, über den Krieg im Irak und Guantánamo, aber vor allem ueber die Musik von Gustav Mahler. Chris liebte Musik.
Den Krieg liebte er nicht.
Das ist ein Mythos, dass Kriegsreporter fasziniert seien vom Krieg, dass sie die Gefahr suchten, dass es suechtig mache, dieses Leben im Wendekreis der Gewalt.

Und es ist der ewig selbe Reflex des Zweifels, der auch jetzt, nach dem Tod von Anton Hammerl, wieder auftaucht: Warum begeben sich Menschen wie er in den Krieg? Was treibt Kriegsreporter nur an? Braucht der, der das Grauen abbildet, nicht ein voyeuristisches Verhaeltnis zu Tod und Versehrung? Muss nicht zynisch sein, wer sich dem Leid der anderen aussetzt?
Mir sind sie widerlich, diese Unterstellungen. Nicht nur jetzt, da ein Kollege ermordet wurde, der das Leid der anderen dokumentieren wollte. Sondern immer.

Niemand, der sich dem unstillbaren Kummer und der Verzweiflung hilfloser Menschen aussetzt, niemand, der zerrissene Schaedeldecken oder vergewaltigte Kinder gesehen hat, niemand, der Fluechtlinge hat trauern hoeren, der ihre Gesaenge kennt, ihre Zelte, ihre Wuerde auch, ist fasziniert von Krieg und Gewalt.

Wer in Laender voll Tod und Zerstörung reist, den widert Krieg an; wer nicht nachlassen kann, jeden Krieg wieder neu zu dokumentieren, der kann sich nicht daran gewoehnen, dass Unrecht und Gewalt uns selbstverstaendlich oder gewoehnlich erscheinen sollen.
Nein, nicht wir, die als Reporter in Krisenregionen reisen, um Zeuge zu werden, um den Menschen dort eine Stimme oder ein Gesicht zu verleihen, sind zynisch, sondern die, die annehmen, es koenne das geben im Angesicht des Leids der anderen: Gewoehnung. Ist es nicht vielmehr zynisch, zu wissen, was an anderen Orten der Welt geschieht, und sich nicht darum zu scheren?

Nein, nicht wir, die aufbrechen in den Kongo, den Irak oder nach Libyen, um Bilder vom Krieg zu machen, sind voyeuristisch, sondern viel eher die, die sich über die Aesthetisierung des Leids echauffieren oder über die Kaltblütigkeit des Fotografen. Ist nicht vielmehr das kaltbluetig? Nur noch die Bilder zu verhandeln, aber nicht mehr das, was auf ihnen dargestellt wird?

Viele, die ueber Kriege berichten, lassen auch deshalb nicht ab von ihrer Arbeit, weil sie sich beschenkt fuehlen, auf jeder Reise wieder, von der Gastfreundschaft und Großzuegigkeit gerade jener, die kaum etwas haben, von der Froehlichkeit derer, die sie widrigen Umstaenden abtrotzen muessen. Kriege sind nie monolithische Erscheinungen, es werden Hochzeiten gefeiert im Krieg und Kinder geboren, es gibt mehr zu teilen, wenn es wenig gibt, all das erleben wir auch, und es erfuellt uns oft mit Dankbarkeit, weil es neben all dem Schrecken und der Trauer auch die Demut naehrt und das groeßere Bewusstsein für die doch so versehrbare Wuerde der Menschen.

Und oftmals sind es ebendiese Menschen, die einen einladen zu bleiben, die einen bitten, sich ein Bild zu machen, die ihre Geschichten erzaehlt wissen wollen, die fragen: »Schreibst du das auf?«, oder: »Machst du ein Foto?« Sie ziehen einen mit zur Großmutter drei Straßen weiter, zu dem verwundeten Kind im Krankenbett, in die umzingelte Stadt. Und man geht mit. Nicht einfach wegen des Bildes. Sondern um ihretwillen.
Viele, die über Kriege berichten, lassen auch nicht ab von dieser Arbeit, weil das eigene Versagen sie umtreibt, das Gefuehl, die furchtbare Wirklichkeit des Krieges nicht angemessen abgebildet zu haben. So bleibt die unerfuellte Suche nach dem richtigen Bild, dem einen richtigen Ausdruck, der das sinnlose Sterben vielleicht beenden koennte und den es nie geben wird.

Ein Fotograf ist im Krieg getoetet worden, und das loest auch einen unglaeubigen Schrecken aus. Ein Journalist ist ermordet worden? Einer von uns? Wie kann das sein? Im Zeitalter, da
Kriege »humanitaere Interventionen« heißen, da Bilder von Toetungen und Bombardements aus den Bordcomputern von Kampfflugzeugen aseptisch und blutleer wie Videospiele daherkommen, wird leicht vergessen, dass Kriege, gerechte oder ungerechte, legitime oder illegitime, aus Gewalt bestehen.
Im Krieg wird getoetet, aus der Ferne und der Naehe, Menschen werden vertrieben, vergewaltigt, sie sterben langsame und schnelle Tode, nicht nur Soldaten und Milizionaere, sondern auch Frauen und Kinder, Unbeteiligte eben wie diese drei, Tim Hetherington, Chris Hondros und Anton Hammerl, die nicht ausgezogen waren, zu toeten, sondern die Schrecken des Krieges zu bezeugen.




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