Das Symbol der Veränderung ist unscheinbar. Der H-906 schimmert braun-metallic mit einer grünen Anzeige auf Augenhöhe. „Pay here" steht in weißen Großbuchstaben auf der Vorderseite, „idfa' huna" heisst es, in arabischer Schrift, darüber. Der bilinguale Automat der Serie „Pay and Display" des chinesischen Herstellers bedient die Bedürfnisse moderner Städter, er lässt sich mit Münzen, Smart Cards oder Mobiltelefonen bezahlen, und er ist der Stolz der Stadtverwaltung von Ramallah, die sich als erste palästinensische Stadt und einzige im arabischen Raum preist, die über ein solch modernes Park-Schein-System verfügt.
Neben den Parkscheinautomaten knien entlang der Hauptstraßen von Ramallah dieser Tage junge Burschen, die leuchtend grüne Fikus-Bäumchen in frisch gegrabene Löcher pflanzen. Seit einer Weile gibt es sogar Straßen-Schilder in Ramallah. Und die Schilder geben nicht nur den Straßen neue Namen, wie die „George al-Saa"-Straße, sondern sie erklären auch gleich, wer George al Saa war, dass er gegen das Britische Mandat aufbegehrte und von den Briten zum Tode verurteilt wurde. Zwar sprechen die meisten Bewohner immer noch „von „Share' Ejjaj", der Hühner Straße, weil hier die Verkäufer neben den Käfigen mit ausgemergelten Hennen und flauschigen Hasen stehen, aber immerhin gibt es nun verbindliche Namen, an denen sich auch Zugezogene oder internationale Besucher orientieren können.
Vor kurzer Zeit hätten das nicht wenige für einen Scherz gehalten: Parkschein-Automaten und Straßenschilder im Westjordanland. Als hätten die Palästinenser keine anderen Sorgen, als hätten sie das Geld, um Parkzettel zu ziehen. Als gäbe es nicht wichtigere Fragen im Nahost-Konflikt: die fortschreitenden Landnahmen durch jüdische Siedler, die andauernden Gewaltausbrüche von radikal-islamistischen Gruppen in Gaza, die ideologischen Zerwürfnisse zwischen Fatah und Hamas, die stagnierenden Verhandlungen mit Israel, die wortreiche Handlungsarmut der amerikanischen Administration unter Barack Obama.
Aber die Parkschein-Automaten sind keineswegs mehr überraschend in einer Stadt, die sich in den letzten Jahren dramatisch gewandelt hat. Seit Salam Fayyad, der promovierte Ökonom und frühere Weltbanker 2007 das Amt des Premierministers übernommen hat, sind Parkschein-Automaten keine unwichtigen Details mehr. Sie stehen für die Bemühung der Regierung Fayyad in Ramallah ein Zeichen für den Wandel der politischen Kultur zu setzen. Fayyad will demonstrieren, dass die Palästinenser bereit sind für einen eigenen Staat, dass sie eine Verwaltung aufbauen können, ein Rechtssystem und eben eine politische Kultur.
„Wir wollen Sicherheit und Stabilität herstellen," sagt Jamal Sakout, der Berater des Premierministers Fayyad, „damit Geschäftsleute das Vertrauen haben, hier zu investieren." Sakout sitzt auf dem Sofa in seinem klassisch-modernen Büro, das keines der üblichen Arafat Bilder mehr ziert, keines der allgegenwärtigen Al-Aqsa-Moschee-Plastikmodelle thront hier auf dem Schreibtisch, stattdessen steht auf dem Boden ein großer Abzug von Picassos „Guernica". In fließendem Englisch listet Sakout all die erfolgreichen Projekte auf, die Straßen und Schulen, die Krankenhäuser und Müllanlagen, die in den letzten drei Jahren entstanden sind, aber das ist nicht alles. „Das Wichtigste ist, dass die Palästinenser selbst sehen, was wir erreichen können, dass das Vertrauen in die eigene Gesellschaft und Politik zurückkehrt – das ist das politische Ziel all dieser Anstrengungen."
Ramallah blüht. Die 30.000 Einwohner Stadt entwickelt sich mehr und mehr zur Vorzeige-Metropole eines Staats, den es noch nicht gibt. Noch immer gibt es Beduinen mit Ziegenherden und Kamelen, die über die Grünflächen grasen, noch immer gibt es in der Altstadt die offenen Steinöfen, in denen das Fladenbrot gebacken wird, noch immer gibt es am zentralen Manara-Platz mit den Löwenstatuen die Schilder mit Photos von Gefangenen in israelischen Gefängnissen. Aber all das wirkt beinahe wie sentimentale Folkore, Erinnerungen an eine vergangene Zeit. Ramallah ist eine moderne, quirlige Stadt geworden, in der vor allem die jungen Palästinenser, die von ihrem Studium im Ausland, aus London oder Boston oder Paris, zurückgekehrt sind, einen internationalen Flair und eine Leichtigkeit verbreiten, der bis vor kurzem undenkbar schien.
Seit einigen Monaten lädt das 5 Sterne „Möwenpick" Hotel in 172 edel eingerichtete Zimmer. Der riesige Komplex bietet alles, was internationale Geschäftsleute wünschen könnten: eine mit privatem Sicherheitspersonal überwachte Auffahrt, ein Restaurant, das „Allegro", mit italienischer Küche, eines mit klassisch-arabischen Speisen, „Al Riwaq", eine große, offene Bar mit Blick auf den Pool, ein Gym, Konferenzräume, und, in den obersten Etagen, großräumige Suiten, „Diplomatic Suites", in denen auch hochrangige Funktionäre und Repräsentanten absteigen könnten, und, sollten die Palästinenser jemals einen eigenen Staat und dementsprechend Besuch bekommen, gibt es noch die „Presidential Suite".
Fast täglich entstehen neue Immobilien-Projekte: teure Wohnanlagen, edlen Villen mit aufwendig angelegten Parks und Gärten, schicke Restaurants mit Blick über die angrenzenden Hügel. Der Bauboom prägt das Stadtbild von Ramallah, Baukräne überragen Werbebanner, die ein Leben in Luxus und Eleganz versprechen. In der Nähe von Ramallah entsteht gerade eine neue Stadt mit 5000 Wohneinheiten. Im vergangenen Jahr lag das Wirtschaftswachstum im Westjordanland bei 7 Prozent, das Pro-Kopf-Einkommen stieg auf 1390 US-Dollar.
Internationale Künstler gastieren schon seit einigen Jahren Ramallah, sie treten gerne im modernen Prachtbau des „Ramallah Cultural Centre" auf. Von japanischen Tanzfestivals bis Konzerte mit dem Beethoven-Zyklus gibt es hier alles. Aber neben der Welt internationaler Produktionen hat sich in Ramallah eine eigene lebendige Szene entwickelt, aus jungen Theatermachern, Musikern und Tänzern, sie kommen aus allen Teilen des Westbank und ziehen nach Ramallah. „Das Theater in Palästina war furchtbar depremierend früher," sagt die junge Performerin Mana Awad, „du konntest nicht machen, was Du wolltest," Mana sitzt im ersten Stock des hippen Cafe Zamn und trinkt einen Cafe Latte, zwischendurch muss sie Autogramme geben oder posieren für Fotos mit den Menschen vom Nachbartisch. Die Stand-Up-Comedian ist eine absolute Kultfigur in der Westbank. „Theater war immer abhängig von den Geldgebern. Kam das Geld aus Norwegen, spielten wir Ibsen. Kam es aus England, spielten wir Shakespeare."
Heute spricht Mana nur noch eigene Texte. Oder die ihre Partners Imad Forajin. In ihrer „Gaza-Ramallah" Show haben die beiden Mit-Zwanziger alle Tabus gebrochen, die die palästinensischen Künstler sonst zu respektieren hatten. Sie haben sich lustig gemacht über Fatah und Hamas, über die alltägliche Korruption, die Streitereien, die Verlogenheit der eigenen Gesellschaft, über Abu Mazen. Und sie hatten Erfolg. „Wir mussten die ganze Sprache des Theaters verändern," Mana lacht und ahmt das traditionell-steife Deklamieren von Theater-Texten nach, „die Menschen sind hungrig danach, endlich eine Sprache zu hören, die auch ihre ist." 20.000 Freunde hat Mana auf Facebook, sie tritt im Fernsehen auf, die tourt durch die Städte, aber ihr kreatives Zentrum ist Ramallah. „Ramallah ist einzigartig. Hier pulsiert es, hier entstehen Ideen und eine andere Gesellschaft."
Abends, vor allem Donnerstags, wenn das Wochenende im Westjordanland beginnt, ziehen die Jugendlichen in die neuen Clubs und Bars von Ramallah und feiern als gäbe es dafür einen Grund. „Wir wollten einfach nur einen schönen Ort inmitten des ganzen Wahnsinns," sagt Sari Sakakini und lacht. Der Besitzer des „Orjuwan", des angesagtesten Nacht-Clubs und Restaurants von Ramallah, sitzt vor dem holzverzierten offenen Kamin und genießt das illustre Publikum, das sich bei ihm einfindet, um zwischen peruanischem Ceviche, Kürbis-Apfel-Risotto oder palästinensischer Tabuleh zu wählen. Im Orjuwan haben Sari und seine zwei Geschwister einen Traum erfüllt: ein Restaurant aus schönsten Materialien, mit dunklen Bastmöbel, weißen Leinenpoltern, naturfarben alles, und einer exquisiten internationalen Küche.
„Die Leute haben gedacht, wir seien verrückt, dass wir soviel investieren," sagt Sakakini. Mehr als 600.000 Dollar haben sie in den Umbau und die Ausstattung gesteckt, und so freut sich der junge Unternehmer wie attraktive, geschminkte Frauen im kurzen Schwarzen die Lounge ebenso frequentieren wie ganze Familien zum Geburtstagsfeiern, NGO-Mitarbeiter aus Europa und den USA kommen ebenso gern hierher wie Palästinenser aus der neu aufstrebenden Mittelschicht von Ramallah. „Meine Eltern sind Flüchtlinge, sie haben das, was alle dieser Generation haben: sie haben Angst, morgen wieder alles zu verlieren," Sakakini reibt die Hände in der Luft, als ob sich darin das Leben der Eltern noch einmal, wie 1948, auflösen würde, „aber wir wollen uns nicht mehr sorgen."
Sakakini bestellt ein Schälchen mit frischen Mohrrüben-Stangen und Sellerie und bietet sie an, bevor er weiter spricht. „Wir alle brauchen nur etwas selektive Ignoranz", sagt er und erklärt, was er damit meint: fast alle Waren, alles, was er für das Restaurant braucht, von den Küchengeräten, über den Wein bis hin zum Parmesankäse, bezieht Sakakini aus Israel, er ist abhängig davon, ob die Checkpoints für seine Lieferungen geöffnet werden, ob im Hafen von Ashdod Produkte für einen palästinensischen Kunden in der Westbank bearbeitet werden. Das kostet Zeit und Geld. Wenn er dauernd darüber nachdächte, wie unsicher die Lage ist, dann könnte er nicht weitermachen im Orjuwan. „Wir haben einen schönen Ort geschaffen, ja, aber wir leben immernoch in einem 5 Sterne Gefängnis."
Ramallah, die „Anhöhe Gottes", boomt, die junge Generation, Menschen wie Sakakini oder Mana Awad haben keine Angst mehr, sie wollen sich nicht mehr in den dogmatischen Zirkel aus Unterdrückung und Gewalt zwingen lassen. Aber die Grenzen des Wachstums und die Grenzen ihrer Freiheit sind noch überall sichtbar. Im Norden der Stadt kontrollieren israelische Soldaten die Verbindungsstraße nach Nablus, ein grauer Überwachungsturm und mobile Sperren deuten an, dass hier jederzeit gesperrt werden kann, am östlichen Rand Ramallahs, gegenüber von el Bireh, erheben sich die Häuser der Siedler von Psagot über die Stadt, einen direkten Zugang gibt es nicht, die Straßen aus Ramallah führen alle um die Siedlung herum, im Süden liegt der große Checkpoint von Qalandia mit seinen Drehschleusen, Röntgen-Geräten und Schranken, die passieren muss, wer in das 15 Kilometer entfernte Jerusalem will.
Ramallah ist eine Insel im Westjordanland, eine sogenannte „Area A"-Insel zwar, die die Palästinenser selbst verwalten dürfen, aber eben eine Insel. Zugänge oder die Gebiete um Ramallah herum kontrollieren die Israelis. Achtzehn Jahre nach den Friedensverträgen von Oslo verlaufen die Hoheitsansprüche und Machteinflüsse kreuz und quer durch das Westjordanland. Ursprünglich nur als eine Übergangsregelung gedacht, bezeichnete der Terminus „Area A" all jene Städte, in denen Sicherheitsfragen und die öffentliche Verwaltung den Palästinensern unterstehen sollten, „Area C" all jene Gegenden, ländliche Gebiete und Siedlungen, die unter israelischer Autorität stehen sollten, bis sie auch an die Palästinenser übergeben würden. Bis heute gehören 60 Prozent des Westjordanlandes immernoch zu „Area C", und bleiben damit für Premierminister Fayyad unkontrollierbar.
„Wenn Diasporah Palästinenser nach Ramallah kommen, denken sie: ‚Wow, das ist ja nicht schlecht," spottet der Unternehmensberater Sam Bahour, „aber in Wahrheit leben wir hier von den Brotkrumen, die die Besatzung uns lässt." Fünfzehn Jahre lang musste der Palästinenser mit amerikanischem Pass alle drei Monate ausreisen, um sein Visa zu erneuern, fünfzehn Jahre lang flog Sam Bahour von Tel Aviv aus zu Verhandlungen mit Geschäftspartnern in London oder New York, bis ihm gedroht würde, er dürfte nicht mehr einreisen, wenn er nicht seinen Status änderte. „Von dem Tag an, da ich ein offizieller Palästinenser wurde," sagt Bahour, „wurde ich zum Sicherheitsproblem". Seine Kunden in Jerusalem, immerhin ein Drittel seiner Beratertätigkeit, verlor Bahour, für Reisen ins Ausland muss der Geschäftsmann nun über Land, nach Jordanien ausreisen. „Wir dürfen weder über unsere Resourcen selbst verfügen, noch über unsere Grenzen, noch über Wasser oder Logistik. Wie soll das gehen?"
Der Boom in Ramallah, von dem alle so schwärmen, für Bahour ist das nichts als eine Fata Morgana, „Wir leben in einer Blase", sagt er, „und sie wird, wie die Blase des amerikanischen Finanzmarkts zerplatzen." Der Großteil der Wirtschaft hängt an der Nabelschnur der ausländischen Geberländer. 1, 14 Milliarden Dollar erhielt die palästinensische Regierung im Jahr 2010 von der internationalen Gemeinschaft, 2011 sollen es nach Wunsch von Fayyad nur noch 950 Millionen sein. Die Strategie ist, die Abhängigkeit von aussen zu mindern. Nicht nur Unternehmer wie Sam Bahour sorgt der Aufbau einer irrealen Wirtschaft, eine bezuschusste Parallelwelt aus internationalen Organisationen und Spenden, die mit dem privaten Sektor einer selbstständigen Wirtschaft nichts zu tun hat.
Auch der jüngste Bericht der Weltbank vom April 2011 warnt vor einer ungesunden Entwicklung in Ramallah und dem Westjordanland. Bei allem Lob für die Erfolge der Regierung Fayyad und den Wandel der politischen Kultur, dem Kampf gegen Korruption und Kriminalität, weisen die Autoren daraufhin, dass der eigene Markt sich nicht erholen werde, solange israelische Restriktionen zu natürlichen Resourcen und anderen Märkten bestehen blieben.
Im September wollen die Palästinenser auf der UN-Generalversammlung einen eigenen unabhängigen Staat ausrufen. Die Chancen dafür stehen schlecht. In seiner Grundsatzrede zum Nahen Osten hat Barack Obama dem Szenario schon eine Absage erteilt. Aber die Regierung Fayyad baut in der Zwischenzeit weiter, an Ramallah und dem Westjordanland, die die internationale Gemeinschaft beschämen soll durch ihren Glanz. „Der Süd-Sudan hat überhaupt keine funktionierenden Institutionen und soll ein eigener Staat werden," sagt Jamal Sakout und rührt in seiner Mocca-Tasse als könne er so die Staatsgründung beschleunigen, „und schauen Sie sich um: da sollen wir nicht reif sein?"