Ein Elefant in Gaza – das wäre auch nicht erstaunlicher als alles andere, was in den letzten Wochen in der arabischen Welt geschehen ist und weiter geschieht. Und das Unwahrscheinliche ist nicht nur in Ägypten, Tunesien und Libyen möglich geworden, sondern auch hier, im 40 Kilometer langen Gaza-Streifen. Auch wenn es in den letzten Tagen wieder zu Gewalt zwischen radikalen Islamisten in Gaza und Israel gekommen ist: Der arabische Frühling hat die Jugend von Gaza erreicht. Sie können die über Generationen vererbte Sprache des Kampfes nicht mehr hören, sie wollen den politischen Stillstand durchbrechen, in dem sich die Radikalen, diesseits und jenseits der Grenze, eingerichtet haben.
Begonnen hatte es an einem Abend im Januar mit einem Gespräch unter Freunden, erinnert sich Abu Yazan, der seinen wahren Namen nicht nennen kann. Sie wollten sich nur etwas wünschen, ohne jede Wahrscheinlichkeit, ohne jeden Anspruch auf Erfüllung – nur etwas ersehnen. Selbst das traute sich ja niemand mehr, seit die militanten Islamisten von der Hamas in Gaza regierten. »Wovon träumst du?« – »Ich möchte heiraten.« – »Warum heiratest du nicht?« – »Ich habe keine Arbeit.« Damit fing alles an.
Abu Yazan sitzt im Café Mazaj, dem Treffpunkt der jungen Aktivistenszene von Gaza, einem der wenigen Orte, an dem unverschleierte Frauen von Beschimpfungen verschont bleiben, an dem junge Männer und Frauen zusammen an den runden Tischen bei einem Tee sitzen können, auch wenn sie nicht verheiratet sind. Abu Yazan ist übermüdet und etwas nervös, kaum ein Tag vergeht ohne Debatten darüber, wie die Bewegung, die er und seine Freunde ausgelöst haben an jenem Abend, fortgeführt werden kann. Es vergeht auch kaum ein Tag, an dem er nicht von der Hamas verhaftet und geschlagen und bedroht wird, kaum ein Tag, an dem er sich nicht wundert, was auf einmal alles möglich scheint. »Wir hatten keine politische Vision«, sagt Abu Yazan und zählt mit schnellen Fingern die 33 orangefarbenen Perlen der Gebetskette in seiner Hand, da waren nur acht Jugendliche, Studenten der verschiedenen Universitäten von Gaza-Stadt, die sich nicht zufriedengeben wollten mit ihrem Leben, die nicht einfach stumm erdulden wollten, was ihnen die ältere Generation der Palästinenser als unantastbare Wahrheit übertragen hatte: dass das Martyrium eine Tugend sei, dass die Ursache für alles Übel der palästinensischen Gesellschaft allein die israelische Politik und dass der Stillstand aus Dogma und Angst unveränderbar sei.
»Wir wollten uns einfach nur ausdrücken«, sagt Abu Yazan, und so schrieben sie sich in Facebook den Zorn vom Leib: »Fuck Hamas. Fuck Israel. Fuck Fatah. Fuck UN. Fuck USA! Wir, die Jugend von Gaza, haben die Schnauze voll von Israel, der Hamas, der Besatzung, den Menschenrechtsverletzungen und der Gleichgültigkeit der internationalen Gemeinschaft! (...) wir sind wie Läuse zwischen zwei Fingernägeln, leben in einem Albtraum innerhalb eines Albtraums, da ist kein Raum für Hoffnung, kein Raum für Freiheit.«
Keiner hat mit der wuchtigen Reaktion gerechnet, die dann kam. »Wir hatten eine Weile gar nicht wieder reingeschaut ins Netz«, erzählt Abu Yazan und lacht, »wir waren völlig überrascht, zu sehen, was unser Text ausgelöst hatte.« Binnen Stunden hatten 4000 Leser euphorisch auf das »Manifest« reagiert: Eine Generation fühlte sich befreit. Jeden Tag sammeln sich seither mehr in Foren im Internet, starten auf Facebook Debatten über ihr Leben und ihre Sehnsüchte und organisieren die Opposition einer Jugend.
»Wir sind keine politische Bewegung«, sagt Abu Yazan, das ist ihm wichtig, »wir sind eine soziale Bewegung.« Mit Politik will diese Generation nichts zu tun haben. Das Politische ist für sie verdorben, sie assoziieren es nur mit Gewalt und Propaganda, mit ohrenbetäubenden Slogans, die aus riesigen Boxen dröhnen, mit denen die Wagen der Hamas oder des Islamischen Dschihad durch die Straßen von Gaza fahren. Der revolutionäre Gestus der neuen Generation besteht darin, »ich« zu sagen in einer Welt der verfeindeten »Wir«: Ob Israel oder seine palästinensischen Gegenspieler, sie alle denken in Kollektiven.
Die Sprache der Veränderung dagegen ist intim, individualistisch. Deswegen ist das Internet ihr Medium – nicht allein, weil man darin anonym sein kann, leidlich sicher vor der Verfolgung der Sittenwächter oder der Geheimpolizei der Hamas. Sondern weil hier eine Sprache der Subjektivität zu entdecken ist. Die Öffentlichkeit des Internets, das ist das Paradox der Befreiung in Gaza, erlaubt diesen Jugendlichen eine freie Privatheit, die sie im allseits kontrollierten Privatleben einer religiös-konservativen Gesellschaft nie hatten. »Wir haben keine politische Agenda«, sagt Abu Yazan, »wir wollen nur Rechte.«
»Nur Rechte«, das hieße für palästinensische Mädchen, mit einem Jungen zu sprechen, ein Konzert besuchen zu dürfen, einfach so, draußen, mit anderen zusammen, wo jeder kommen und zuhören könnte, nicht in einem Hotelzimmer hinter verschlossenen Türen. Oder ein Bier zu trinken, hier in Gaza, wo Alkohol verboten ist, und nicht darüber nachdenken zu müssen, wie man die Scherben des hastig zerbrochenen Glases heimlich entsorgt. »Nur Rechte«, das hieße, ins Kino gehen zu können, wie andere junge Leute in der ganzen Welt, und nicht heimlich zu Hause YouTube-Filmchen betrachten zu müssen. »Nur Rechte«, das hieße, am Strand von Gaza, wo die blaugrünen Wellen sich spät brechen, schwimmen zu dürfen, auch als Mädchen, oder Wasserpfeife zu rauchen, Hip-Hop zu spielen, diese als westlich-unsittlich verachtete Musik, lieben zu dürfen ohne Angst.
Die junge Bloggerin Asma al-Ghoul wirkt so selbstverständlich angstfrei, wie aus einer anderen Welt nach Gaza in dieses Café verpflanzt, sie trägt die Haare offen, ohne Schleier, sie ist geschieden und lebt mit ihrem sechsjährigen Sohn zusammen. Sie schreibt, nicht nur als Journalistin, sondern vor allem als Bloggerin, das hat sie gelernt auf einem Seminar in Tunis, und es sind ihre Blogs, in denen sie die Verzweiflung ihrer Generation artikuliert. »Vor der Revolution in Ägypten hat mich jeder nur eine ›Querulantin‹ genannt«, sagt sie und schüttelt ihre Haare, »aber jetzt sind wir Hunderte, die in Blogs und auf der Straße für eine größere Freiheit kämpfen.« Asma erzählt, wie sie einmal aus Protest am Strand entlangradelte, mehrere Kilometer weit, ein Skandal, weil Frauen in Gaza nicht Fahrrad fahren dürfen. Als plötzlich ihr Handy klingelt, zeigt das Display: »Private Nummer«. Sie nimmt nicht ab und sagt: »Nur Hamas hat eine private Nummer.«
Seit die Feministin zum Symbol der Protestbewegung wurde, ist Asma al-Ghoul Drohanrufe gewohnt, und so zieht die 26-Jährige aus ihrer Handtasche ein Aufnahmegerät und ein großes Mikrofon. »Wenn ich es aufnehme, kann ich deren ›Wir bringen dich um‹ auf meine Internetseite stellen.« Sie lacht nicht, es ist ihr ernst. »Hamas und Fatah sind nur eine andere Form der Besatzung. Sie sind kein Widerstand gegen Unterdrückung, sie unterdrücken selbst.«
Es sind Sätze wie diese, die das ganze Ausmaß der Veränderung in Gaza deutlich machen. Immer war der palästinensische Blick auf die anderen gerichtet, auf Israel, die Besatzer, die abgezogen sind, aber eine Schlinge aus Grenzen und Blockaden um das Territorium hinterlassen haben. Erstmals ist nicht mehr nur Israel Adressat der Kritik, jetzt gibt es den Gegner auch innen: die Repression der Hamas, aber auch ihre Zerstrittenheit mit der Fatah-Partei, die im Westjordanland regiert, ein Konflikt, der die palästinensische Gesellschaft gespalten hat. »Sie nutzen die israelische Blockadepolitik nur als Ausrede, um uns unsere Rechte vorzuenthalten«, sagt Asma, »das muss sich endlich verändern.«
Im sichtbaren Alltag von Gaza hat sich noch nicht viel verändert. Noch immer kontrolliert Israel den Zugang im Norden und Ägypten die Grenze im Süden. Abgemagerte, wunde Pferde ziehen auf der Straße klapprige Karren, Schrotthalden türmen sich neben Brachflächen, auf denen früher einmal Häuser standen, die im Krieg 2009 zerbombt wurden. Auf dem Markt gibt es Mangold und Gurken, frische Erdbeeren und Orangen von den Feldern, in der Stadt leben die Männer von winzigen Reparaturen (eine Wegwerfkultur kann sich in Gaza niemand leisten), die Schaufenster sind leer. In den Werkstätten stehen knarrende Transistorradios, alte Waschmaschinen, rostige Motoren, überall dröhnt und hämmert es. Strom gibt es nur acht Stunden am Tag, gefolgt von acht Stunden ohne Strom, dann beginnt der Lärm der Generatoren bei denen, die sie sich leisten können. Noch immer braucht es die illegalen Tunnel im Süden des Gaza-Streifens, bei Rafah, um an verbotene, aber dringend nötige Waren zu kommen, die aus Ägypten eingeschmuggelt werden.
An der Grenze zu Ägypten, im palmengesäumten Niemandsland, das früher die Israelis kontrollierten und das heute die Palästinenser selbst verwalten, hocken die wenigen Familien, die ein Ausreisevisum bekommen haben, im weißen Flachbau der Departure Hall. Sie sitzen neben ihren Koffern und prall gefüllten Plastiktüten und warten, halb freudig, halb ängstlich, denn ausreisen dürfen viele nur, wenn sie schwer krank sind und in einem Krankenhaus in Ägypten behandelt werden müssen.
Im ersten Stock, dem Büro von Ghazi Hamad, dem eleganten Manager der palästinensischen Seite der Grenze zu Ägypten, läuft tonlos der Fernseher mit Reportagen der Korrespondenten von al-Dschasira über die Befreiungsbewegungen in der arabischen Welt. Was sie bedeuten für Gaza? »Wir sind Teil der arabischen Welt, wir wollen auch ein Leben in Würde«, sagt Ghazi in fließendem Englisch und schaut auf den kleinen Globus, der in einer Ecke des Zimmers steht und von Reisen träumen lässt, die es für die Palästinenser in Gaza nicht gibt. Ob das neue Regime in Kairo die Grenze nun öffnen werde? »In Ägypten ist es noch instabil«, sagt Ghazi, »im Moment dauert alles eher länger als früher, weil es drüben nicht mehr genügend Polizeibeamte gibt.« Aber der arabische Wandel ist für Ghazi schon jetzt unumkehrbar: »Israel hielt sich immer für die einzige Blume in der Wüste, das ist nun anders.«
Dass die Blume, die nun in der Wüste blüht, auch die Hamas irritieren muss, sagt der Hamas-Angestellte Ghazi Hamad nicht. Für die Herrscher über den Gaza-Streifen ist neben der Bedrohung durch die internationale Gemeinschaft, die sie nicht anerkennt, und neben der Blockade durch die israelische Regierung nun auch die Gefahr einer Jugend herangewachsen, die auf die islamistische Propaganda nicht mehr hereinfällt und die auf Demonstrationen eine Versöhnung mit der Fatah im Westjordanland fordert. Noch protestieren nur Hunderte wie auf dem Marsch am Internationalen Frauentag oder Tausende wie auf einer Demonstration am 15. März. Aber es ist eine Bewegung von unten, und dass sie im Namen der nationalen Einheit spricht, gibt ihr besondere Kraft.
Und so windet sich der Hamas-Sprecher Ihab al-Ghusain, der das Innen- und Sicherheitsministerium vertritt, als er versucht, die Deutungshoheit über die Ereignisse zu behalten. »Die Revolution aus Kairo und Tunis kommt nicht hierher«, sagt Ghusain, »Hamas hat vielmehr die Revolutionen dort inspiriert.« Er klingt, als müsste er sich selbst überzeugen von seiner obskuren Geschichtstheorie, die erklärt, warum es den Aufstand der Jugend gegen Hamas, den es gibt, nicht geben kann: »Der Ort, von dem eine Revolution einmal ausging, kann nicht zum Ort einer Gegenrevolution werden.«
Autorität, hat die Philosophin Hannah Arendt gesagt, beruht auf Anerkennung, auf der Fähigkeit, andere von den eigenen Ansichten zu überzeugen, und in diesem Sinne verfügt Hamas vielleicht noch über Gewalt, aber nicht mehr über Autorität im Gaza-Streifen. Es ist unklar, wie lange tief greifende Veränderungen noch auf sich warten lassen, niemand kann vorhersagen, wie brutal die Regierenden noch gegen die neue Opposition vorgehen werden und wie sehr eine Eskalation der Gewalt zwischen radikalislamistischen Militanten in Gaza und der israelischen Armee innere Reformen abbremsen könnte. Aber der Zerfall der Autorität der Hamas hat begonnen.
Am Strand von Gaza sitzt Mohammed al-Sheikh Jussef mit seinem Freund Assaf auf Felsbrocken, freut sich an der Gischt, die ringsum auffliegt, und sagt ein paar Sätze, die die ganze Hoffnung dieses Frühlings in Gaza ausdrücken: »Wie viele wir sind? Wie viele wir noch werden? Das weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass sie auf dem Tahrir-Platz in Kairo auch nur mit 30 Leuten begonnen haben.«