Ich bin umgezogen.
Das ist ein merkwürdiger Anfang für einen Essay über das Reisen.
Und dabei bin ich noch nicht einmal fortgezogen, nicht in ein anderes Land oder eine andere Stadt, sodass mit dem Umzug die Entdeckung einer anderen Welt einherginge. Nein, ich bin in derselben Stadt umgezogen. Von einem Viertel in ein anderes, von einer Wohnung in eine andere.
Ich hatte das unterschätzt. Ich hatte gedacht, ein Umzug sei nur ein Umzug. Natürlich wusste ich, es bräuchte Helfer für den Transport der Möbel und der Regale, vielleicht würde es eine Weile dauern, bis die vielen Bücher, die mit mir in meiner Wohnung leben, in möglichst kleinen Kartons verpackt wären. Aber das war's, dachte ich. Das war der Umzug. Die Dinge würden einfach in die andere Wohnung wandern, und das Ganze wäre vorbei, ein gleichsam technischer Vorgang, eine Art mobiler Verwaltungsakt.
Mit dem Reisen, meiner beruflichen Lebensform, mit der Fremde, dem Stromern in unbekannten Gegenden und Lebenswelten, mit der Freude an anderem Licht, anderen Geräuschen, anderem Essen, mit dem Staunen über Andere, aber auch mit dem Staunen über mich selbst in der Wahrnehmung der Anderen, mit all dem, was mich so anzieht am Reisen, konnte das nicht viel zu tun haben, dachte ich.
Was für ein Irrtum. Ein Umzug ist eine Reise, eine Reise, die andauert, die in verschiedene Richtungen gleichzeitig sich bewegt, in die Vergangenheit und in die Gegenwart. Auch wenn ich schon in der neuen Wohnung angekommen bin, so hat mich doch die alte nicht verlassen. Anstatt mich von meiner letzten in meine nächste Wohnung zu führen, bringt mich der Umzug zurück, in jedes Haus, jede Wohnung, jedes Zimmer, das ich je bewohnt habe.
Vielleicht ist dies der Moment, an dem ich gestehen muss, dass ich zu der Spezies der Sammler gehöre. Was schlimmer ist: ich stamme aus einer Familie von Sammlern.
Überhaupt ist die ganze Idee des Umzugs mit dem Tod meiner Eltern entstanden. Mein Bruder und ich mussten vor einigen Jahren unser Elternhaus auflösen. Meine Mutter war gestorben, und wir gingen durch die einzelnen Räume des Hauses unserer Kindheit und teilten auf, was aufzuteilen war. Ein Freund der Familie hatte uns geraten, das Aufteilen und Zuweisen der Dinge mit kleinen Aufklebern zu dokumentieren. Ich war mir damals recht dämlich vorgekommen, wie ich da stand, im Zimmer meines Vaters, mit so einem Block grell leuchtender rosa farbener Postit-Zettelchen. Es kam mir beschämend vor, jetzt durch das ganze Haus zu laufen und überall „mein Topf, dein Topf" zu spielen.
Zumal ich genau wusste, dass es eigentlich nur ein Objekt gab, das ich wirklich unbedingt besitzen wollte. Eine alte Kommode. Nicht, dass sie besonders wertvoll oder schön gewesen wäre, diese Kommode. Aber sie hatte eine Geschichte: als wir Kinder waren, hatte meine Mutter stets die Brettspiele in der untersten Schubladen verstaut. Wannimmer wir uns zum Mensch-Ärgere-Dich-Nicht oder Fang-den-Hut zusammensetzten, erklang zunächst das quietschende Geräusch des Aufziehens der Kommode. Was in der zweiten Schublade, der mittleren, aufbewahrt wurde, erinnerte ich nicht mehr. Aber die oberste Schublade barg einen ganzen Schatz an Krimskrams, darin verstaute meine Mutter Gummibänder und Kordeln, Klebstoff oder Reißzwecken, alles lag in den Tiefen dieser Schublade, die ich liebte.
Beim Auswählen der Dinge dachte ich in Geschichten. Ich dachte daran, was mit diesen Gegenständen verbunden war. Das konnte die kleine Streichholz-Schachtel sein, mit der ich in den letzten Wochen vor dem Tod meiner Mutter immer die Teelichter angezündet hatte, das konnte das alte Radio sein, das die Nachtwachen hindurch mein stoischer Helfer durch die Einsamkeit der Sterbebegleitung war. Es war nicht wichtig, ob ich diese Objekte in mein neues Leben einfügen könnte, aber ich wollte sie behalten, ich wollte ihre Geschichten nicht verlieren.
Ich dachte, die Kommode sei das einzige, was ich haben wollte, aber wie wir so durchs Haus gingen, tauchten mit den Objekten auch die Geschichten auf: das alte Kartenspiel, mit dem meine Mutter und ich gespielt hatten als sie schon etwas durcheinander geriet bei den Regeln, aber trotzdem gewann, die Kistenweise Briefe der Familie oder Freunde aus Argentinien, seitenlange Briefe auf Luftpost-Papier getippt, die wochenlang auf Reise waren über den Atlantik, bis sie meine Mutter in Deutschland erreichten, die edlen Salzfässchen, die nur zu besonderen Anlässen herausgeholt wurden, an Weihnachten oder beim Besuch der ungeliebten Eltern meines Vaters, sie schimmern blau und erinnern mich umgehend an die gescheiterten Versuche meiner Mutter, ihre Schwiegereltern mit dem klassichen „Karpfen blau" milde zu stimmen.
Wir fanden auch Dinge, von denen wir nichts wussten, wir entdeckten auch unsere Eltern anders und neu, wir konnten sehen, wie sie uns geliebt hatten durch das, was sie aufbewahrt hatten. Im Schrank meiner Mutter gab es einen Ordner, den ich nie gesehen hatte. Als ich ihn öffnete, entdeckte ich sämtliche Faxe, die ich je aus Hotels in Krisengebieten zur Beruhigung meiner Eltern geschickt hatte. Meistens waren es absurde Albernheiten: vom guten Essen in Kabul, von der schönen Sonne in Albanien, ich malte lustige Betten, in denen ich ein kurzhaariges Wesen hineinversenkte, als Spaß, damit sich meine Eltern ausmalen konnten, mir ginge es gut. Ich blätterte durch diesen Ordner und er versammelte wirklich alles, was ich in zehn Jahren an Lebenszeichen aus den trostlosen Gegenden dieser Welt geschickt hatte.
Wie ich also so durch unser Elternhaus wanderte, tauchten sie alle wieder auf, die Geschichten der Dinge, ja, die Geschichten der Menschen, die sie gebraucht haben.
Ich habe sie alle mitgenommen.
Die Schulhefte meiner Mutter aus Argentinien. Die Serviettenringe von meinem Urgroßvater. Den Brieföffner, den meine Mutter ihr Leben lang benutzte. Das Thermometer, auf das mein Vater morgens schaute, als könnte er nicht fühlen wie kalt es draussen war.
Zu meiner Entschuldigung sei gesagt: wir haben auch viel weggeben, an Freunde, Bekannte, das Flüchtlingsheim in der Nachbarschaft, den Obdachlosenverein in der Stadt und meine frühere Schule. Es ist nicht, dass wir uns von gar nichts hätten trennen können. Es war nicht nur Sammler-Wahn, der die Dinge in meine Hände trieb. Da waren auch schlichte Nützlichkeits-Erwägungen. Natürlich gab es auch Gegenstände, die ich brauchen konnte: Töpfe und Pfannen, zwei Tische, Bettwäsche, also das, was früher mal eine Aussteuer hieß oder Mitgift, im Zeitalter homosexueller, unverheirateter Töchter aber irgendwie verloren gegangen ist als Tradition. Nicht, weil die Eltern daran nicht mehr gedacht hätten, sondern weil es abzulehnen mir progressiver erschienen war.
Davon konnte jetzt keine Rede mehr sein. Dankbar legte ich ein Laken über das andere und verpackte alles in Kisten. Und das war's dann erstmal.
Wir waren ziemlich schnell beim Ausräumen dieses Hauses, einmal beschlossen, wer was bekommen sollte, legten wir es auch schon beiseite. Wir wollten nicht alles durchsehen, nicht alle persönlichen Sachen unserer Eltern studieren, das war zu intim, zu bedrückend und zu nah. Mit Staunen stellten wir nur fest, was sich alles sammeln ließ, was meine Eltern alles aufgehoben hatten.
In meiner Wohnung in Berlin war gar nicht genug Platz für all die Dinge aus dem Haus meiner Eltern. Das alte Klavier, die zwei Tische, all die Kisten wanderten zunächst in einen großen Container am Rande der Stadt. Sie verschwanden in der Versenkung. Das war nicht nur ein pragmatischer Akt, ich holte all die Sachen meiner Mutter nicht nur deswegen nicht in meine Wohnung, weil ich sie nicht unterbringen konnte, sondern weil ich es nicht ertragen hätte, sie um mich zu haben. Mit jedem Objekt wäre der Schmerz über den Tod meiner Mutter wieder neu entzündet worden. Da war der Container ein angenehmer Zwischenhalt.
„Self storage" hiess das Zauberwort, und mit den Jahren, die meine Sachen dort lagerten, begann ich zu begreifen, dass das wörtlich zu nehmen war: ich hatte einen Teil meiner selbst dort eingelagert, all jene mit Erinnerung behafteten Dinge, zu denen ich für eine Weile nicht reisen wollte. Zu denen ich mich nicht hindenken konnte, weil es zu schmerzlich gewesen wäre. Ich dachte, sobald ich eine neue Wohnung hätte, kämen die Sachen aus dem Haus meiner Eltern ja zu mir. Aber dann dauerte die Suche nach einer größeren Wohnung immer länger. Vermutlich dauerte sie genau so lange wie die Trauer brauchte, um sich etwas zu senken. Die Trauer brauchte ihre eigene Zeit, und erst als der Kummer milder, die Verzagtheit stiller war, konnten die Dinge heraus aus dem Container und rein in mein Leben.
Nun also stand der Umzug an, mein Leben aus meiner Wohnung und all die Gegenstände aus dem storage sollten in eine Wohnung gebracht werden, die verschiedenen Schichten der Vergangenheit, das Leben meiner Familie und mein eigenes sollten zusammenfinden, ohne dass es mich erdrückte. Darauf hatte ich immerhin geachtet beim Einpacken in meinem Elternhaus, dass ich nur kleine Dinge mitnehmen würde, nur die, die eine schöne Geschichte zu erzählen wussten.
Denn das ist es, was Sammler wie ich sammeln: Geschichten. Von allen meinen Reisen, aus Gaza oder New Orleans, aus Port au Prince oder Peshawar, von überall nehme ich etwas mit, das eine Geschichte erzählt, das eine Erinnerung birgt, das mir das Licht wieder aufscheinen lässt im Innern oder die Trauer der Menschen einer Region verkörpert. Ein rostiger Nagel aus dem Schienenbett einer Bahnlinie entlang des Mississippi, der heute bei mir auf dem Schreibtisch liegt, erzählt von der Segregation von Schwarz und Weiss, die diesseits und jenseits der Bahnlinie lebten, die Züge fahren mittlerweile nicht mehr, mit dem Aufkommen des Lastverkehrs durch Trucks und der Privatisierung der Bahn in den USA sind viele Strecken stillgelegt worden – aber Schwarze und Weisse wohnen immer noch diesseits und jenseits der Gleise. Wenn ich diesen schweren, alten Nagel sehe, fällt mir diese Geschichte der Bahn in den Vereinigten Staaten ein und was sie bedeutet hat für das Zusammenleben von Schwarzen und Weissen.
Oder dieser rötlich-gelbe kleine Stein aus dem Steinbruch von Jerusalem, den mir ein palästinensischer Arbeiter geschenkt hat, der seit zwanzig Jahren riesige Kuben aus dem Sandstein südlich von Hebron schneidet. Nach Jerusalem darf er schon lange nicht mehr, wie sein Stein, den er liebevoll dem Berg abgewinnt, verbaut wird, das wird er nie mehr sehen. Er hat keinen israelischen Pass und die Mauer versperrt ihm den Zugang zu der Stadt, deren Stein das Licht im Sonnenuntergang so besonders reflektiert.
Ich sammel diese Objekte gemeinsam mit Photos von den Reisen, mit Ausweisen aus Ländern, die es schon nicht mehr gibt, ich stapel Tücher und Schals, die mir jemand geschenkt hat zum Abschied, ebenso wie alte Konzert-Eintrittskarten, Liebesbriefe, Postkarten von meinem Lieblingscafe in Boston, kleine Holzstatuen...es ist ein Sammelsurium einer Reisenden.
Mit dem Umzug mischen sich nun diese Geschichten mit denen von früher, meinen eigenen, aus meiner Kindheit, Erinnerungen, die ich schon längst vergessen hatte, wie die an den Karpfen blau meiner Mutter, die nur auftauchte beim Anblick des Salzfässchens. Auf einmal, in der neuen Wohnung, fühlt es sich gar nicht so sehr nach Aufbruch in ein neues Leben in diesen neuen Wänden an, sondern es ist eine Reise, eine offene Reise durch mein Leben, durch die verschiedenen Zeitzonen der Kindheit und meines Erwachsenen-Lebens, all das, was üblicherweise in meinem Bücherregal unberührt und unbesehen stand, tauchte auf einmal neu auf, all die Notizbücher früherer Reisen, die Akten des philosophischen Kolloquiums bei Jürgen Habermas in Frankfurt, die Karteikarten, auf denen die Zitate für meine Promotion notiert waren, auf einmal verschieben sich diese Geschichten und Erfahrungen, legen sich übereinander, als ob eine Schranke sich geöffnet hätte, die Barriere der Trauer, die mich nicht die Dinge meiner Mutter anschauen ließ in den Jahren seit ihrem Tod, ist geöffnet, aber auch der Ballast der Zeit, der mich vieles vergessen oder verdrängen ließ – auf einmal fügen sich diese Lebenskreise zusammen und ich kann darin herum reisen.
Gewiss, das ist ein anderes Reisen als das, was üblicherweise darunter verstanden wird. Aber es hat ähnliche Momente: die Begegnung mit sich selbst, die Möglichkeit, sich zu verlieren, die Leichtigkeit, sich zu verzettelt oder zu verirren – all das gibt es auch anhand von Dingen, die Geschichten von früheren Zeiten oder Generationen erzählen.
Vielleicht wäre das ohnehin eine hilfreiche Art, über das Trauern nachzudenken, über die Erinnerung an Schmerzliches, als Reisen. Vielleicht fiele es uns leichter, uns darauf einzulassen. Vielleicht könnten wir die Angst vor der unerwarteten Begegnung, die uns oftmals hemmt, die wir scheuen, dann überwinden. All das trauen wir uns ja zu, beim Reisen. Nur wenn unsere eigenen, inneren Landschaften uns einladen, wenn wir uns in unserer eigenen Geschichte oder der unserer Familie auf Wanderschaft begeben sollen, dann zögern wir.
Vielleicht ist das der Grund, warum in meiner Familie soviel gesammelt wurde und warum ich diese Passion geerbt habe: weil wir gerne reisen, weil wir uns gerne erinnern, weil uns zwar das Schöne anzieht, aber das Kummervolle auch nicht abschreckt. Die gesammelten Objekte, die Steine, Nägel, Briefe, Muscheln, sind nicht nur Spuren der Vergangenheit, sondern Quellen des Selbst, die nicht versiegen, wenn denn jemand ihrer Einladung zu folgen weiß. Hannah Arendt nannte es einmal „Denken mit Geländer". Wir erinnern mit Geländer, wir erzählen mit Geländer, wir trauern mit dem Geländer dieser Objekte.
Nach zwei Wochen in der neuen Wohnung, inmitten all dessen, was ich gesammelt habe, fällt mir auf, wie sehr die Dinge mir ihre eigene Ordnung aufzwingen, wie eingeübt bestimmte Handbwegungen, bestimmte Abläufe in der Küche oder im Arbeitszimmer waren, und wie verwirrend es ist, wenn nun auf einmal eine Ordnung erst entstehen muss. Die ersten Tage fühlte ich mich ganz orientierungslos, dabei war es ja meine Wohnung und auch meine Kleidung, meine Bücher, meine Photos, aber auf einmal hatten diese Gegenstände einen neuen Ort, manche hatten nun überhaupt erstmals einen Ort, was vorher auf dem Fußboden verstreut war, fand sich nun endlich in einem Bord wieder. Es war irritierend zunächst, zu merken, wie abhängig man ist von Ritualen, von bestimmten Handlungsabläufen, von gewissen Orten, die das Leben strukturieren.
Nun ist der Umzug vorbei. Und das Reisen beginnt. Ohne auch nur vor die Tür zu gehen, zu reisen, zu anderen, zu mir selbst, in die Vergangenheit, in die Gegenwart, es ist ein beglückendes, bereicherndes, langsames Reisen entlang all der Dinge und der Geschichten, die sie erzählen.