Ohnehin verlagert Handke Fragen nach Schuld und Verantwortung in ästhetische oder psychologische Kategorien. Das Tribunal wird bei Handke zum "Welttheater", die Ankläger oder Zeugen werden zu "Figuren", der Prozessablauf zu "Ritualisierungen". Historische Fakten und Tatsachen verlieren sich.
Die einzigen Verhandlungen, die Handke aus der Zuschauerperspektive überzeugend finden konnte, sind symptomatischerweise keine, in denen serbische Verdächtige angeklagt sind, sondern nur die Prozesse gegen "die lokalen kroatischen Paramilitärhäuptlinge" oder die "muslimischen Kapos von Celebici, wo bosnische Serben interniert waren".
Handke verlangt von dem Verfahren gegen Slobodan Milosevic völlig zurecht, dass es dessen Schuld nicht einfach behaupten kann, sondern belegen muss. Aber genau das unternimmt die Staatsanwaltschaft in Den Haag. Wenn sich Handke ein wenig mehr mit dem eigentlichen Prozess beschäftigt, den Zeugen der Anklage, den Qualen der Opfer zugehört hätte, aber auch den Geständnissen der Milosevic unterstellten Täter - dann würde er vielleicht zulassen, was er nicht zulassen will: dass dieses Gericht keineswegs fiktive Taten verhandelt, sondern die soziale und politische Struktur der grausamsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs erlebt hat.
Handke aber lässt lediglich seiner "inneren Überzeugung" freien Lauf: "Ich bin zuinnerst überzeugt, dass das Welt-Tribunal, wie es da tagt, nichts taugt - dass es von Anfang, Grund und Ursprung falsch ist und bleibt -, dass es (es speziell) zur Wahrheitsfindung kein Jota beiträgt."
Doch dieser Autor ist schon lange nicht mehr an der Wahrheit interessiert. Seine Reisen nach Serbien oder Den Haag sind keine Reisen nach Serbien oder Den Haag mehr - sondern nur noch in die Projektionen des eigenen besessenen Inneren.
Für jemanden, der Schuld und Unschuld nur in Anführungen verwendet, wenn es um Serben geht, für den taugt dieses Tribunal in Den Haag freilich nicht. Der wird auch dem Zeugen "K 41" von der jugoslawischen Armee nicht zuhören wollen, der zur Wahrheitsfindung immerhin folgendes beizutragen hatte: Vor einem Militär-Einsatz gegen ein Dorf von Kosovo-Albanern kurz nach Beginn der Nato-Bombenangriffe habe er deutlich die Anweisung eines Hauptmanns Gavrilovic an die Unterführer gehört: "Niemand darf überleben." Seine Einheit habe das Dorf mit einer Kanone beschossen, Häuser durchkämmt und in Brand gesetzt und 15 unbewaffnete Zivilisten in einem Bauernhof zusammengetrieben, schilderte er. Die Frauen, Kinder und älteren Männer hätten jede Verbindung zur sogenannten Kosovo-Befreiungsarmee (UCK) lebhaft bestritten. Dennoch habe sein Feldwebel ihm und etwa zehn anderen Soldaten befohlen, die Leute auf der Stelle zu erschießen. Dies hätten sie getan, räumte der Zeuge ein. "Ich erinnere mich noch lebhaft des Babys. Es wurde von drei Kugeln getroffen und schrie unglaublich laut", sagte der Zeuge wörtlich. Der Gerichtsvorsitzende hatte ihn zuvor noch darauf hingewiesen, dass er die Aussage verweigern könne, wenn er sich damit selbst belaste.
Es wäre wünschenswert, wenn eine Jury, die einen literarischen Preis zu vergeben hat, sich mit den schriftstellerischen Äußerungen des Preisträgers ernsthaft auseinandersetzte.
Inwieweit Handke noch "Flagge zeigen" soll, wie Stölzl es fordert, oder inwieweit Handke "Mut" bewiesen habe, wie Alice Schwarzer sagt, bleibt unklar. "Flagge" hat Peter Handke mit seiner Teilnahme an der Beerdigung von Slobodan Milosevic gezeigt, und Mut brauchten die Frauen, die in Den Haag über ihre Vergewaltigung durch serbische Milizen und vor allem jene serbischen Soldaten, die gegen ihre Befehlshaber ausgesagt haben.
Noch wünschenswerter wäre es, wenn Handke in Zukunft mal zu den Opfern Milosevics finden würde. Dazu gehören übrigens nicht nur Bosnier, Kroaten und Kosovo-Albaner, sondern auch die Serben selbst. Seien es jene, die im Zuge der Bürgerkriege oder der Nato-Intervention durch Kriegsverbrechen der Gegner getötet wurden, seien es jene, die unter der internen Repression ihrer eigenen Regierung zu leiden hatten, oder diejenigen, die sich schämten für die Morde, die angeblich im Namen ihrer serbischen Nation begangen wurden.
Gerechtigkeit für Serbien bedeutet vor allem das: auch die selbstkritischen Stimmen innerhalb Serbiens zu hören, wahrzunehmen, wie heterogen und komplex die serbische Gesellschaft über ihre eigene Vergangenheit diskutiert, und die Opfer auf allen Seiten als Opfer und die Verbrecher als Verbrecher zu erkennen und zu benennen.
Es ist reine Spekulation, was Heinrich Heine mutig gefunden hätte in diesem Kontext: aber moralischer Relativismus und politischer Infantilismus gehörten wohl nicht zu Heines präferierten Positionen.
Laut Stölzl sei die Entscheidung maßgeblich auf das Drängen der Literaturkritikerin Sigrid Löffler zurückgegangen, die argumentiert habe, dass Handke keine "Parteinahme für den Diktator" betrieben, sondern nur dafür plädiert habe, "allen Seiten zuzuhören". Weder habe er in Löfflers Augen Barbarei rechtfertigen wollen, noch für Milosevic Partei ergriffen.
Nun, recht spät, schaltet sich schließlich Sigrid Löffler selbst ein und aus der Causa Handke wird nun auch eine Causa Löffler, denn die Literaturkritikerin äußert sich nicht nur zu dem Schriftsteller Peter Handke, sondern auch zu den Balkan-Kriegen selbst.
Löffler schreibt in der "Süddeutschen Zeitung": In der Kontroverse um Handkes Balkan-Texte treffe der "Anspruch des Andersdenkens und Andersschreibens seit jeher auf den formierten journalistischen Konsens darüber, wie die jugoslawischen Sezessionskriege zu sehen und zu beurteilen seien". Löffler will nicht nur die literarischen Qualitäten des Romanautors Handke gewürdigt sehen will, sondern auch die politischen Äußerungen Handkes als vermeintlich "unabhängige".
So verschwimmen bei Löffler Wahrheit und Wirklichkeit zu einer vorübergehenden Angelegenheit, die relativ ist - abhängig nur von der jeweiligen Perspektive. Gegenüber denjenigen, die sich um die historische Wahrheit im Namen der Opfer - egal welcher konstruierten Nationalität oder erfundenen Ethnizität - jahrelang gemüht haben, ist das eine unverschämte Anmaßung.
Jeder, der auf dem Balkan journalistisch gearbeitet hat, weiß um die ideologischen Hemmnisse der Wahrnehmung, um die ethnisch eingefärbten Einschätzungen. Jeder von uns hat mit Opfern auf allen Seiten gesprochen und ihre Misshandlung kritisiert: mit den vergewaltigten Frauen von Foca 1992 ebenso wie den Opfern der Nato-Bombardierungen 1999 oder den serbischen Bewohnern der Ghettos im Kosovo 2000.
Aber am Ende gibt es doch immer noch eine gemeinsame Wirklichkeit, in der reale Verbrechen begangen wurden - an allen betroffenen Splittergruppen. Diese Verbrechen bleiben Verbrechen - aus subjektiven Beweggründen oder aus politischen Motiven heraus begangene, unterschiedlich präsentierte und interpretierte Verbrechen, aber dennoch Verbrechen, über die sich ein moralisches oder ein juristisches Urteil fällen lässt.
Die Verbrechen, die unter dem Regime Milosevics ihren Ausgang nahmen, sind eben so dokumentiert, wie seine Ankündigungen derselben. Wer also Milosevic verteidigt, verteidigt eben nicht "die Serben". Wer nachträglich versucht, die Täter und die Opfer in Kollektiven zu vereinheitlichen, wer nachträglich versucht, die Verantwortlichen als Opfer ethnischer Verwüstungen oder sezessionistischer Aggressionen zu entlasten, der erfüllt damit allein den letzten ethnisch-rassistischen Traum des toten Milosevic.
Es ist erschütternd, wie Handke und Löffler gegenüber dieser erdrückenden Last an Beweisen über das Ausmaß der brutalsten Kriegsverbrechen in Europa seit Ende des Zweitens Weltkriegs einen Relativismus hoffähig machen wollen, der aus einer isolierten Ansicht Heroismus zimmern möchte, aus Nähe zu Kriegsverbrechern Feinfühligkeit, aus ideologischer Einseitigkeit die Position eines Andersdenkenden.