„Aber weil Hiersein viel ist, und weil uns scheinbar alles das Hiesige braucht",
so beginnt der dritte Vers der Neunten Duineser Elegie von Rainer Maria Rilke.
Ein eigenwilliger Titel, ich weiß, aber als ich die Einladung zu dieser Rede bekam, war es dieser Satz, der in mir umgehend aufschien, eine Assoziation zunächst, nicht mehr. Warum diese Zeilen eine Bedeutung haben sollten für einen Journalistenpreis für Bürgerschaftliches Engagement, das wusste ich nicht. Aber die Worte blieben, sie entwickelten ein Eigenleben, wie sie es manchmal tun, sie trieben herum und trieben an wie Strandgut, das angespült wird und liegenbleibt.
Ich musste ihn nachlesen, diesen Vers, die ganze Elegie erinnerte ich nicht mehr.
„Aber weil Hiersein viel ist, und weil uns scheinbar alles das Hiesige braucht, dieses Schwindende, das seltsam uns angeht," heisst es weiter bei Rilke, „uns die Schwindendsten. Ein Mal jedes, nur ein Mal. Ein Mal und nicht mehr. Und wir auch ein Mal. Nie wieder. Aber dieses ein Mal gewesen zu sein, wenn auch nur ein Mal: irdisch gewesen zu sein, scheint nicht widerrufbar."
Warum mir das einfiel?
Nun, wir leben in Zeiten, in denen „Hiersein" nicht viel zu gelten scheint.
Wir leben in Zeiten, so suggerieren es uns Medien, Politiker und Ökonomen einstimmig, in denen wir an dem Zustand der Welt leiden, im Großen: an der Globalisierung, der Finanzkrise, dem Klimawandel, oder im Kleinen: an mangelnden Kindergartenplätzen, an schlechter Gesundheitsversorgung oder dem Tabellenstand des Vfb Stuttgart.
Weil Medien wie Politiker miteinander um Aufmerksamkeit konkurrieren, wird die Klage nicht nur größer, sondern auch schriller, die normalste Meldung wird zur Eilmeldung, jede Nachricht zur Breaking News, was nicht in eine laufende Unterzeile verpackt werden kann, wird alltäglich, harmlos, geht unter in der selbst erzeugten Hysterie der Inszenierung einer Welt, die angeblich immer undurchschaubarer, immer komplexer, immer unbezwingbarer wird.
Es ist ein Gegen-Aufklärerisches Moment, das sich da zeigt. Anstatt sich die sozialen, politischen oder ökologischen Prozesse kritisch anzueignen, anstatt sie zu durchleuchten, werden sie zunehmend mythifiziert, sie werden undurchdringlich, schicksalhaft, unabänderlich wie das launige Wirken der griechischen Götter, denen die Menschen in der homerischen Welt auf ewig ausgeliefert waren.
Aus der medialen Lust an Dramatik entsteht so ein eingebildetes Drama: wir bilden uns ein, die Welt sei nicht mehr zu verstehen, wir bilden uns ein, die Abläufe der globalen Finanzwelt seien nicht nachvollziehbar, dabei weiß jedes Kind, dass es nicht mehr verleihen darf als es hat, wir bilden uns ein, der Klimawandel sei nicht beherrschbar, dabei weiß jedes Kind, dass das, was man aufisst, nicht mehr da ist, wir bilden uns ein, Integration sei ungestaltbar, dabei weiß jedes Kind, dass es einem neuen Mitspieler den Ball auch mal zuspielen muss, damit der ein Tor schießen kann.
Wir behaupten, die Welt sei überkomplex und unübersichtlich, und was wir dabei, nebenher und klammheimlich behaupten, ist, dass wir selbst ohnmächtig und hilflos seien.
Vielleicht ist das überhaupt der Zweck der ganzen Komplexitäts-Klage: dass sie uns entbindet davon, etwas zu tun, wer behauptet, die Finanzwelt sei undurchschaubar, erklärt zugleich, sie sei nicht zu kontrollieren, wer behauptet, moderne asymmetrische Kriege seien undurchdringlich, erhebt auch nicht mehr den Anspruch, sie zu unterbinden oder nach völkerrechtlichen Normen zu führen.
Aufklärung, das war nach Kant, der „Ausgang der Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit", kritische Reflektion, das offene, ungehemmte Hinterfragen des Gegebenen, des Vor-Gegebenen, der religiösen Dogmen oder politischen Ideologien, das war die Aufgabe des mündigen Bürgers. Was wir gegenwärtig erleben, in dieser Rhetorik der Über-Komplexität der Welt, ist dagegen freiwillige Selbst-Entmündigung. Die Welt wird undurchdringlich gemacht, damit sie keine Anforderungen an uns stellt, damit wir, Ohnmächtigen, entbunden sind von jeder Pflicht, sie zu verändern.
In dieser Hyper-Komplexitäts-Behauptung paart sich intellektuelle mit moralischer Faulheit.
Anstatt in bequeme Starre zu verfallen, sollten wir beginnen, komplexe Phänomene langsam zu analysieren. „Sägen, nicht drücken!" pflegte meine geliebte Großmutter beim Brotschneiden anzusagen, und mit dieser Maxime, „Sägen, nicht drücken!", lassen sich auch vermeintlich undurchdringliche, unlösbare Prozesse aufschlüsseln.
Vielleicht war das eigentlich historisch Bedeutsame an den Schlichtungs-Gesprächen von Stuttgart 21 deswegen auch nicht die Frage, zu was für einem Ergebnis sie geführt haben, sondern der Beweis, dass all die technischen Details, die chemischen und physikalischen Zusammenhänge, all die Expertise von widerstreitenden Ingenieuren und Biologen absolut nachvollziehbar und verständlich erklärbar waren, wer die Übertragungen der Schlichtungs-Gespräche im Fernsehen verfolgte (übrigens Grimme-Preis-verdächtig wie ich finde), der konnte erleben, wie Hierarchien des Wissens sich anglichen, wie Wissenschaft teilbar wurde, werden musste, wenn sie denn andere überzeugen wollte, es war ein Sieg der kritischen Vernunft über unwissendes Dogma und politisches Phlegma.
„Aber weil Hiersein viel ist...", da taucht er wieder auf der Satz, und jetzt macht er Sinn, weil er verweist auf die Neigung, ins Schicksalhafte, Überirdische, Ausser-Weltliche zu flüchten, so wie wir zur Zeit gern ins Über-Komplexe, Undurchschaubare flüchten, weil Rilke in dieser Abneigung gegen das Hiersein eine ähnliche Faulheit oder gar Feigheit vor der Wirklichkeit erkennt.
„Aber weil Hiersein viel ist und weil uns scheinbar alles das Hiesige braucht."
Was die Geschichten von bürgerschaftlichem Engagement mit dem bürgerlichen Engagement selbst eint, ist, dass sie gebraucht werden. Weil es Missstände gibt, die aufgedeckt werden müssen, Leid, das gelindert werden muss. Und weil diese Aufgabe, im Hiesigen, schon viel ist und wir uns nicht davonstehlen sollten, indem wir uns für unfähig oder ohnmächtig halten.
Wie leicht wäre es für Journalisten, für jeden Menschen des Worts, angesichts des Schweren, Kummervollen, Trostlosen zu sagen, es sei un-beschreibbar. Wir neigen dazu, bei Tod und Zerstörung, bei Krieg und Gewalt, bei extremem Leid, die Tiefe der Erfahrung metaphysisch zu überhöhen, wir geben auf, wir behaupten, es sei ästhetisch nicht möglich, solche Schrecken zu beschreiben. Das ist Unfug. Alles ist beschreibbar. Man muss sich nur anstrengen.
Und das selbe gilt für die Menschen, von denen die hier prämierten Beiträge erzählen: Menschen, die sich nicht unterkriegen ließen von dem Schrecken ihrer eigenen Krankheit oder dem Grauen der Haft im Konzentrationslager, Menschen, die noch auf verlorenem Posten für andere Kraft finden, es sind Geschichten vom Hiersein, davon, dass das Gute viel leichter, viel schlichter, viel Banaler sein kann als es suggeriert wird: wenn es Rollstühle in Afrika braucht, dann bringt man sie eben dorthin, wenn es Kranke in Afghanistan gibt, dann holt man sie eben her. Alle Geschichten erzählen davon, wie scheinbar Unmögliches möglich wird, wie das Schwere angenommen werden kann, mehr noch, sie erzählen alle davon, wie etwas zu tun selbstverständlicher erscheint als das Nichts-tun.
Das widerspricht der gängigen Vorstellung.
Inzwischen wird das Gute, wird Altruismus, wird Engagement ähnlich tabuisiert wie das Böse. Was ich damit meine? Nun, oft schreiben wir von dem Bösen als läge es ausserhalb unserer Selbst, wir unterstellen den Tätern grausamer Taten gern etwas Dämonisches, wir möchten nicht, dass schreckliche Taten von ganz normalen Tätern begangen werden, denn dann könnten potentiell auch wir, ganz normal wie wir sind, solche Taten begehen. Zur Zeit geschieht etwas ähnliches bei dem Guten. Wir schreiben über das Gute als wäre es etwas Über-Menschliches.
Wer die Berichterstattung über die Nieren-Spende von Frank Walter Steinmeier verfolgt hat, weiß wovon ich spreche.
Herrje, seine Frau war lebensbedrohlich krank, der Mann hatte eine Niere über, sie war kompatibel mit dem Körper seiner Frau – na klar, spendet der die Niere.
Stattdessen lasen sich die Berichte als geschehe etwas Unvorstellbares.
Was sich darin zeigt, ist wieder dasselbe Motiv: wir überhöhen eine solche Tat, damit wir nicht Gefahr laufen, dass sie auch von uns verlangt werden könnte.
Ich weiß, wovon ich spreche. Kaum eine Frage wird mir häufiger gestellt als die „Warum tun Sie das?". Gemeint ist, warum ich als Journalistin in Krisengebiete fahre. Kaum eine Frage irritiert mich mehr an als dieses „Warum tun Sie das?".
Am liebsten würde ich antworten: „ Ja, warum denn nicht?"
Die ehrliche Antwort ist: weil ich es kann, weil es möglich ist, und weil es dort Menschen gibt, die jemanden brauchen, der zu ihnen fährt, ihnen zuhört und darin bestätigt, dass es so etwas gibt, wie ein globales Wir, wie eine humanistische Gemeinschaft, eine Welt, in der es eine Rolle spielt, ob Recht oder Unrecht geschieht. Das ist nichts Besonderes.
„Und weil uns scheinbar alles das Hiesige braucht, dieses Schwindende, das seltsam uns angeht."
„Dieses Schwindende" – natürlich ist es nie genug. Natürlich folgt auf jede Geschichte über einen Misstand, einer neuer Misstand, natürlich ist jeder Text nur von flüchtiger Dauer, natürlich fragen wir uns manchmal, meist, wenn wir erschöpft sind und mit der Müdigkeit die Melancholie heraufzieht, was sich denn wirklich änderte mit diesem Schreiben über das Schwindende.
Das geht uns allen Journalisten so, vermute ich, „uns, den Schwindendsten".
Aber Rilkes Vers endet mit:
„Ein Mal jedes, nur ein Mal, und wir auch ein Mal. Aber dieses ein Mal gewesen zu sein, irdisch gewesen zu sein, ist nicht widerrufbar."
Nicht das Große, das Überirdische überfordert uns, sondern das Kleine, das Irdische, das Naheliegende fordert uns: ganz gleich ob im lokalen oder im internationalen Kontext, das Schwindende geht uns an, nicht obgleich es schwindend ist, sondern weil es schwindend ist, nicht, obgleich wir nur ein Mal bestehen, sondern weil wir nur ein Leben haben, sollten wir es richtig leben. Ein zweites Leben, ein anderes wird uns nicht zuteil, eine zweite, eine andere Welt wird uns nicht anvertraut, dieses eine Mal ist nicht widerrufbar.
„Preise dem Engel die Welt," heisst es an späterer Stelle in derselben Elegie, „nicht die unsägliche, ihm kannst Du nicht großtun.....Drum zeig ihm das Einfache..."
Wir sollen Worte finden, mit der Sprache unsere Welt erschließen - das ist die schwere, leichte Aufgabe für uns Journalisten. Da kann Wikileaks oder das Internet die Mandarinen der Zunft noch so aufregen – die Aufgabe bleibt gleich. Worte finden, Dinge beim Namen nennen, mit der Sprache Spuren legen, damit sich das Gute seine Bahn schlagen kann, damit es im Hiersein statthat – in unserer schwindenden Welt.
Nur damit schaffen wir uns, den Schwindendsten, wenn es gelingt, etwas Bleibendes.
Vielen Dank.