Carolin Emcke
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11.10.2010

"Unterwegs mit dem Engel" - Reise durch Europa in zwei Teilen

erschienen in: DIE ZEIT, 11. Oktober 2010

Bremerhaven

Zum ersten Mal beginnt eine Reise, deren Ziel ich nicht kenne. Es ist kein Ort, kein einzelnes Land, zu dem ich aufbreche, sondern eine Idee: unsere Vorstellung davon, was Europa ausmacht. Keine Reise an einem Fluß oder einer Bergkuppe, sondern an einer Frage entlang: Wer sind wir? Welche historischen Erfahrungen haben sich eingeschrieben in uns, welche Verluste, welche Versprechen reichen wir weiter von Generation zu Generation wie ein Laib Brot, von dem sich jeder ein Stück bricht – und wie hat sich das »Wir« verändert? Ist es etwas Rückwärtsgewandtes, was uns als Wurzeln vereint? Das klänge stofflich, das müsste sich dingfest machen lassen. Oder ist es etwas Vorwärtsgewandtes, das uns als Vision gemein ist? Das klänge luftig, das könnte sich verflüchtigen. Was ist dieses Europa, das uns so selbstverständlich scheint, dass wir es manchmal vergessen, das uns langweilig scheint, wenn davon die Rede ist, das nur zur Geltung kommt, wenn es in Zeiten der Not in Frage gestellt oder gebraucht wird? Die Reise beginnt in Berlin. Was war nicht alles im Angebot gewesen für den Auftakt zu dieser Reise durch Europa: Verdun und die Landschaft des Erinnerns an die Kriege, die British Library in London und die Kultur des Archivierens, der Hafen von Neapel und die Kunst der Korruption – die Liste der Orte, die man hätte besuchen können, war endlos, alle Freunde hatten etwas anderes empfohlen – und jetzt das: im Zug über Hannover und Bremen nach Bremerhaven.

Die Stadt an der Wesermündung gehört zu einer der ärmsten Gegenden in Deutschland, nach wechselnden Krisen der Schiffbauindustrie in den 80er Jahren und dem Einbruch der Hochseefischerei siecht die 160 000 Einwohner-Stadt seit Jahren dahin. Auch Neubauprojekte wie das »Haveland« oder das Klimamuseum, die Touristen nach Bremerhaven locken sollen, haben daran noch nichts geändert. Rund 40 Prozent der Bremerhavener Kinder leben in Familien, die Hartz IV beziehen. Doch mitten in diesem vergessenen Bremerhaven steht das preisgekrönte Mueseum der Emigration, das »Auswanderer-Haus« des Hamburger Architekten Andreas Heller, das die Geschichte der Migration des frühen 19. bis zum späten 20. Jahrhundert erzählt. Hier soll die Erkundung ihren Anfang nehmen.

»Argentinien oder Vereinigte Staaten?« – der junge Mann am Einlass im lichtdurchfluteten Foyer des Museums lächelt freundlich. »Wollen Sie eine Auswanderergeschichte nach Argentinien oder in die USA?« »Argentinien«. Der Museums-Mitarbeiter reicht eine Karte, »Johanna Ostermann« steht neben einem kleinen Bild von einer Frau mit halblangen gescheitelten Haaren auf dem Boarding Pass, der als Eintrittskarte gilt und zugleich dem Rundgang einen individuellen Charakter gibt. »Geboren am 26.04.1897, gestorben am 20.12.1934, ausgewandert im Jahr 1925«, so steht es auf dem Ausweis, der plötzlich zu meinem eigenen geworden ist. Wer immer das Haus der Auswanderer besucht, wird selbst zum Auswanderer, verfolgt neben der Historie ein Menschenschicksal, in meinem Fall das von Johanna Ostermann, die Europa über Bremerhaven verließ.

Allein zwischen 1821 und 1914 wanderten 44 Milionen Europäer in die Neue Welt aus, davon 5,5 Millionen Deutsche. Über 7,2 Millionen Menschen emigrierten zwischen 1830 und 1974 über Bremerhaven. Im Fernsehen der Gegenwart wechseln sich die Auswanderer-Doku-Soaps ab, von »Good-bye Deutschland« bis zu »Auswanderer sucht Frau«. Aber erst hier im Museum, das die Geschichte der Wanderungsströme früherer Zeiten erzählt, begreift man, was das heisst: auswandern. Der Raum der dritten Station des Rundgangs ist in feuchte Düsternis gehüllt, die Augen müssen sich erst daran gewöhnen, eine riesige schwarze Bordwand ragt meterhoch auf, die »Lahn«, vor der Kulisse des Schnelldampfers blickdichtes Wasser, und am Kai nachgebildete Figuren, Menschen aus unterschiedlichen Epochen und Klassen, die auswandern wollen. Daneben stapeln sich Koffer und Taschen. Überall im Raum verteilt hängen Telefonhörer, über die sich Texte aus Briefen und Tagebüchern hören lassen: letzte Gedanken vor der Abreise, Zweifel an dem Vorhaben, Schmerz des Abschieds. Über Lautsprecher werden Geräusche des Hafens zugespielt, es knarrt und ächzt so furchteinflössend, dass man sich fragt, wie jemals jemand in so einen mächtigen Koloss einsteigen und ins Unbekannte aufbrechen konnte.

Eigenartig, dass dieser Teil der eigenen europäischen Geschichte so selten bedacht wird. Wir erzählen gern von den Abenteurern, in den europäischen Schulbüchern finden sich die Eroberer, die von Spanien und Portugal aus die »Neue Welt entdeckten« als habe es sie vor ihnen nicht gegeben. Die Grausamkeit der Kolonialgeschichte wird weniger gern erzählt. Aber auch von der Geschichte der Emigration aus Europa ist selten die Rede. Um mich herum spazieren vor allem begeisterte amerikanische Besucher durch die Ausstellung: die Auswanderung aus Europa nehmen sie als Ursprung ihrer eigenen Identität, diese Vergangenheit ist keine fremde, sondern die eigene, sie fließt in das amerikanische Selbstverständnis ein und wird dort zum Gründungsmythos. Aber warum speisen wir Europäer diese Geschichten nicht ein in unser Bewusstsein von dem, was Europa auch war und ist: immer beweglicher und veränderter Ort, Fluchtpunkt und Horizont zugleich, Achse für Eingliederung und Ausgliederung – mit all den gebrochenen Erfahrungs- und Erinnerungswelten der Menschen wie Johanna Ostermann?

Bis 1890 waren es vor allem Briten, Iren und Deutsche, die es in die USA und nach Südamerika zog. Vor dem Ersten Weltkrieg setzte die Massenauswanderung aus Ost-Europa ein. Die Leute emigrierten auf der Suche nach Glück oder auf der Flucht vor Armut und Vertreibung. Zwischen 1830 und 1870 flohen deutsche Handwerker, Kleinbauern oder Dienstmädchen – wer ohne Land, ohne Arbeit oder ohne Rechte war, für den bedeutete die Auswanderung die Aussicht auf sozialen Aufstieg, der in der alten Welt, in Europa, nicht möglich schien. Zwischen 1871 und 1913 trieben die Pogrome in Russland und drohende Arbeitslosigkeit Menschen in die Ferne, 1914 bis 1932 die Große Depression nach dem Ersten Weltkrieg und die Inflation. Nach 1932 zwangen die Nationalsozialisten und deren Gewalt die europäischen Juden zur massenhaften, verzweifelten Flucht. Auswanderung scheint beim Durchgang durch das Museum in Bremerhaven als das verzögerte Echo sozialer oder ökonomischer Krisen: leicht zeitversetzt brechen Menschen auf, verlassen Orte, an denen sie nicht gebraucht oder gewollt werden, Wanderungen als Spiegel historischer Umbrüche. Das könnte der Grund dafür sein, warum an die Emigration in Europa ungern erinnert wird, warum die Auswanderung nur so schwach gegenwärtig ist, wie ein vergilbtes Fotoalbum mit Bildern, die niemand mehr kennt: weil sie Bruchstellen europäischer Gewalt-Erfahrung markiert, jene Punkte, von denen aus die einen aufbrachen, unfreiwillig oder freiwillig, und die anderen blieben, um die Geschichte Europas, nach den Schrecken von Krieg und Zerstörung fortzuschreiben. Geblieben, im europäischen Gedächtnis, ist das Wissen um die eigene Zerbrechlichkeit, um den dünnen Firnis, der die Gewalt bedeckt. Womöglich ist das einer der Unterschiede zwischen dem europäischen und dem amerikanischen Selbstverständnis. Die amerikanische Erinnerung beruft sich auf die Auswanderer, die auf ein Ziel hin gewandert sind. Die europäische Erinnerung gilt, wenn überhaupt, Auswanderern, die weggewandert sind. Der europäische Engel der Geschichte, um ein Bild von Walter Benjamin zu leihen, bleibt dem Unheil zugewandt, er blickt auf die Trümmer des eigenen moralischen Versagens, angesichts der Untiefen von Krieg und Gewalt.

II. Peretu/Bukarest

»Ich war noch nie in Spanien und möchte auch nicht dorthin gehen«, sagt Maria Varza und drückt ihre Enkelin Livia an sich, »es gibt noch so vieles in Rumänien, das ich nicht gesehen habe.« Sie steht in ihren Garten in dem kleinen Dorf Peretu, südwestlich von Bukarest, und schaut auf den Truthahn, der zu ihren Füßen den Boden nach Nahrung absucht. Seit vier Jahren lebt die 73-jährige hier schon allein. Kurz nachdem der spanische Ministerpräsident Zapatero ein Gesetz zur Legalisierung illegaler Einwanderer durchgesetzt hatte, sind ihre Tochter und ihr Schwiegersohn nach Spanien gezogen, um dort Geld zu verdienen. Seither hütet Maria ihre beiden Enkelinnen, Livia, 5, und Kassandra, 11. »Als sie gegangen sind, war ich noch jünger«, sagt sie und streicht ihr geblümtes Kleid glatt, »da ist es mir noch leichter gefallen. Aber es war eine richtige Entscheidung.« Dreihundert Euro schicken ihr Schwiegersohn und Tochter per telegraphischer Überweisung an eine Bank. Mehr nicht. Sie sollen das hart verdiente Geld ja sparen. Dafür schickt Maria Varza alle drei Monate selbst gekochte Marmelade und rumänischen Käse nach Spanien. Jedes Jahr im Sommer kommen die Auswanderer wieder her, in das Dorf, zu Maria Varza, einen Monat bleiben sie dann, um ihre eigenen Kinder zu erleben. Die restlichen Monate muss ein täglicher Anruf reichen.

In Rumänien nennt man solche »Waisen«-Kinder, deren Eltern in der Fremde arbeiten, »die Eurogeneration«. 350 000 Jugendliche und Kinder wachsen in Rumänien in geteilten Familien auf, Familien, die zwischen West- und Ost-Europa zerrissen sind. Laut der letzten Erhebung von der EU-Statistikbehörde »Eurostat« vom Dezember 2009 leben 30,8 Millionen ausländischer Bürger in EU-Staaten, davon 11,3 Millionen, die selbst aus einem der 27 Mitgliedsländer der Union stammen – Einwanderer nach und Auswanderer aus Europa zugleich. 1,7 Millionen Rumänien wohnen in einem der anderen europäischen Länder, allein in Spanien arbeiten 734 000 Rumänien wie die Kinder von Maria Varza, sie arbeiten als Erntepflücker, auf den Erdbeer- oder Tomatenplantagen, im Straßenbau oder als Haushaltshilfen und Babysitter. Knapp zehn Prozent der rumänischen Bevölkerung sind nach Italien oder Spanien gezogen, jeder Sechste aus der Bevölkerungsgruppe zwischen 18 und 60 Jahren. Seit Anfang 2002 mehrere EU Staaten die Visumspflicht für rumänische Staatsbürger aufhoben, schickten die Arbeitsmigranten laut Le Monde Diplomatique jährlich bis zu 10 Milliarden Euro in ihre Heimat, in manchen Jahren waren es mehr als 10 Prozent des Bruttosozialprodukts.

»Die ersten, die weggezogen sind, das waren die Mutigen, die Abenteurer«, sagt Ionel Olteanu, der Bürgermeister von Peretu. Er sitzt hinter seinem Schreibtisch in einem winzigen Büro unter einer Europa-Fahne und freut sich über den Besuch. Er hat nur wenig Zeit, heute findet das Dorffest statt, es gibt einen Auto-Scooter und ein Karussel und gegrillte Würstchen, einen richtigen kleinen Jahrmarkt haben sie dafür aufgebaut, da muss er gleich hin, aber vorher will er noch erklären, wie die Menschen aus Peretu ausgezogen sind nach Europa – »dann gingen die gut ausgebildeten Arbeiter und die haben wieder die übrigen nach sich gezogen.«

In der Gemeinde von Peretu lebten einmal 10 000 Einwohner, 2000 Schafe und 300 Kühe, Olteanu zählt das alles auf, heute sind es knapp 1000 Menschen weniger. Nach und nach sind sie verschwunden aus der Gegend. Viele von ihnen waren früher einmal angestellt bei der staatlichen Eisenbahngesellschaft, wie Olteanus Vater und sein Großvater, bis zur Privatisierung der Bahn, dann wurden sie nach Hause geschickt. Geblieben sind die alten Waggons, die auf den Weiden neben der Reparaturfabrik der Eisenbahngesellschaft vor sich hinrosten, geblieben sind die verlassenen Gebäude der lokalen Bier-Brauerei, geblieben sind Großmütter wie Maria Varza, die in leeren Straßenzügen wohnen, zwischen unbewohnten, verschlossenen Häusern und Gärten, in denen die Obstbäume ungepflückt bleiben und im Spätsommer die Äpfel auf der Erde faulen.

Gleich nebenan im Nachbarhaus von Maria Varza steht Petre Croitoru, 26, in orangefarbenen Shorts und mit nacktem Oberkörper in seinem neu verputzten Badezimmer. »Ich arbeite in Dublin,« sagt Croitoru, »ich würde überall leben, wo es Arbeit für mich gibt.« Er pinselt weiter, während er spricht. Pausen kann er sich nicht leisten. Hier in Peretu nicht, wo er zwei Wochen des Sommers verbringt, und auch in Dublin nicht, wo er seit zwei Jahren auf dem Bau arbeitet. 9 Euro erhält er pro Stunde, 90 Euro am Tag. »Hier dagegen«, sagt Croitoru und passt eine lilafarbene Fliese genau in die Fuge ein, »hier würden wir verhungern.« Die globale Krise hat die rumänische Wirtschaft erschüttert: nach einem Wachstum von 7,1 Prozent im Jahr 2008 ist Rumänien im ersten Quartal 2009 mit 6,2 Prozent ins Minus gestürzt. Die Auslandsivestititionen sind 2009 im Vergleich zum Vorjahr um 44 Prozent gesunken, die Einfuhr ist zum Juni 2009 um 22 Prozent eingebrochen. In Irland teilt Croitoru ein Zimmer mit seinem Schwiegervater, das Geld, das er dort verdient, überweist die Baufirma direkt auf sein Konto in Rumänien. Croitorus Mutter kommt herein, sie trägt die jüngste Enkelin auf dem Arm und zeigt das Kinderzimmer, das bald fertig sein soll. Was Europa für ihn bedeutet? Was er von Brüssel erwartet? Croitoru schüttelt den Kopf. Von anderen will er nichts erwarten, nur von sich selbst. Das ist das Bild, das Westeuropäer oft von Osteuropäern zeichnen: dass sie unterstützt werden wollen – aber Croitoru wehrt sich dagegen: »Europa,« sagt er, »das heisst für mich, die Freiheit, arbeiten zu dürfen.«

Es ist nicht einfach Freiheit von etwas, die junge Europäer wie Croitoru mit Europa verbinden, von stalinistischer Repression und Unterdrückung seit der Revolution in Rumänien im Dezember 1989. Sondern gerade bei den Auswanderern, die wieder zurückkehren nach Rumänien, ist es die Freiheit zu etwas – arbeiten zu dürfen, auf die Suche zu gehen, nach besserer Arbeit, besseren Chancen, besserer Bildung. Freiheit bedeutet für sie Teilhabe. »Pursuit of happiness«, das Streben nach Glück, in der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten als Menschenrecht ausgerufen, beginnt mit der Suche nach Arbeit in einem anderen EU-Land. Ist das der amerikanische Traum auf ost-europäisch? In Peretu mögen keine Fördergelder aus Brüssel oder Bukarest ankommen, es fehlt an staatlichen Investitionen und öffentlicher Infrastruktur, aber das private Geld der Auswanderer fließt wieder zurück, sie investieren in ihre Dörfer. Sie wollen, dass ihre Kinder eine gute Schulbildung bekommen. Und mit dem gehobenen Lebensstandard, den sie durch ihre Arbeit im Westen finanzieren, steigen auch ihre politischen Erwartungen.

»Wenn sie wieder hierherkommen,«, sagt Olteanu, »dann bringen sie ein kleines Europa hierher.« Das klingt, als sei Europa noch etwas Äußeres, etwas, das außerhalb Rumäniens liegt, abgetrennt entlang der alten Konfliktlinie des Kalten Krieges. Bestehen sie noch, diese Unterschiede zwischen West und Ost? Verlieren sie sich nicht mit der Integration in Europa? Sind es nicht die Lebensgeschichten der Osteuropäer von heute, der Wanderer, der Polen in Berlin, der Rumänen in Madrid, der Roma in Frankreich, die die westeuropäischen Werte von gestern verwirklichen? Die Idee der Freiheit und der Teilhabe, die die Französische Revolution erkämpfte, werden sie von den »neuen« Europäern stärker geschätzt, weil sie ihnen noch zerbrechlich erscheinen?

Am Tag darauf morgens früh vor dem Ghencea-Friedhof von Bukarest. Per Fax hatte die Verwaltung des Friedhofs den Besuch und auch das Photographieren von Ceaucescus Grab genehmigt. Doch jetzt ist auf einmal alles anders. Das schmiedeeiserne Tor ist verschlossen, eine Wache verweigert Einlass und Auskunft wie Kafkas Türhüter vor dem Gesetz, und in der Auffahrt stehen die Übertragungswagen der lokalen Fernsehstationen mit ihren Satelitenschüsseln. Eine Traube von drängelnden Kameraleuten hat sich um Nicu Pirvu gebildet, den einzigen Zeugen, der die geheime Exhumierung des Leichnams von Nicolae Ceaucescus beobachtet hat – des langjährigen kommunistischen Parteiführers und Diktators von Rumänien, der Ende 1989 zusammen mit seiner Frau hingerichtet wurde. Jahrelang hatten die Kinder Ceaucescus die demokratische Regierung gedrängt, Auskunft zu geben, wo ihre Eltern beerdigt wurden und ob die beiden winzigen Gräber, zu denen Mitglieder der kommunistischen Partei wie Pirvu pilgern, wirklich die richtigen seien. Bis heute. Seit 23 Jahren Jahren kommt Pirvu hierher, jede Woche, an das inoffizielle Grab des früheren Diktators. Der Unteroffizier hat mit dem Ende des Kommunismus seinen Job im Innenministerium verloren. Auch deswegen hat Pirvo die Zeit, schon morgens um acht auf dem Friedhof das Grab seines früheren Helden zu besuchen. »Der Körper war stark verfallen,« sagt Pirvu in die Mikrophone der Nachrichten-Sender, »aber ich konnte seinen Hut wiedererkennen, seinen Mantel und seine Schuhe.« Gerade als Pirvu ansetzen will zum Lob des Diktators und zur Klage über das traurige Los der Kommunisten heute, öffnet sich das Tor und Mircea Oprean, der Schwiegersohn Ceaucescus, tritt vor die Kameras: »Ich habe vor Freude geweint«, liest er von einem Zettel ab, »ich bin sicher, das sind sie. Aber jetzt warten wir auf die offizielle Bestätigung durch die DNA Proben.« Was sie denn mit den Leichnamen machen wollten, wenn sie die Gewissheit hätten, dass es Nicolae und Elena Ceaucescu wären, fragt einer der Journalisten »Wir wollen ihnen ein christliches Begräbnis bereiten.«

»Sie, im Westen, werden nie verstehen, was eine nationale Identität im Osten bedeutet,« erklärt Horia-Roman Patapievic, der Leiter des Kultur-Instituts Rumäniens in Bukarest. Er sitzt hinter seinem Schreibtisch, auf dem sich Bücher in fünf europäischen Sprachen stapeln, und auf die Frage, warum wir aus dem Westen da denn nicht verstünden, lacht Patapievic nur und erkundigt sich höflich, ob er sich dazu eine Pfeife anzünden dürfe, die Antwort sei lang. Während er Tabak in die Pfeife stopft, beginnt er zu erzählen: von den »starken«, selbstbewussten und unangefochtenen Identitäten im Westen, von der starken Geschichte, den starken Erinnerungen, der starken Identität. »Nennen Sie mir ein osteuropäisches Genie, einen großen Künstler«, sagt er und schaut zwischen seinen Büchern hindurch. »Tolstoi«. »Ah, Tolstoi, ja, aber wer wären Tolstoi und Dostojewski ohne Europa gewesen?« Die osteuropäischen Staaten denken sich immer nur im Hinblick auf Westeuropa, die Sicht des Westens auf sich selbst haben sie so sehr internalisiert, dass sie zu Kulturen der Scham geworden sind. Mit der Gewissheit, der Selbstsicherheit westeuropäischer Identität geht für Patapievic aber auch eine Schwäche einher: die Abgrenzung gegen Andere. Was der Westen vom Osten lernen könnte? »Was es heisst, es fragile, eine unsichere Identität zu haben,« sagt er schließlich und hebt die gestopfte, aber noch immer nicht angerauchte Pfeife in die Höhe, «es ist leichter, tolerant zu sein, wenn man schwach ist.«

Für den Bildungsbürger Patapievic geht es bei der Toleranz um den Umgang mit den großen Kulturen. Für das Europa von heute erkennt er den Islam als die Herausforderung. Für Rumänien, das schwache Rumänien, waren es drei Imperien, denen es sich in seiner Geschichte unterordnen musste: das Reich der Habsburger, der Osmanen und der Sowjets. In der Gegenwart bräuchte es Toleranz und Empathie eher für die, die als noch schwächer gelten: die Flüchtlinge aus der Ukraine und Moldawien, für die Rumänien vor allem die Ost-Grenze Europas bedeutet, für die rumänischen Roma, die Europäer sind, aber behandelt werden, als gehörten sie nicht dazu, und schließlich die Opfer von Menschenhandel, junge Mädchen, die in die Prostitution gezwungen werden, junge Roma, die zum Betteln geprügelt werden, für die die freien Grenzen Europas vor allem ein grenzenloser Albtraum sind. Auch wenn Rumänien offiziell noch nicht zu den Schengen-Staaten gehört, erhält die Regierung in Bukarest schon heute finanzielle Unterstützung zur Sicherung der Aussengrenzen Europas. »Rumänien unter Ceaucescu war ein kommunistisches Land mit scharf gesicherten Grenzen«, sagt Ciprian Nita, von der »International Organisation of Migration« in Bukarest. »Bevor wir der EU beigetreten sind, hat man verhindert, dass Menschen ausreisen, heute verhindert man, dass Menschen einreisen.«

Madrid

Morgens früh am Flughafen Schönefeld. Beim »Easy Jet«-Schalter sammeln sich Polen, Tschechen und Spanier beim Check-in für den Flug nach Madrid. Vermutlich haben die Billigfluganbieter, die die Wanderer von heute – Pendler, Ar-beits-mi-gran-ten, Urlauber – transportieren, mehr für die europäische Einigung getan als alle Seminare, Konferenzen und Workshops zwischen Warschau und Livorno. Im Flugzeug gibt es kostenpflichtigen Tee von Starbucks und einen kostenlosen Blick über die schneebedeckten Pyrenäen. Von oben ist Europa leichter zu betrachten. Von oben oder von außen. Jedenfalls aus der Distanz. Das Eigene liegt immer im toten Winkel der Wahrnehmung. So wird zum Europäer erst, wer sich unter Nichteuropäern bewegt, zum Weißen erst, wer unter Nichtweiße geht, zum Christen erst, wer sich unter Juden, Muslime oder Atheisten mischt. Es wird kein Zufall sein, dass die Debatte über Europa gerade jetzt, in diesem historischen Augenblick, auftaucht. Sie hat gar nicht hauptsächlich mit der Integration zu tun. Sondern mehr mit der Globalisierung und mit aufstrebenden Mächten, die Europa verstören, weil es sich im Spiegel der anderen selbst betrachten und befragen muss.

In Madrid herrscht Streik bei der Metro. Also geht es mit dem Taxi in die Stadt. Die Gewerkschaften bekämpfen die Sparpläne der sozialistischen Regierung Zapatero. 15 Milliarden Euro sollen eingespart werden, um das Etatdefizit von derzeit über elf Prozent zu senken und die Angst der europäischen Finanzmärkte vor einem Übergreifen der Schuldenkrise auf Spanien zu dämpfen. Die Eingänge zu den U-Bahn-Schächten der Innenstadt sind plakatiert mit Streikwarnungen, keine Empfehlungen für alternative Transportmittel, also weiter zu Fuß. Zunächst zum Museo del Jamon, dem Schinkenmuseum unweit der Puerta del Sol, im Angebot ist ein bocadillo jamon, ein herrliches Baguette mit Serrano-Schinken, für einen Euro – undenkbar im vermeintlich billigen Flieger.

Über dem halbrunden Dach des Bahnhofs Atocha weht die spanische Fahne. Drinnen in der riesigen Abfertigungshalle herrscht die entspannte Geschäftigkeit eines Wochentags, an dem die Metro lahmgelegt ist, aber die Züge fahren; ein Chor singt Madrigale zwischen meterhohen Palmen des tropischen Gartens im Innern, der dem Bahnhof die Aura des Flüchtigen nimmt. Sechs Jahre ist es her, da musste Europa hier die zersetzende Kraft der Gewalt erleben. Am 11. März 2004 explodierten morgens früh zehn Sprengsätze in verschiedenen eng besetzten Vorortzügen auf der Strecke zwischen Alcala de Henares und dem Bahnhof Atocha in Madrid. 2051 Menschen wurden verletzt, 191 starben. Es war seit 1988, seit dem Attentat auf eine Pan-Am-Maschine über dem schottischen Lockerbie, der Terroranschlag mit den meisten Todesopfern in der Geschichte der EU. Der »11-M«, wie der Anschlag in Spanien genannt wird, ist das europäische Gegenstück zum 11. September 2001 in New York, auch wenn Spaniens Reaktion mit dem amerikanischen »Krieg gegen den Terror« nichts gemein hat, ja geradezu wie ein Gegenentwurf wirkt.

»Gibt es hier ein Denkmal für die Opfer des Anschlags?« Der Beamte des Sicherheitsdienstes Prosegur schaut auf, freundlich, aber überrascht, dass sich jemand für das Gedenken an den Terror interessiert. »Das passiert selten«, erklärt er, schon im Gehen, um mich zu begleiten. »Es gibt etwas Kleines hier im ersten Stock des Bahnhofs«, sagt er, dann hält er inne und schüttelt den Kopf, »aber Sie sollten in den Retiro gehen, da ist das wirkliche Mahnmal. Das ist schöner.« Wie kann die Erinnerung an Tod und Zerstörung schön sein?, frage ich mich auf dem Weg zum Retiro, dem groß angelegten Park im Zentrum von Madrid. Was ist in Madrid so anders verlaufen als in New York, wo gerade jüngst die Diskussionen über das Gedenken am Ground Zero eine Wendung ins Schrille genommen haben?

Schon früh mischte sich in Spanien die Trauer über die Opfer mit dem Zorn – nicht auf die fremden Täter, sondern auf die eigene Regierung. Im Augenblick tiefster Verwundung, als die Spanier noch mit der Erschütterung der brutalen Anschläge zu ringen hatten, wandten sich die Demonstranten auf den Trauermärschen im ganzen Land bereits gegen die Regierung des damaligen konservativen Ministerpräsidenten Aznar, die ohne Beweise die baskische Separatistenorganisation Eta der Urheberschaft bezichtigt hatte. Aznar passte interner Terror besser ins eigene Wahlkampfkonzept als externer: Die Konservativen waren traditionell die Partei eines harten Kurses gegen die Eta. Frühe Hinweise auf al-Qaida wurden bewusst ignoriert, weil mit islamistischem Terror auch der unpopuläre Krieg im Irak zum Thema geworden wäre. Das war manipulative Propaganda, und eben-dafür wurde Aznar scharf kritisiert. Aber es bleibt bemerkenswert, dass es in Spanien selbstverständlich erschien, die Gewalt auch im Inneren, als etwas Eigenes zu vermuten. Die Zuschreibung war falsch, doch sie zeigte, dass Spanien Terror nicht ausschließlich mit dem Islam verknüpfte.

Als am 12. März 2004 sich in ganz Spanien elf Millionen Menschen an Trauermärschen für die Opfer vom 11-M beteiligten, mussten in Barcelona Mitglieder der konservativen Partei die Demonstrationen unter Polizeischutz verlassen. Bei der Parlamentswahl drei Tage später wurden die Konservativen für ihre Desinformationspolitik abgestraft – und der Kandidat der Sozialisten, José Luis Zapatero, wurde zum neuen spanischen Ministerpräsidenten gewählt. Als eine seiner ersten Amtshandlungen kündigte er nur einen Monat nach den furchtbaren Anschlägen von Atocha, den baldigen Abzug der spanischen Truppen aus dem Irak an. Im Frühjahr 2005 dann legalisierte Zapatero fast eine Million Einwanderer ohne Aufenthaltsgenehmigung, viele von ihnen aus denselben Herkunftsländern wie die Attentäter vom 11-M. Spanien wollte die muslimischen Arbeitsmigranten aus Marokko und Algerien ebenso in die Bürgergemeinschaft aufnehmen wie die osteuropäischen aus Rumänien und Bulgarien, die seit Jahren auf den Gemüseplantagen von Almería oder den Baustellen von Madrid am spanischen Wirtschaftsboom mitgearbeitet hatten. Terror, das machte Zapatero deutlich, entspringt keiner Religion oder Herkunft, sondern Ideologie und Wahnsinn. Es klang nicht wie eine Niederlage gegenüber radikal-islamistischen Terroristen, sondern wie ein Sieg der Vernunft über den Zirkel der Gewalt.

Parque de los Ausentes heißt das Mahnmal im Retiro: Park der Abwesenden. Kein steinernes Monument verewigt hier den Zorn der Hinterbliebenen, keine betonierte Stele ragt gen Himmel und symbolisiert staatliche Härte im Kampf gegen den Terror. Das Mahnmal besteht aus nichts als einem kleinen Hügel, der spiralförmig mit Zypressen und Olivenbäumen bepflanzt ist. Der Park ist umschlossen von einem schmalen Wassergraben, leise plätschernd fließt ein Wasserfall über den Hügel in den runden Graben, wer zu den Zypressen und Oliven will, muss das Wasser wie den Styx, den Grenzfluss der Unterwelt in der griechischen Mythologie, überqueren. 191 Bäume säumen den Hügel, so viele Bäume wie Tote des Anschlags. Sie heißen nicht »Opfer« in der spanischen Gedenkkultur, nicht »Märtyrer«, sie werden nicht zu »Helden« erklärt, es sind Menschen, die fehlen, keine martialische Rhetorik und keine schärferen Sicherheitsgesetze können sie zurückbringen. Die Toten werden nicht politisch oder metaphysisch erhöht. An diesem schönsten Ort der Trauer in Europa bleiben sie abwesend.

Marseille/Plaine de Berre l'Etang

»Wir sind keine Roma«, sagt Josefine Muñoz freundlich, aber bestimmt, »wir sind Zigeuner.« Sie steht in Petit Seminaire, einem grau betonierten Armenviertel im Norden von Marseille, und blinzelt ins mediterrane Licht der Provence. Von dem Bemühen, einen möglichst unbelasteten Begriff für ihre Leute zu finden, weiß sie nichts. Auch gens de voyage (»Fahrendes Volk«), wie sie in Frankreich von den Behutsameren genannt werden, erscheint ihr falsch. Schließlich sind sie und ihre Familie ja keine Reisenden wie die Touristen, die jedes Jahr hier in der Provence einfallen, Amerikaner oder Japaner, die mit dieser Landschaft, mit den lilafarbenen Lavendelfeldern und den gelb-rötlichen Städten von Aix-en-Provence oder Avignon den authentischen Kern Europas verbinden. Sie wohnen schließlich in Marseille, sie sind hier zu Hause, sie zeigt auf das fünfstöckige Gebäude hinter sich, das von außen ungepflegt, aber drinnen hübsch eingerichtet ist. Auf unangemeldeten Besuch waren sie nicht vorbereitet, sagt Josefine Muñoz entschuldigend, obgleich es nichts zu entschuldigen gibt, weil alles in ihrem Wohnzimmer aufgeräumt und vom Spiegeltisch bis zum Samsung-Flachbildschirm auf Hochglanz poliert ist. »Mein Großvater stammt aus Spanien, meine Großmutter aus Frankreich«, sagt Josefine Muñoz selbstbewusst, und dann fügt sie hinzu: »Mit den Roma aus Rumänien haben wir nichts zu tun.«

Die Abgrenzung gegen andere ist wichtig geworden in diesen Tagen, in denen der französische Präsident Nicolas Sarkozy eine ressentimentgeladene Kampagne gegen eingewanderte Roma aus Rumänien und Bulgarien begonnen hat. Die EU-Kommission hat Sarkozy scharf kritisiert, und selbst Papst Benedikt XVI. ermahnte Frankreich, die Werte der Französischen Revolution nicht zu vergessen und »die menschliche Vielfalt zu akzeptieren«. Ausgerechnet Frankreich, die einst selbstbewussteste Nation Westeuropas, ringt mit seiner Identität, als ob es zu den fragilen Staaten des europäischen Ostens gehörte. In Gesprächsrunden und auf Internetforen, in Gesetzesentwürfen und Talkshows fragt sich Frankreich, was jedem Nichtfranzosen völlig fraglos ist: worauf es stolz sein könnte in Zeiten der Globalisierung. Es wird gestritten über die französische Nationalmannschaft und die verlorene integrative Kraft der Fünften Republik, über den Schleier muslimischer Frauen und die Rolle der Religion im öffentlichen Raum und über die französische Sprache.

Modegeschäfte mit den türkisfarbenen Trikots des Fußballvereins Olympique Marseille in der Auslage finden sich ebenso in der Rue Camille Pelletain wie Teestuben mit arabischen Backwaren und Metzgereien, die nur ordentlich geschächtetes Fleisch verkaufen, oder Buchhandlungen, die von theologischer Literatur des Islams bis zum Gebetsteppich alles anbieten. 200 000 Muslime leben in Marseille. Im Juli hat das französische Parlament nach hitziger Debatte ein landesweites Ganzschleierverbot verabschiedet, wonach von 2011 an französische Musliminnen keine Burka mehr tragen dürfen. Nicht dass viele die Burka hätten tragen wollen. Aber ein paar sollte es doch geben, die das Verbot betrifft. Wozu sonst etwas verbieten? Und so stehen wir morgens früh vor dem verschlossenen Laden Les Caftans du Soleil; hier soll es Ganzkörperschleier zu kaufen geben. Doch die »Kaftane der Sonne« öffnen nicht so früh, und so gibt es beim Warten im Nachbarcafé einen süßen Minztee mit Pinienkernen. »Das Problem der zwei Millionen Muslime in Frankreich«, hatte die Abgeordnete des Regionalparlaments und Vertreterin des Muslimischen Rats, Fatima Orsatelli, am Vortrag erklärt, »ist ihre soziale Unsichtbarkeit. Der Schleier ist auch ein Instrument, sichtbar zu werden in einer Gesellschaft, die sie ansonsten nicht wahrnehmen will.«

Als schließlich die Rollläden des Ladens hochgezogen werden, ist Ouarda Abid, die Besitzerin, überrascht über die Frage nach dem Schleier. »Sie suchen eine Burka? Aber warum?«, gibt sie zurück und erklärt dann, dass die Burka ihrem Kulturkreis gänzlich fremd sei – das sei ein Kleidungsstück aus Afghanistan, und in Marokko oder Algerien, den ehemaligen Kolonien, aus denen viele Muslime in Marseille stammen, unbekannt. Ouarda Abid lacht, dreht sich einmal um sich selbst und zeigt mit einer Handbewegung das Spektrum all der Kleider, die ihr Laden zu bieten hat. Da gibt es goldbestickte, elegante Abendkleider, traditionelle marokkanische Gewänder, in einer kleinen Vitrine liegt Schmuck aus. Aber eine Burka – nein. Aus dem Nebenzimmer kommt eine Stimme, Ouarda wendet sich der dunklen Silhouette zu, es ist ihr Mann, der auf die gemeinsame Tochter aufpasst, während Ouarda im Laden steht. Ob wir ein Wasser wollten oder einen Tee?

»Frankreich ist ein freies Land«, sagt Ouarda dann, und ohne Pathos erklärt diese junge Verkäuferin mit dem Kopftuch: »Hier gibt es Rechte, hier gibt es Religionsfreiheit« – sie sagt das nicht anklagend, sondern ruhig. Sie verstehe ja, dass Frauen auf dem Amt ihr Gesicht zeigen müssten, da sollten sie sichtbar sein für die Behörden, das findet auch Ouarda, aber sonst? »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit«, sagt Ourda und schaut, als sei sie besonders begriffsstutzige Zuhörer gewohnt, »aber wir Muslime sind hier nicht gleich. Sonst könnten wir tragen, was wir wollten.« Während Europa nach sich selbst sucht und die Werte der Aufklärung, der Religionsfreiheit und der Toleranz betont, werden sie von Ouarda Abid ganz selbstverständlich in Anspruch genommen. Sie beruft sich in ihrem Recht, Schleier zu tragen, nicht auf den Koran oder ihren Glauben, sondern auf das Gleichheitsprinzip. So wie für Petre Croitoru, den ich in Rumänien getroffen hatte, das Recht, arbeiten zu dürfen, ein hohes Gut darstellt, so verteidigt die Muslimin Ouarda Abid das Recht, glauben zu dürfen. Etwas beschämt fragt man sich, ob es die Neu-Europäer sind, die die alten europäischen Werte besser verkörpern als die Alt-Europäer, die behaupten, sie gingen bei aller Überfremdung verloren.

Und dann folgt die letzte Station der Europa-Reise – ein anderes Frankreich, das Bilderbuch-Frankreich der Provence. Wir fahren von Marseille aus hin, eine kurze Reise in eine ferne Welt. Es ist später Vormittag in Plaine de Berre l'Etang, Daniel Roche sitzt in der Küche seines Landhauses und erklärt: »Ich bin kein Anti-Europäer«, als ob das üblich sei unter französischen Bauern. Draußen reihen Tomatenplantagen sich an Olivenhaine; die drei Hunde, die vor der Küchentür hecheln, verfolgen die Aktivitäten am Kühlschrank hoffnungsvoll, doch Roche holt erst einmal drei Bier mit Limonade aus dem Kühlschrank. Nix mit Futter für die Hunde, die nun missgünstig die Katze betrachten, die an die Scheibe kratzt, damit Roche sie nach drinnen holt. Mit der Katze auf dem Schoß öffnet Roche eine Flasche Olivenöl aus der eigenen Produktion und schneidet ein Brot an. »Ah, so geht das natürlich auch nicht, Bier zu Olivenöl, das ist ein Sakrileg«, ruft er aus, und ehe Einspruch zu erheben ist, sind die Biergläser wieder vom Tisch abgeräumt, und eine Flasche Rotwein wird geöffnet. Also sitzen wir schließlich um 11 Uhr bei Rotwein und Baguette und reden, zunehmend angeheitert, mit einem französischen Bauern über den Niedergang der Landwirtschaft – manchmal ist die Wirklichkeit noch unwahrscheinlicher als jedes Klischee.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Hälfte der arbeitenden Bevölkerung in Frankreich in der Landwirtschaft beschäftigt. Das »echte« Frankreich, so hieß es, »la France profonde«, sei das ländliche Frankreich. Doch die traditionelle Landwirtschaft stirbt aus. Die Zahl französischer Agrarbetriebe ist von zwei Millionen im Jahr 1960 auf 657 000 abgestürzt. In den letzten 40 Jahren sind die Preise für die Ernten um 60 Prozent gesunken. »Du musst verrückt sein, um auf dem Land zu arbeiten«, sagt Daniel Roche. Sein ganzes Leben lang hat Roche diesen Hof bewirtschaftet, vor ihm sein Vater und davor sein Großvater. Von den siebzigern bis in die neunziger Jahre waren die Erträge gut. Auf drei Hektar produzierte Roche bis zu 900 Tonnen Tomaten jede Saison.

»Mit der Liberalisierung des Marktes begannen die Preise zu sinken«, erzählt Roche, »die spanischen Produkte waren einfach billiger, die haben besseres Klima und billigere Arbeitskräfte aus Marokko.« Zuletzt kostete ihn ein Kilo Tomaten 70 Cent in der Herstellung und brachte nur 60 Cent im Verkauf. Als 2009 am Ende der Saison ein Defizit von 100 000 Euro entstand, gab Roche auf. Trotzdem kommt kein böses Wort über die spanische oder gar marokkanische Konkurrenz über Roches Lippen. Das Problem seien nicht die anderen, das Problem sei die eigene Ideologie, der absolute Glaube an den Markt. »Wir haben geglaubt, Neoliberalismus sei der einzige Weg des Fortschritts«, sagt Roche zwischen zwei Scheiben Brot mit Olivenöl. »Die Supermärkte haben immer billigere Produkte verlangt, und wir haben den Kampf gegen die Supermärkte verloren.«

Und dann führt Roche durch seine Gewächshäuser, die er unter diesen Umständen nicht mehr selbst bewirtschaftet, sondern verpachtet hat. 35 Reihen mit Tomatenstauden, 100 Stück pro Reihe, noch immer betrachtet er jede einzelne Pflanze, als sei es seine, er kontrolliert die Farbe, die Festigkeit der grün-roten Frucht, wortlos und konzentriert. Die Leute, die sich mit Liebe in die Landwirtschaft stürzen, gebe es nicht mehr, hatte Roche noch zuvor in seiner Küche gesagt. Aber wer ist denn nun so verrückt, die Arbeit auf seinem Land zu übernehmen? »Meine Arbeiter aus Marokko.« Er geht mit uns durch die feuchte Hitze der überdachten Tomatentreibhäuser zu Mohammed und Ali Ahdid. 20 Jahre lang haben sie für Roche gearbeitet, jetzt wollen sie es selbst versuchen, als Pächter auf dem Land ihres früheren Arbeitgebers. »Es ist ein Risiko«, sagt Roche, »aber ich habe keine Kinder und bin froh, wenn Mohammed und Ali das Wagnis eingehen.«

Wahrscheinlich hat Roche, der provencalische Bauer, Europa auf einen besseren Begriff gebracht als die Soziologen und Politiker, die dieser Tage mit der Frage der europäischen Identität ringen. Das Land, das er liebt, dessen Geschichte mit der seiner Familie seit Generationen verwoben ist, reicht er weiter an die nächste Generation, an Menschen, denen er vertraut, die er schätzt, weil sie das Land zu lieben und zu bearbeiten wissen wie er – und es ist ihm gleich, ob es seine Kinder sind oder Fremde.

Vier Wochen der Reise durch Europa gehen zu Ende, beim Flug von Paris nach Berlin höre ich über Kopfhörer die Kunst der Fuge von Bach. Es ist das ideale Stück, um zu begreifen, was das sein kann, eine kollektive Identität, eine dynamische Kultur, eine lebendige Gemeinschaft im 21. Jahrhundert. Das Europa von Daniel Roche, das von Petre Croituro oder Ouarda Abid, das der Auswanderer aus Bremerhaven wie der Einwanderer in Madrid ist so wie diese Kunst der Fuge. Es gibt eine Komposition, einen musikalischen Text, aber er ist nicht abgeschlossen. Bach hatte das Werk nie vollendet. Und es gibt kein Arrangement – es fehlen alle Angaben des Komponisten darüber, mit welchen Instrumenten, in welchen Ensembles die Musik aufgeführt werden soll. So gibt es eine Kunst der Fuge für Orchester und eine für Streichquartett. Es ist immer die Kunst der Fuge, aber der Klang, der von den verschiedenen Instrumenten erzeugt wird, ist stets ein anderer.

So stelle ich mir Europa vor: Es gibt eine Partitur, die besteht aus der Verfassung, aus den festgeschriebenen Gesetzen und Rechten, es gibt eine Geschichte, aber sie ist nicht abgeschlossen, und es steht nicht geschrieben, wer sie aufführt. Wie dieses Europa klingt, wird sich ändern, je nachdem, welche Instrumente es aufführen, und doch wird es immer der Klang Europas bleiben.



Marseille
© Sebastian Bolesch
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