Carolin Emcke
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28.05.2010

Über das Reisen - 2

Essay für das Nachtstudio des Bayerischen Rundfunks

Haiti erzählen

Wie von Haiti erzählen?

Wo beginnen, wenn doch jeder so viele Bilder gespeichert hat, aus den ersten Tagen des Erdbebens, wo doch so viele Erzählungen und Geschichten über Tod und Verwüstung auf Haiti sich eingeprägt haben? Wie gegen die Gewöhnung ansprechen, die sich wie Lava ausbreitet, mit langsamer Massigkeit, die alles schluckt und die jede Neugierde und Anteilnahme zu verhärten droht? Wie verhindern, dass Haiti nur wie irgendein Ort der Welt klingt, an dem getrauert und gelitten wird?

Wie kann ich von Haiti erzählen, dem einzigartigen, erschütternden Haiti, das schlimmer war, als alles, was ich mir vorher ausgemalt hatte?

Wie kann ich erklären, dass Haiti nicht Haiti ist, dass es anders ist, dass all die Bilder, all die Texte, die auch ich vorher gesehen und gelesen hatte, nicht ausreichen, wie kann ich erklären, dass Haiti überrascht und verwirrt, dass nichts bekannt ist in so einer Gegend, und dass jede Beschreibung aus dem Wendekreis des Elends immer unvollständig bleibt, dass es sich immer ungenügend anfühlt, wie diese Bettdecke aus der Kindheit, die ein wenig zu kurz war, und wie man auch daran rupfte und zog, sie deckte nie alles ab, und es blieb zu kalt.

Wie diese Decke erscheinen mir meine eigenen Versuche, die Welt aus Haiti zu beschreiben. Manchmal versuche ich es.

Manchmal frage ich Freunde, ob sie etwas hören wollen von Haiti.

Dieses Sprechen ist wie der Probelauf zum Schreiben. Als ob ich einmal testen müsste, wie eine richtige Erzählung aus Landschaften der Gewalt und der Trauer aussehen müsste, damit sie nachvollziehbar ist.

Manchmal frage ich meine Freunde, ob ich ihnen etwas schreiben darf.

Manchmal frage ich das schon auf der Reise selbst. Ob ich schonmal berichten darf von dem, was ich erlebe. Manchmal reagieren meine Freunde gar nicht.

Manchmal sagen sie: ja, gern.

Und dann erzähle ich und schon im Sprechen oder Schreiben merke ich, wie die Decke meiner Erzählung zu kurz ist, wie ich mich frage, wieviel Zeit sie wohl haben, wie lange ich sie wohl belasten darf mit dieser Uferlosigkeit des Schreckens auf Haiti, frage mich, wo ich eigentlich beginnen soll, ihren Wirklichkeitsbegriff zu öffnen für eine Welt, in der nicht nur an einer Stelle etwas aus den Fugen geraten ist, eine Welt, die nicht nur an einer Stelle beschädigt ist, sondern die nie in den Fugen war.

Wie kann ich das erklären? Wenn ich es doch selbst mir nicht hatte vorstellen können? Wenn ich es doch selbst schon nicht begreifen konnte, selbst in dem Moment des Erlebens, dort auf Haiti nicht, weil es Erfahrungen gibt, die so furchtbar erscheinen, dass wir sie kaum glauben können.

Vielleicht gibt es Grenzen, psychische Grenzen, die uns davor beschützen, uns Grauen vorzustellen, vielleicht ist es unsere hiesige Unerfahrenheit mit Leid, die uns so beschränkt.

Manches wollen wir uns einfach nicht vorstellen.

Aber manches müssen wir uns vorstellen, weil wir es sehen, weil wir es erleben.

Und doch stehen wir dann wie begriffsstutzig davor, und können die einzelnen Teile nicht zusammenfügen zu einem Bild, das Sinn ergibt.

Vielleicht erzähle ich von Haiti, in dem ich von diesen einzelnen Teilen erzähle, Bruchstücken von Erfahrungen, die sich nicht zusammen fügen lassen, die nicht anschlußfähig sind an etwas, was wir kennen, und die nicht versöhnen können mit einer Welt, in der so etwas geschehen kann.

Wie z.B. die Szene mit diesem Jungen, er war vielleicht zehn oder elf, der vor meinem Photographen Sebastian Bolesch stand, und ihn fragte „Do you want to be my daddy?"

Wir hatten am Straßenrand gestoppt, irgendwo in der Ebene nördlich von Port au Prince, als eine Gruppe von drei Jungen heranschlenderte. Wir waren Fremde mit einem Auto, Weiße, das war das einzige, was sie von uns wissen konnten, weil es sichtbar war.

Es war kein Zuhälter bei diesem Jungen, kein Menschenhändler, der ihn entführt hatte, um ihn zu verkaufen, keine verzweifelte Mutter bot ihn an, in der Hoffnung, bei uns ginge es ihm besser als bei ihr.

Nein.

Da stand einfach ein Junge und bot sich selbst an.

Er fragte nicht nach Geld, er verkaufte nicht seinen Körper, er rechnete nicht mit Sex, er rechnete vermutlich mit gar nichts.

Solche Szenen sind es, an die ich denke, wenn ich sage, sie sind nicht anschlußfähig, sie verbinden sich mit nichts in unserer eigenen Erfahrungswelt, sie bleiben vereinzelt, unbegriffen, weil sich die emotionale Textur einer Welt so schnell nicht verstehen lässt, in der ein Junge sich als Sohn anbietet.

No, I am sorry, I don't want to have a son." –

But I don't have a daddy"...

Was sollte man auch dazu sagen? „I only have a mother"

Was für ein Leben musste das sein, aus dem es sich so zu verschwinden lohnt? Wie schwach muss die Bindung an die eigene Mutter sein, dass sie so leicht zu verlassen ist? Wie brutal das Zuhause, dass es freiwillig gegen etwas Unbekanntes einzutauschen ist?

Vielleicht ist es abwegig, so darüber nachzudenken. Vielleicht ist das ungerecht. Was weiss denn ich? Wie oft hatte dieser Junge genau diese Szene bereits gesehen: ein Auto stoppt, ein weisses Paar steigt aus, und will einen Jungen mitnehmen? Wie oft war ein einzelner Mann ausgestiegen? Wieviele seiner Freunde waren schon so fortgezogen, irgendwohin, weit weg, wo weiße Menschen wie wir lebten, die es sich leisten konnten, nach Haiti zu fliegen, nur um zu sehen, wie schlimm es dort aussieht, nach einem Erdbeben? Wieviele seiner Freunde waren schon weit weg gegangen, dorthin, wo weiße Menschen lebten, die es sich leisten konnten, nach Haiti zu fliegen, nur um sich hier „Frischfleisch" für ihre krankhafte Pädophilie zu besorgen? Wieviele seiner Freunde waren so schon vergewaltigt und misshandelt worden ohne, dass er es wüsste, denn Briefe schreiben die Freunde nicht mehr, wenn sie einmal fort sind?

Von Haiti zu erzählen ist deswegen so schwer, weil die Trostlosigkeit dort die eigene Vorstellungskraft übersteigt. Weil es jenseits unserer Erfahrung liegt und jenseits aller Erfahrung, die ein Mensch erleiden sollte. Weil es einen fassungslos zurück lässt, fassungs-los, weil man nach Fassung ringt, aber auch weil es nicht zu fassen ist, es lässt sich nicht handlich machen, nicht kleinteiliger, nicht herunterbrechen auf etwas, das wir verstehen können. Es lässt sich so schwer verstehen, weil man es nicht verstehen will. Die Psyche sperrt sich, das moralische Empfinden sperrt sich, das Bewusstsein sperrt sich.

Wer will schon das Leben eines Kindes verstehen, wer will sich das Leben eines Kindes schon ausmalen, das sich einem Fremden anbietet, einfach so.

Von Haiti zu erzählen ist auch deswegen so schwer, weil das, was in den Medien von Haiti zu sehen war, nicht das erfasst, was in Haiti zu sehen ist.

Die Bilder, die sich durchsetzten in den Bildredaktionen oder Nachrichten-Redaktionen zeigten zumeist einzelne zusammengebrochene Gebäude, an denen die wütende Kraft des Erdbebens deutlich wurde. Wie die Photos von dem großen, eleganten Präsidentenpalast, der in sich zusammengesackt war. Wieder und wieder hatten Photographen nach dem einen ikonographischen Bild gesucht, das das ganze Elend symbolisch abbilden kann. Aber die Suche nach einem Bild, das alles erklärt, verändert den Blick. Sie lässt nach einem trauernden Kind, nach einem Leichnam im Schutt, nach reckenden Händen in einer hungrigen Menge suchen.

Diese Bilder sind nicht falsch. Sie stimmen.

Aber sie zeigen nur die Qualität des Leids, nur die Macht der Zerstörung. Aber nicht die Quantität, nicht das Ausmaß. Dafür reicht ein Bild nicht aus. Dafür braucht es Geschichten aus Bildern, Erzählungen von verschiedenen Bildern, die Landschaften abdecken, nicht einzelne Grundstücke.

Das könnte für bewegte Bilder und damit das Fernsehen anders sein, schließlich wäre es dort möglich, Bildfolgen zu zeigen, aber wenn die Bildfolgen ihrerseits nur aneinander geschnittene Bilder oder Sequenzen von Bildern zeigen, die nach ähnlichen Gesichtspunkten ausgewählt sind, die in sich kleine Gemälde sind, komponierte Still-Leben, dann vermitteln auch sie vielleicht maximale Dramatik im Bild, aber nicht unbedingt die dramatische Situation auf Haiti.

Am ehesten wäre eine langweilige Kamerafahrt durch eine einzige Straße angemessen, die die Langmütigkeit des Schreckens einfängt, eine Fahrt, bei der ein zerstörtes Haus nach dem nächsten in den Blick gerät, und noch eins, und noch eins. Die Häuser selbst müssten gar nichts Besonderes an sich haben, es brauchte nicht einmal verweinte Frauen oder verwesende Leichen vor diesen Trümmern, einfach nur ein Haus nach dem anderen...

Ich zumindest hatte das so vorher nicht gesehen, und ich hatte es mir auch in seinem Ausmaß so nicht vorstellen können.

Am ersten Abend fuhren wir durch die Straßen von Port au Prince und ich redete mir ein, dass die Zerstörung begrenzt sei, dass das Erdbeben weniger schlimm als befürchtet gewütet hatte, ich sah einzelne intakte Gebäude und versuchte, mich zu beruhigen. Die Wucht des Bebens, die schreckliche Kraft, las ich an einzelnen Ruinen ab: der zerstörten Kathedrale, dem Finanzministerium, an den Gebäuden der Macht.

Das war erschreckend, aber es war begrenzt.

Doch am zweiten Tag und am dritten Tag und am vierten, zogen wir weitere Kreise, fuhren weitere Straßen, durchwanderten weitere Viertel und sahen immer weitere Zerstörungen, überall, Trümmer über Trümmer, Häuser, die in sich zusammengesunken waren, sodass nur noch die Decken der einzelnen Stockwerke übereinanderlagen wie bei einem Schichtkuchen, Häuser, die sich seitswärts verzogen hatten, die in der Achse gebrochen waren, wir liefen Straßen ab, in denen jedes Haus in eine andere Richtung verschoben war, und erst dann wurde deutlich wie grenzenlos die Zerstörungen sind, wie ein Fluß ohne Ufer, keine Gegend, die heil geblieben wäre, ein heil-loses Elend, das zwar in seiner Qualität darstellbar ist, aber kaum in seiner Quantität.

Diese Quantität ist nicht einfach nur ein ästhetisches Problem. Das Ausmaß dieser Katastrophe ist nicht bloß ein Darstellungsproblem.

Das ist es auch. Aber nicht nur.

Das Ausmaß dieser Katastrophe, die Quantität des Verlusts, des Kummers und der Trauer, das ist auch ein moralisches Problem, es wirft existentielle Fragen auf, nach den Grenzen des Erträglichen, nach dem Adressaten der Klage, nach der Quelle des Leids: wenn das Schicksal sich in ewiger Wiederholung über Haiti entlädt, wenn der Zufall so oft dieses Land versehrt, wie schnell beginnen wir an der Zufälligkeit des Zufalls zu zweifeln.

Kann diese Ungerechtigkeit wirklich unverschuldet sein? Ist es ein Fluch oder ist es auch Unvermögen?

Das schiere Ausmaß der haitianischen Tragödien, der Abfolge von Naturkatastrophen und Staatsstreichen, die Wiederholung von Tod und Verwüstung, scheint uns natürlich nicht mehr erklärlich.

Vielleicht kann ich auch deswegen nicht aufhören, über Haiti nachzudenken, über das Unrecht, über das, was so Besonders ist an diesem Land und seiner Verzweiflung.

Selten habe ich mich auf einer Reise so hilflos gefühlt, nicht nur hilflos im Handeln angesichts der immensen Not, sondern auch hilflos im Denken, über das, was richtig und was falsch ist, was möglich und unmöglich ist, was erträglich und was unerträglich.

In Fort National, einer armen Gegend im Norden von Port au Prince saß ein Mann vor den Trümmern seines Hauses und hämmerte auf einen gekrümmten Stahlbügel. Das Gebäude hinter ihm war unbetretbar, es gab keinen Eingang mehr, keinen Raum, keine Kontur des Hauses, das einmal sein Zuhause gewesen war, rechts und links von ihm türmten sich Geröllmassen, Stahlträger und Schutt, weiter links und rechts von ihm standen und lagen ein zerstörtes Haus neben dem anderen, die ganze Straße entlang, den Hügel hinauf und hinab, nichts als Trümmer, flachgepresst, aufgerissen, querliegende Dächer oder Decken, alles in Fort National, die Schule, die Kirche, der Lottoladen, alles zerstört.

Und da sitzt er nun und schlägt mit einem kleinen Hammer auf diesem Stück Eisen herum.

Wozu?

Wozu macht er das? Was bringt das noch? Wie sinnlos ist es, an diesem Detail herumzuackern, wenn doch das ganze Haus zerstört ist, die Straße, die Nachbarschaft, ganz Port au Prince.

Einige Häuser, einige zerstörte Häuser weiter sitzt eine Frau auf einem kleinen drahtigen Stuhl auf dem Boden eines Hauses, das nicht mehr steht. Sie sitzt da einfach und tut nichts. Es gibt keine Wände mehr, keine Mauern, keine Türen, keine Fenster, nichts. Und doch kommt sie hierher und sitzt in ihrem ehemaligen Wohnzimmer als ob es noch stünde. Wozu? Wozu macht sie das? Wie sinnlos ist das, untätig herumzusitzen und vor sich hin zu starren? In den Trümmern hinter ihr liegen ihre Mutter und ihre Nichte, wie soll sie da weggehen, sagt sie, wie kann sie nicht hierherkommen, jeden Tag, und auf dem kleinen Stuhl im Nichts sitzen, ohne Abschied lässt sich nicht trauern.

Wie oft hat sie wohl schon so dagesessen? Wieviele Angehörige hat sie schon verloren, bei diesem Erdbeben oder bei früheren Naturkatastrophen, bei Staatstreichen, Putschversuchen, Militär-Interventionen, wie viel Kraft trägt sie noch in sich, wie wehrlos wird ein Mensch, dem wieder und wieder, ohne eigenes zutun, alles Aufgebaute genommen wird? Wie hoffnungslos, wie mürbe?

Wie ich so durch die Straßen von Fort National wander, vorbei an dem Leichengeruch, der aus den Trümmern dringt, vorbei an den Kindern, die neben der offenen Feuerstelle harren auf eine Schale Suppe, vorbei an den Männern, die vor sich hin schweigen, weil es nichts mehr zu sagen gibt, da frage ich mich, ob sie sich an das Leid, das ihnen widerfährt, gewöhnen?

Vielleicht wünsche ich mir das nur, weil es dann erträglicher wäre, für mich, die ich nichts zu ertragen habe, vielleicht kann ich es nicht aushalten, was sie aushalten müssen, vielleicht frage ich mich deshalb: Wird der Schmerz geringer, wenn er zu einem ständigen Begleiter geworden ist?

Stimmt das? Nimmt das Leid ab, nur weil es sich wiederholt? Gibt es eine Halbwertszeit für Schmerz? Ist die Tragödie wirklich geringer, wenn sie länger anhält? Glauben wir das? Dass Menschen weniger leiden, je länger sie leiden? Dass sie sich daran gewöhnen?

Ich werde wieder nach Haiti fahren. Weil die Not anhält, weil die Trauer gerade erst begonnen hat, und weil ich es noch nicht verstanden habe, was dort geschehen ist, weil ich nicht verstanden habe, wie die Menschen weiterleben können, woher sie die Kraft nehmen, den Glauben auch, der unerschüttert scheint, auch wenn alles andere erschüttert und zerstört ist, weil ich noch all diese Fragen habe, weil ich es noch nicht gut genug erklärt habe, wie das ist: Haiti.



© Sebastian Bolesch
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