Carolin Emcke
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"Der Schmerz nach dem Krieg"

Es gibt Lügen, die sind keine richtigen Lügen. Es gibt Lügen, die es braucht, die aus Hoffnung erfunden werden oder aus Not, die nicht anderen, sondern sich selbst erzählt werden. Jeden Tag. Sie bestehen aus Geschichten oder aus Schweigen, aus Gesten oder Ritualen, kleinen Fluchthelfern der Phantasie, ohne die es kein Überleben gäbe in Gegenden wie diesen.

Für Hekmat Bessio, 43, sind es die Schuhe, die sie braucht, um die Wahrheit noch ein wenig vor sich herzuschieben. Ein Paar handgefertigte Schuhe hat sie gekauft. Schon vor einer Weile. Hier in Ramallah, der boomenden Stadt im Westjordanland mit den modischen Geschäften, in dem die Palästinensische Autonomiebehörde regiert. Braun und ledern sind die Schuhe. Größe 45. Für ihren ältesten Sohn Mustafa. Dort, auf der anderen Seite, in Gaza, dem eingezäunten Streifen Land, das von Hamas regiert wird. Aber dann hat sie die Schuhe behalten. Sie hat sie aufbewahrt in der grünen Plastiktüte des Geschäfts bei sich zuhaus. „Solange ich die Schuhe bei mir habe," sagt Hekmat und streicht sich über das Kopftuch," solange glaube ich, dass wir uns wiedersehen eines Tages."

Seit sechs Jahren lebt Mustafa getrennt von seiner Mutter und den drei Schwestern....



© Patrick Tombola