Willkommen bei Carolin Emcke"Der lange Weg zur Gerechtigkeit"Es gibt Geschichten, die haben keinen Anfang, weil niemand weiß, wieso sie geschehen. Sie lassen sich erzählen, aber sie lassen sich nicht begreifen. Sie werfen nur Fragen auf und bieten keine Antworten. Die Geschichte von Grace ist so eine Geschichte. Grace singt. »If you're happy and you know it, clap your hands« , sie klatscht in die Hände, klapp, klapp, Grace singt und klatscht vergnügt wie alle anderen Kinder, »If you're happy and you know it, clap your hands« , klapp, klapp, es ist acht Uhr morgens, die erste Stunde des christlichen Kindergartens in Meru, Kenia, hat begonnen, erst mit einem Bibelvers, »Am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde«, und nun mit diesem Lied der Freude, die man sehen und hören muss, »If you're happy and you know it, then you really got to show it, clap your hands« , klapp, klapp, Grace trägt wie die anderen achtzehn Kinder ihre Schuluniform, einen blauen Jeansrock und ein rotes Polohemd unter einem blauen Wollpullover. »If you're happy and you know it, tap your toe«, Grace stapft mit ihrem Fuß auf den Boden, erst mit dem einen, dann mit dem anderen, tap, tap, morgens hatte noch ihr großer Zeh aus einem Loch im Socken geschaut, und Grace hatte lachen müssen über das nackte Ding, das dann eilig in ihren etwas zu großen Schuhen versteckt wurde. »God is love« , steht in einem rosafarbenen, gemalten Herz auf der Wand ihres Schulzimmers, und Grace singt und klatscht und stampft, wie alle anderen Kinder, und wenn sie nicht an manchen Tagen unkontrolliert erbrechen und urinieren würde, könnte man denken, Grace sei ein glückliches Kind... |